Mit Niederlagen umgehen lernen: Die Höhen und die tiefen des Lebens

13.12.2011

Kann man immer nur gewinnen? Wer Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter hat, weiß es aus eigener Anschauung: In den unteren Grundschulklassen gibt es keine Noten mehr, bei Wettkämpfen bekommen alle Kinder ihre Urkunde oder Medaille und auch viele als „pädagogisch wertvoll“ geltende Freizeitspiele kennen keinen Sieger oder Verlierer mehr. In manchen Familien soll es üblich sein, dass Geschwisterkinder zum Geburtstag des Bruders oder der Schwester ebenfalls ein Geschenk bekommen – wobei es sich ausdrücklich nicht um Zwillinge handelt. Hintergedanke: Das Geschwisterkind soll sich gegenüber dem Geburtstagskind nicht benachteiligt fühlen. Und gelobt wird – nicht nur von Erziehern, sondern auch von Eltern und Verwandten – grundsätzlich meist schon der Versuch, nicht erst der Erfolg.

In diesem Stil geht es im Schulleben weiter: Schlechte Noten werden möglichst nicht mehr vergeben, auch andere erzieherische Härten werden nach Kräften vermieden, es wird viel gefördert und immer weniger gefordert. Und wo die Förderung nicht ausreicht, wird schon mal der Erwartungshorizont gesenkt, d. h. die Ansprüche werden niedriger.

Darin scheint sich eine besondere Humanität und Rücksichtnahme auszusprechen: Man möchte auch den weniger Begabten, den Schwachen und Leistungsfernen Anerkennung und Respekt zollen. An sich ein schöner Gedanke, doch leider spielt das Leben außerhalb der Bildungseinrichtungen meist nach anderen Regeln. Es kennt vor allem eine klare Unterscheidung: die zwischen Siegern und Verlierern. Wer in seiner Kindheit und Jugend nie gelernt hat, mit Niederlagen umzugehen, erlebt spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben eine harte Landung in der Realität. Wäre es nicht sinnvoll, die Kinder auch auf Niederlagen vorzubereiten?

Niederlagen tun weh – doch wie viel Schmerz müssen wir aushalten können?

Niemand verliert gern, denn Niederlagen schmerzen. Je höher der Einsatz war, desto schmerzlicher werden Niederlagen erlebt. Der Sportler etwa, der sich monatelang auf einen Wettkampf vorbereitet hat und der nun infolge einer kleinen, an sich harmlosen Virusinfektion nicht sein volles Leistungsniveau erreicht und nur als Dritter oder Vierter über die Ziellinie geht – er erlebt den Schmerz der Niederlage ebenso wie der Unterlegene im Bewerbungsverfahren um den Abteilungsleiterposten. Gerade weil Niederlagen weh tun können, wird man alles daran setzen, sie zu vermeiden. Man kann sie zu vermeiden versuchen, indem man sich bemüht, besser zu sein. Man kann sie aber auch grundsätzlich vermeiden, indem man sich aus möglichst vielen wettkampfähnlichen Situationen heraushält. Aber ist das wirklich eine Lösung? Wer gar nicht erst antritt aus Sorge, er könnte verlieren, entzieht sich dem Leben. 

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