Menü Menü schließen

Entspannung

Stress hat immer mit Zeit zu tun. Denn Stress entsteht entweder, weil man zu wenig Zeit hat und einem der Zeitdruck im Nacken sitzt. Oder Stress entsteht, weil man zu viel Zeit hat – freie Zeit, die nicht sinnvoll ausgefüllt werden kann. Stress kann Unterforderung wie Überforderung als Ursache haben. Im Zentrum beider Situationen stehen die Zeit und unser Verhältnis zu ihr.

Stressfaktor Zeit: Nimm dir Zeit. Sonst nimmt sie Dich.

Innere Zeit und Uhrzeit

In der Zeittheorie wird seit Aristoteles unterschieden zwischen dem inneren Zeitgefühl und der messbaren, der physikalischen oder astronomischen Zeit. Diesen Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Zeit kennt jeder aus eigenem Erleben: Obwohl man volle drei Stunden mit der besten Freundin in einer überaus angenehmen Situation verbracht hat, kommt es einem vor, als ob höchstens eine Stunde vergangen ist. Die Zeit ist natürlich nur in der inneren Wahrnehmung wie im Fluge vergangen, nicht auf dem Ziffernblatt – dort waren es volle 180 Minuten und nicht nur ein Augenblick. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Sie sitzen seit 9:00 Uhr in einem todlangweiligen Meeting, schauen gegen Mittag auf die Uhr – doch die sagt Ihnen, dass es in Wirklichkeit erst 9:45 Uhr ist. Irritiert prüfen Sie, ob Ihre Uhr vielleicht stehen geblieben ist. Doch nein, sie geht. Die Zeit scheint sich ins Endlose zu dehnen. Doch sie tut dies natürlich nur in Ihrer inneren Wahrnehmung. Beobachten Sie Ihre Zeitwahrnehmung über ein paar Tage hinweg etwas genauer, wird Ihnen dieses Phänomen öfter auffallen: Innere Zeitwahrnehmung und objektive Zeit stimmen zwar manchmal, aber keineswegs immer überein.

Zeit gewinnen, Zeit verlieren

Ob im Berufsalltag oder im Privatleben: Türmen sich die zeitnah zu erledigenden Dinge vor Ihnen auf, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass Ihnen die Zeit davonläuft. Wenn Sie sich vor der Erledigung dieser dringlichen Sachen drücken, versuchen umgekehrt Sie, der Zeit davonzulaufen. Doch das ist immer aussichtslos, denn die Zeit lässt sich so einfach nicht austricksen. Deswegen fühlen immer mehr Menschen sich heute als Sklaven des Sekundenzeigers – auch dann, wenn ihre Uhr längst eine digitale Anzeige hat. Doch wer macht uns zu Sklaven des Sekundenzeigers? Der Chef? Der steht selbst unter Zeitdruck. Nein, wir selbst sind es, die wir uns zu Sklaven der Zeit machen und dem sogar noch einen Unterhaltungswert abgewinnen können. Man schaue sich nur einmal die Rekordsucht beim Sport an – ob Radrennen, Autorennen, Skirennen, Hürdenlauf, Schwimmsport – hier zählen nicht nur Sekunden, sondern hundertstel und tausendstel Sekunden. Selbst beim gemütlichen Schachsport tickt die Uhr sekundengenau. Ob Profisport, Beruf, Privatleben: Überall begleitet uns die Uhr und misst die Zeit. Dabei scheint die Zeit immer schneller abzulaufen: In vielen Firmen laufen Experten herum, die viel Geld und Zeit darauf verwenden, die Zeit anderer Menschen einzusparen, indem sie Arbeitsabläufe straffen und optimieren. Alles läuft immer schneller - nicht nur die PC-Updates werden immer häufiger nötig, auch die persönlichen Updates. Wir aber sind keine Maschinen. Lassen Sie sich diesen Allerweltsspruch „Zeit ist Geld“ langsam auf der Zunge zergehen. Wird Ihnen dann nicht auch übel? Nein, Zeit ist nicht Geld, sondern Lebenszeit. Ihre Lebenszeit!

Leben unter Zeitdruck macht krank

Tagein, tagaus Hast und Hetze, ein Leben ohne Pausen, keine Zeit, sich um gesunde Ernährung und Arztbesuche zu kümmern, dafür Nikotin, Alkohol und andere Drogen als vermeintliche Helfer gegen Nervosität und Unruhe – dieser Weg führt Sie zielsicher in den Herzinfarkt. Nicht umsonst löst ein Leben in Hast und Hetze früher oder später eine persönliche Endzeitstimmung aus – das Gefühl also, dass die eigene Zeit bald abgelaufen sein könnte, wenn man so weitermacht. Selbst die Menschen, die im Beruf scheinbar mühelos ein hohes Tempo vorlegen und Berge an Arbeit bewältigen, die eines Herkules würdig wären, schaffen das nicht auf Dauer. Drei, vier, vielleicht auch fünf Jahre unter Hochdruck arbeiten – das mag zur Not angehen. Aber dann brauchen Körper, Geist und Seele eine Pause. Nicht nur eine Woche Urlaub oder zwei. Nein – eine richtige Pause, eine Auszeit. Eine Pausenzeit zum Ausspannen, zur Besinnung, zum Umdenken. Geben Sie sich diese Pause nicht, werden Sie über kurz oder lang eine Zwangspause einlegen müssen, weil irgendetwas in Ihnen streikt. Sie entwickeln dann auf körperlicher und seelischer Ebene Stresssymptome wie Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, chronische Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Angstzustände, Depressionen und dergleichen mehr. Lassen Sie es nicht so weit kommen.

Auszeit

Besser als die durch Krankheit erzwungene Auszeit ist die freiwillige Auszeit: Nehmen Sie mindestens vier Wochen Urlaub am Stück – Ihr Chef wird sich, wenn Sie ihm Ihre Situation schildern, dreimal überlegen, ob er Ihnen den Urlaub wirklich verweigert. Die Alternative wäre ja womöglich eine längerfristige Krankschreibung. Damit aber wäre niemandem gedient. Noch besser als der Jahresurlaub am Stück wäre natürlich ein sogenanntes Sabbatjahr. Man muss dafür nicht unbedingt ganz aussteigen, sondern kann eine Weile auf Teilzeit gehen. Neben teilweisem Lohnverzicht können auch angestaute Überstunden eingebracht werden. Zwar muss man sich Teilzeit oder unbezahlten Urlaub erst einmal leisten können – Durchschnittsverdienern mit Familie wird es sehr schwer fallen, ein Sabbatjahr zu nehmen. Doch immerhin geht es um die Gesundheit und die Wiederherstellung der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Frage ist also nicht, ob man sich das Sabbatjahr leisten kann, sondern ob man es sich leisten kann, es nicht zu nehmen. Wir sind, wie gesagt, keine Maschinen. Wenn Ihnen Teilzeit als Entlastungsstrategie nicht möglich ist, versuchen Sie wenigstens, kleine Inseln der Ruhe im Meer der Zeit zu schaffen. Errichten Sie Tabuzonen in Ihrem Leben. Treten Sie kürzer. Entdecken Sie die Langsamkeit als Marschtempo. Gewinnen Sie Zeit – Lebenszeit!

Das gegenteilige Problem – wir können unsere Zeit nicht ausfüllen

Menschen, die in den Ruhestand gehen, arbeitslos werden oder langfristig krankgeschrieben sind, sind oft ebenfalls stressgefährdet. Der Grund ist hier nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig. Zwar gibt es keinen Zeitdruck mehr, aber eben auch keine sinnvoll gefüllte Zeit. Dann wird die Zeit selbst früher oder später zum Druck, endlich etwas zu unternehmen, sich zu beschäftigen, Sinnvolles zu tun. Das klassische Ruheständlerloch etwa tut sich nicht sofort auf, sondern meist erst nach fünf oder sechs oder auch 12 Monaten. Konnte der frisch gebackene Ruheständler die ersten Monate im Bewusstsein seiner Freiheit noch genießen, fällt ihm spätestens nach einem Jahr die Decke auf den Kopf. Es treten in dieser Situation der Unterforderung ganz ähnliche Stresssymptome auf wie im Fall der Überforderung. Deshalb sollte jeder Mensch sich rechtzeitig und intensiv Gedanken darüber machen, womit er die Zeit nach der Verrentung produktiv verbringen kann. Im Fall der Langzeitarbeitslosigkeit kann die plötzlich leer gewordene Zeit noch belastender sein – von allem Behördenverdruss und Einkommensverlusten abgesehen, ist plötzlich ein Übermaß an freier Zeit vorhanden, während um einen herum alle Welt weiter unter erheblichem Zeitdruck steht. Ganz Ähnliches erlebt, wer durch eine chronische Erkrankung aus dem Rennen geworfen wurde. Auch hier sollte man sich bemühen, das Zeitloch möglichst rasch und sinnvoll zu füllen. Vom anspruchsvollen Hobby über sportliche Betätigung bis hin zum ehrenamtlichen Engagement bieten sich viele Möglichkeiten. Doch man muss sie auch ergreifen. Das wäre dann die wohl wirksamste Prävention gegen jenen Stress, der aus der Unterforderung erwächst.

Elementares Zeiterleben

Die entscheidende Botschaft lautet: Betreiben Sie aktive Stressprävention, indem Sie Ihren Umgang mit der Zeit überdenken. Selbstverständlich ist in einer sekundengenau getakteten Industriegesellschaft eine Rebellion gegen das Uhrzeitdiktat zum Scheitern verurteilt bzw. echten Totalaussteigern vorbehalten, die sich von jeder Konvention verabschieden und auf eine einsame Insel oder an einen entlegenen Fjord auswandern. Wenn Sie diesen Weg erfolgreich gehen wollen, brauchen Sie entweder ein sehr gutes Nervenkostüm oder finanzielle Unabhängigkeit. Alternativ könnten Sie versuchen, Ihr Leben wenigstens in Teilbereichen dem Diktat der Zeit zu entziehen. Im beruflichen Bereich gibt es vielleicht Gleitzeit- oder Teilzeitangebote; beides kann es Ihnen erleichtern, Ihrer inneren Zeit zu folgen, indem Sie beispielsweise später mit der Arbeit beginnen.

Im Privatbereich ist es wesentlich einfacher, dem Zeitdiktat zu entfliehen. Ein entscheidender Schritt könnte sein, auf das Fernsehprogramm zu verzichten. Denn warum sollten Sie sich vorgeben lassen, wann Sie vor der Mattscheibe zu sitzen haben? Die wenigen sehenswerten Beiträge können Sie auch aufzeichnen. Auch feste Anrufzeiten mit Verwandten oder Freunden, pünktliche Essenszeiten und fixe Stammtischzeiten braucht es nicht zu geben. Befreien Sie sich aus dem Korsett der zeitlichen Fremdbestimmung. Lauschen Sie lieber Ihrer inneren Zeitstimme – Ihr persönlicher Biorhythmus sagt Ihnen nämlich mit wesentlich mehr Berechtigung als eine Uhr, wann es Zeit ist, zu essen, schlafen zu gehen oder sportlich aktiv zu werden. Neben dem Biorhythmus spielen auch Tageszeiten und Jahreszeiten eine wichtige Rolle – ihrem Einfluss kann der Mensch sich genauso wenig entziehen wie den Schicksalszeiten: Zeiten, in denen uns alles gelingt und Zeiten, in denen uns manches missrät. Naturvölker haben ihr Leben nie nach der Uhr gelebt, sondern immer nach Sonnenstand, Wetter, Stand der Sterne und Wasserstand. Diese elementaren Zeitmarken sagen einem nicht, wie spät es ist, sondern ob jagdbares Wild in der Nähe ist, ob es Zeit zu säen oder Zeit zu ernten ist. Um Naturvölker zu finden, brauchen wir übrigens nicht in die letzten unberührten Bergwälder Papua Neuguineas zu gehen. Wir selbst sind Naturvolk-Nachfahren und tragen das Erbe eines ganz anderen Zeitbewusstseins in uns. Dem haben wir uns in den letzten Jahrhunderten nur ein wenig entfremdet, doch es bleibt greifbar. Jederzeit.

Zeitlos gültig: Unsere Tipps für den Stressabbau

Sinnvoll genutzte Zeit – gegen den Stress durch Zeitdruck

Zeiträuber aussschalten:
Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Zeit hinten und vorne nicht reicht, schalten Sie systematisch alle Zeiträuber aus: PC-Spiele, TV, Handy und auch das Schwätzchen über den Gartenzaun bzw. zum Nachbarschreibtisch.
Pausen einplanen zur Regeneration: Niemand arbeitet unter Zeitdruck wirklich gut und zuverlässig. Planen Sie deshalb kleinere Pausenzeiten ein - und halten Sie sie auch ein.
Die Aufschieberitis (wissenschaftlich: Prokrastination) bekämpfen:
Erledigen Sie die Dinge so früh wie möglich. Sie kommen dann nicht in die Situation, dass irgendwann alles auf einmal erledigt werden muss.
Klare Ziele setzen - und sich daran halten:
Lassen Sie sich durch nichts ablenken, verfolgen Sie Ihren Weg! Tun Sie es nicht, bringen Sie Ihr gesamtes neues Zeitgefüge wieder durcheinander.
Auch mal "Nein" sagen:
Wenn Sie das Gefühl haben, dass die vorhandene Zeit nicht ausreicht, um weitere Aufgaben zu erledigen, sagen Sie frühzeitig Bescheid. So sparen Sie sich Ärger und Überlastung und Ihren Kollegen bzw. - wenn es um Freizeitaktivitäten geht - Freunden und Verwandten Enttäuschung und Verdruss.
Zeitbedarf realistisch einsetzen:
Seien Sie ehrlich bei der Zeitplanung. Kalkulieren Sie nicht zu knapp, sondern immer mit einem kleinen Zeitpuffer. Und: Packen Sie sich den "Stundenplan" nicht zu voll!

Mit Sinn erfüllte Zeit – gegen den Stress durch Langeweile und Unterforderung

Mit Muße nachdenken:
Wenn Sie nach Möglichkeiten suchen, freie Zeit sinnvoll zu gestalten, vermeiden Sie bitte den Kardinalfehler, sich unter Erfolgs- oder Zeitdruck zu setzen. Sonst wird aus der Unterforderung schnell wieder eine Überforderung. Gehen Sie mit Muße an die Sache heran.
Outdoor-Aktivitäten sind gesund:
Natürlich können Sie beschließen, Ihre freie Zeit als Modelleisenbahner oder Briefmarkensammler zu verbringen. Gesünder wäre es, sich ein Freilufthobby zuzulegen. Vögel beobachten, Insekten studieren, Naturfotografien oder Sport betreiben, lange Wanderungen unternehmen, das Rennrad entdecken - es gibt so viele Möglichkeiten!
Nach Mitstreitern Ausschau halten:
In jeder noch so sinnvollen Beschäftigung sind Durststrecken zu überwinden. Wenn Sie allein sind, steht am Ender der Durststrecke nicht selten das einsame Verdursten. Sind Sie hingegen zu mehreren unterwegs, wird die Gemeinschaft Sie zum Weitermachen motivieren.
Ein Hobby darf nicht teuer sein:
Je kostspieliger Ihre Beschäftigung ist, desto gefährdeter ist sie. Im Leben der meisten Menschen gibt es immer wieder Situationen, die vorübergehend oder dauerhaft zur Sparsamkeit zwingen. Ihr Bemühen, Ihre Zeit sinnvoll zu füllen, soll nicht daran scheitern, dass Sie irgendwann kein Geld mehr haben, um Ihrer Freizeitbeschäftigung nachzugehen.
Nicht in blinden Aktionismus verfallen, um die Langeweile schnell auszuschalten:
Verwechseln Sie nicht "etwas Sinnvolles unternehmen" mit "irgendetwas unternehmen". Bei "irgendetwas" ist die Luft schnell wieder raus und die Enttäuschung umso größer.
Soziales Engagement hilft allen:
Warum nicht die freie Zeit anderen Menschen oder auch Tieren im Tierheim schenken? So tun Sie sich und anderen Gutes: Sie selbst haben nicht das Gefühl, unterfordert zu sein (vermeiden also Stressreaktionen). Und anderen wird geholfen.