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Nah­rungs­mit­telun­ver­träg­lich­kei­ten

Der Nocebo-Effekt

Erwartung macht Bauchweh: der Nocebo-Effekt

Bauchweh, Blähungen oder leichte Krämpfe nach dem Essen? Könnte vielleicht an der üppigen Quarkspeise oder dem leckeren Baguette zum Salat und dem anschließenden Nudelgericht gelegen haben. So wird der vermeintlich Schuldige, nämlich die Laktose aus dem Quark oder das Gluten aus dem Weizenbrot und den Nudeln, schnell dingfest gemacht. Schließlich sind Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf dem Vormarsch und die Regale der Supermärkte prall gefüllt mit speziellen Produkten für Betroffene. Und fast jeder kennt jemanden, der Probleme mit Milch oder Getreide hat. Da liegt es doch nahe, die eigenen Bauchschmerzen ebenfalls mit dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel in Verbindung zu bringen. Und wer einmal diesen Zusammenhang hergestellt hat, bekommt nach dem Verzehr von Milch- oder Getreideprodukten dann wiederholt einen Blähbauch. Diese negative Erwartungshaltung und ihre Erfüllung bezeichnet man als Nocebo-Effekt.

Nocebo: Ich werde schaden

Jeder kennt den Placebo-Effekt: Die positive Erwartungshaltung an ein Medikament oder eine Behandlung zieht eine tatsächliche Verbesserung des Gesundheitszustands nach sich. Selbst unter Einsatz eines Scheinmedikaments kann eine Heilung erreicht werden. Das Gegenteil davon mit all seinen negativen Auswirkungen ist der Nocebo-Effekt. Hier führt eine pessimistische Erwartungshaltung zu einer Verschlechterung von Symptomen oder löst diese sogar erst aus. So ist es häufig auch beim Essen. Gerade bei unspezifischen Beschwerden wie Blähungen, Bauchweh, veränderten Stuhleigenschaften oder Müdigkeit werden schon mal Milch oder Getreide als Bösewichte ausfindig gemacht. Mit dieser subjektiven Erkenntnis automatisiert sich dann der Prozess. Als Folge treten nach jedem Verzehr von Milch oder Getreide die erwarteten Symptome auf.

Dauerthema Allergien und Unverträglichkeiten

Etwa 30 Prozent der Deutschen glauben, an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden. Die tatsächlichen Zahlen dürften weit darunter liegen. Zwar haben allergische Erkrankungen in den letzten Jahren zugenommen, dennoch werden echte Lebensmittelallergien nur bei etwa zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen diagnostiziert, bei Kindern liegen die Zahlen etwas höher. Unverträglichkeiten sind zahlenmäßig nur schwer zu belegen, sie sind aber deutlich seltener als angenommen. Angefeuert wird das persönliche Gefühl, an einer Unverträglichkeit zu leiden, durch die Dauerpräsenz von Allergien und Unverträglichkeiten in den Medien. Weizen gerät geradezu ins Kreuzfeuer und gilt bei einigen als einer der Hauptverursacher von Übergewicht und zahlreichen Krankheiten. Auch die große Angebotspalette laktose- und glutenfreier Produkte in den Supermärkten legt den Gedanken an eine große Verbreitung von Unverträglichkeiten innerhalb der Bevölkerung nahe. Der Umsatz dieser Lebensmittel, die frei von Gluten oder Laktose sind, schnellt in die Höhe. Die einen kaufen sie bevorzugt, weil sie glauben, bei sich eine Unverträglichkeit festgestellt zu haben, andere kaufen sie sozusagen sicherheitshalber. Sie hoffen, auf diese Weise einer möglichen Unverträglichkeit schon im Vorfeld eine Absage zu erteilen.

Dem Bauchweh auf der Spur

Doch solche Vorsichtsmaßnahmen sind in den allermeisten Fällen völlig unbegründet. Eine selbst auferlegte Vermeidung von laktose- oder glutenhaltigen Produkten kann sogar Schaden anrichten: Zum einen besteht die Gefahr einer Fehlernährung, wenn der strenge Verzicht auf Milchprodukte etwa einen Kalziummangel nach sich zieht, zum anderen werden die wahren Ursachen der Symptome verschleiert. Oftmals stecken seelische Belastungen oder Stress hinter Bauchschmerzen. Sollten Sie also mit Blähbäuchen, Völlegefühl oder Krämpfen Probleme haben, folgen Sie nicht einer selbstauferlegten Diät in Sachen Milch oder Getreide. Führen Sie statt dessen eine Zeitlang konsequent ein Ernährungstagebuch. Und beobachten Sie Ihre Essgewohnheiten: Essen unter Zeitdruck oder der häufige Griff zu einem Fastfood-to-go kann ebenfalls Magen- und Darmbeschwerden nach sich ziehen. Wenn Ihre Beschwerden über einen längeren Zeitraum andauern, suchen Sie Ihre Arztpraxis auf und nehmen Sie Ihre Aufzeichnungen gleich mit. Das erleichtert in vielen Fällen die Diagnose.