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Familie

Macht mal halblang!

Überforderte Kinder, überforderte Eltern

Eltern wollen immer nur das Beste für ihr Kind. Doch was ist das eigentlich? Die Kleinen sollen nicht nur die Schule mit guten Noten abschließen, sondern studieren. Die gemeinsame Zeit mit den Kindern muss auf jeden Fall „Quality Time“ sein. Die verbleibende Freizeit sollte möglichst mit außerschulischer Förderung verbracht werden, um nichts zu versäumen. Gleichzeitig ist das womöglich einzige Kind der Mittelpunkt der Familie und damit zum Erfolg geradezu verdammt, da sonst das ganze Familienmodell zu scheitern droht.

Viele Eltern sind trotz boomender Ratgeberliteratur verunsichert und fühlen sich mit der Erziehung überfordert. Oftmals ruft der auf ihnen lastende Druck bei ihren Kindern Blockaden und Ängste aus. Dabei hilft es meist schon, das eigene Kind nicht ständig an idealen Entwicklungsparametern zu messen und einfach wieder mehr der eigenen Intuition im Umgang mit dem Kind zu vertrauen. Kinder sind ohnehin nicht wie Maschinen berechenbar und folgen keinen Idealvorgaben.

Zeit miteinander haben

Sie räumen die Küche auf und Ihr Sprössling baut währenddessen im angrenzenden Zimmer einen Zoo. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie nicht die eingeforderte „Quality Time“ mit Ihrem Kind verbringen? Dieser aus dem Amerikanischen übernommene Modebegriff meint einen Zeitraum, in dem eine Beziehung durch gemeinsame Aktivitäten oder Gespräche ganz bewusst wahrgenommen und gefestigt wird – ein kurzer Zeitraum wird für eine
besondere Intensität möglichst dicht mit „Highlights“ verplant. Daneben erscheint die Alltagszeit als bloß minderwertige Quantitätszeit. Doch Alltag und die damit verbundene Routine machen nun
mal einen großen Teil des Familienlebens aus und sie sind deshalb nicht automatisch schlechte Zeit. Zum einen lernen die Kinder ganz nebenbei, was alles zum Gelingen des Alltags dazugehört, zum anderen sind besonders intensive Glücksmomente beim Geschirrspülen keineswegs ausgeschlossen, auch wenn sie nicht eigens im Voraus geplant waren. Ihre Kinder spüren Ihre bloße Anwesenheit im Nebenraum, die Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.

Die Eins im Abitur ist nicht das Maß aller Dinge

Schulerfolg gilt als Garant für ein erfolgreiches Leben. Alles, was in unserer leistungsorientierten Gesellschaft möglich ist, scheint auch machbar zu sein. Eltern fühlen sich unter Druck, keine Fördermöglichkeit für ihr Kind auszulassen. Leistung zählt auch im Sport und im Musikunterricht. Dabei bleibt schon im Vorschulalter kaum Zeit zum Spielen, da es ja zweckfrei und deshalb nutzlos ist. Doch gerade kindliches ausgelassenes Spiel fördert ganz nebenbei motorische
Fähigkeiten und soziale Kompetenzen. Und ein allein spielendes Kind ist nicht automatisch einsam und bedauernswert, sondern höchst konzentriert und ganz in seiner eigenen Welt versunken. Drängen Sie also nicht schon früh auf Musikunterricht und Sportverein. Vielleicht entsteht in Ihrem Kind erst später der Wunsch,ein Instrument zu erlernen – dann aber mit Feuereifer. Gleichzeitig nehmen Sie dem Familienleben viel Zeitdruck, der mit vielen festen Terminen immer verbunden ist.

Mut zum Nein, Mut zur Pflicht

Kindererziehung soll heute möglichst konfliktfrei sein. Um des lieben Friedens willen und aus Angst vor Ablehnung durch das Kind haben viele Eltern nicht mehr den Mut, auch mal „Nein“ zu sagen. Doch langfristig profitiert jedes Kind davon, wenn gewisse Grenzen gesetzt und eingehalten werden. Kinder lernen so auch den Umgang mit Niederlagen, was ihnen im späteren Leben zugute kommt. Viele Eltern neigen außerdem dazu, alle Widrigkeiten des Lebens von ihren Kindern fernzuhalten. Dazu gehört auch, dass sie alles für ihre Kinder erledigen und ihnen keine Pflichten auferlegen.
Da werden ältere Kinder noch liebevoll bevormundet und ständig überwacht. Daraus resultiert leider oft eine gewisse Unselbstständigkeit und Unsicherheit junger Erwachsener. Kinder, die ihrem Alter entsprechend in häusliche Pflichten eingebunden werden und z. B. regelmäßig den Müll wegbringen, nehmen keinen Schaden, sondern werden auf ein eigenständiges Leben vorbereitet.

Intuitive Erziehung mit Verstand und Gefühl Eltern spüren meist intuitiv, was das individuell Richtige für das Kind ist. Angesichts der vielen Forderungen in Sachen Erziehung trauen sie sich oft nur nicht, dieser Intuition zu folgen. Da wird das vermeintlich perfekte Nachbarkind oder die ideale Entwicklungskurve des Ratgebers schnell zum allgemeinen Maßstab erhoben. Doch Eltern sollten dazu stehen, dass ihr Kind vielleicht kein Hochschulstudium absolviert, dafür aber handwerklich geschickt ist, oder dass es vielleicht keinen Musikwettbewerb gewinnt, dafür aber Tomaten und Gurken auf dem Balkon anbaut und gern kocht. Eine glückliche Zukunft für Ihr Kind können Sie ohnehin nicht bis ins Detail planen, aber mit Liebe, Zeit und Vertrauen können Sie abseits aller Normen den Grundstein dafür legen.