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Infos zur Ernährung

Orthorexie - Wenn gesunde Ernährung zwanghaft wird

Sie ernähren sich gesund mit viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukten und wenig Fleisch? Sie informieren sich gründlich darüber, was Ihr Körper braucht und was ihm vielleicht schadet? Herzlichen Glückwunsch! Viele ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten werden Ihnen vermutlich erspart bleiben.

Doch wie streng sind Sie mit sich selbst? Haben Sie Schuldgefühle und ein anhaltend schlechtes Gewissen, wenn Sie Ihre Ernährungsregeln einmal nicht einhalten können? Oder meiden Sie gar Einladungen zum Essen bei Freunden, weil man es dort mit der gesunden Ernährung nicht immer so genau nimmt? Kreisen Ihre Gedanken ständig um die nächste Mahlzeit und die Frage, welche Nährstoffe Sie noch brauchen, um allen Anforderungen an eine perfekte Ernährung gerecht zu werden? Und unterteilen Sie Nahrungsmittel nach gut und böse? Dann ist es Zeit, über dieses Verhalten nachzudenken. Denn jede noch so gesunde Ernährungsform kann krank machen, wenn sie zwanghaft wird.



Krankhaftes Gesundessen

Der Arzt Steven Bratman prägte 1997 den Namen Orthorexia nervosa für das Phänomen des zwanghaften Richtigessens. Er selbst hatte seine gesunde Ernährungsweise derart ins Krankhafte gesteigert, dass er nur noch Gemüse aß, welches nicht mehr als eine Viertelstunde zuvor geerntet worden war. Die Erscheinungsformen der Orthorexie sind jedoch vielfältig und nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, da sie im Gewand einer scheinbar gesunden Ernährungsweise daherkommen: Die einen essen nur noch Nahrungsmittel aus dem eigenen Garten, andere bevorzugen ein Dasein als Rohköstler oder essen nur Früchte und werden so zu Frutariern oder Fruganern. Im Extremfall wird auch schon mal Zucker als „böses“ Nahrungsmittel komplett vom Speiseplan verbannt. Jede Packungsangabe wird bis ins Kleinste ausführlich studiert. Oder das Einkaufen findet nur unter Zuhilfenahme von Nährstofftabellen und empfohlenen Tageszufuhrmengen statt. Kurzum, jeder Extremköstler ist auf seine Art gefährdet – nämlich immer dann, wenn alles andere im Leben der Ideologie des Richtigessens untergeordnet wird. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, viele Essensfanatiker sind zwischen 30 und 40 Jahre alt und in Sachen Ernährung bestens informiert.

Mögliche Ursachen und Folgen

Manchmal dient die zwanghafte Beschäftigung mit dem richtigen Essen als Ablenkung von anderen Problemen, denen der Betroffene sich nicht gewachsen fühlt, wie etwa einer gescheiterten Beziehung. In diesem Fall möchte er wenigstens seinen Körper und seine Ernährung jederzeit unter Kontrolle haben. Andere verbinden eine konsequente Ernährung mit Attraktivität und Erfolg, sie möchten einfach besser sein als die anderen. Unsere Gesellschaft ist sehr leistungsorientiert, da gilt das Leistungsprinzip mitunter auch beim Essen und verdrängt Freude, Genuss und Geselligkeit. Die Folgen bleiben nicht aus: Wer zu viele Nahrungsmittel verteufelt und nur sehr eingeschränkt isst, muss letztendlich mit Mangelerscheinungen rechnen und ist auch vor Magersucht nicht gefeit. Außerdem droht die soziale Isolation: Betroffene verbringen ihre Mittagspause nicht mehr mit den Kollegen in der Kantine, gehen nicht aus und nehmen Einladungen zum Essen gar nicht erst an. Die verzehrten Lebensmittel genügen zwar immer mehr den eigenen hohen Anforderungen, doch die Lebensfreude bleibt auf der Strecke.

Den Teufelskreis durchbrechen

Ein Essensfanatiker erkennt häufig sein Problem nicht, da er aus seiner Sicht ja alles richtig macht. Manchmal helfen schon einige Gespräche unter guten Freunden, um den Betroffenen klar zu machen, dass ihr zwanghaftes Essen mit einem gewaltigen Verlust an Lebensqualität einhergeht. Beim gemeinsamen Kochen kann man dann wieder für mehr Abwechslung auf dem Teller sorgen. Nährstoff- und Kalorientabellen werden dabei konsequent verbannt. Langfristig sollten wieder Genuss und Freude am Essen in den Vordergrund rücken. Kochen in geselliger Runde macht einfach mehr Spaß, als allein in der Küche zu stehen. Wer allerdings andere schwerwiegende Probleme mit dem Richtigessen zu kompensieren versucht, sollte gegebenenfalls therapeutischen Rat einholen.

Wer auf ärztliche Verordnung hin bestimmte Nahrungsmittel meiden muss, sollte dieses Gebot natürlich unbedingt einhalten, um seine Gesundheit nicht zu gefährden!