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Familie

Teenie Horror Midlife Crisis – Ein Plädoyer gegen elterlichen Gesichtsverlust

Kaum sind die lieben Kleinen endlich auf dem Weg zum Erwachsenwerden – sprich: in der Pubertät –, erwischt es oft fast zeitgleich die Elterngeneration. Die kommen zwar nicht in die Pubertät, sondern in die Midlife Crisis. Doch die ist aus Sicht des Nachwuchses meist sogar noch deutlich schlimmer als die eigene Pubertät.

Hormone steuern uns ins Chaos

Midlife Crisis und Pubertät haben etwas Gemeinsames: In beiden Fällen finden radikale hormonelle Veränderungen statt, die Psyche und Körper auf die nächste Lebensphase einstellen sollen. Beim Nachwuchs steht das Erwachsenwerden vor der Tür, bei den Eltern kündigt sich der langsame, aber sichere Abschied vom Reproduktionsalter an. Zwar können Männer theoretisch auch mit 90 noch Vater werden und Frauen dank moderner Reproduktionsmedizin mit 60 noch Mutter. Doch eigentlich beginnt mit Mitte 40 eine Phase, in der der erwachsene Körper dem biologischen Fahrplan folgend langsam um- und leider auch abbaut. Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Die hormonellen Veränderungen führen zu Veränderungen im Lebensstil, die von der Umgebung nicht immer gern gesehen werden. Wollte man im Tierreich nach einem bildlichen Vergleich suchen, könnte man die Häutungen einer Schlange heranziehen.

Väter mit E-Gitarre und nabelfreie Mütter

Für Töchter im Teeniealter gibt es meist nichts Peinlicheres als Mütter, die dem gleichen Modetrend folgen wie sie – nur meist auf preislich etwas höherem Niveau. Dabei ist es doch ganz natürlich: Die Schlange häutet sich. Doch Obacht: Unbedacht ausgesprochen, hat dieser Satz schon manche Mutter-Tochter-Beziehung in die Krise gestürzt. Und welcher musikbegeisterte Sohn wäre nicht von seinem Vater schwer genervt, der sich plötzlich die E-Gitarre umhängt und heftige Verrenkungen zu den Akkorden aus den guten alten Zeiten vollführt, bis ihn ein jäher Hexenschuss auf den Boden der Tatsachen zurückholt? Eltern, die sich plötzlich wieder jung fühlen, bedenken eins nicht: Ihr Nachwuchs möchte keine Eltern, die sich wie Kumpels verhalten. Sie wünschen sich Eltern, die sich wie Eltern verhalten. Gelegentlich autoritär und wegweisend, meist verständnisvoll, immer aber mit einer gewissen Würde des den Eltern eigenen Alters.

Romeo und Julia – Vorrecht der Jugend?

Bringen die hormonellen Wallungen das Leben der Eltern vollends durcheinander und führen Mutter oder Vater auf neue Beziehungswege, ist es mit dem Respekt des Nachwuchses für seine Erzeuger meist erst einmal vorbei: Mit 13 oder 14 Jahren machen Kinder vielleicht gerade den ersten richtigen Liebeskummer durch. Und da haben die eigenen Eltern nichts Besseres zu tun, als eine jener meist tragisch ausgehenden Romanzen vom Zaun zu brechen, vor denen schon der ZDF-Fernsehfilm der Woche immer so eindringlich warnt? Eltern sollten sich nun einmal wie Eltern verhalten – und nicht wie Teenies. Denen darf in Liebesdingen schon mal die Sicherung durchknallen. Anfang oder Mitte Vierzig sollte man das hinter sich haben – meint der Nachwuchs. Doch das Leben ist eben anders. Häutungen fordern ihren Tribut von allen Beteiligten. Und tatsächlich ist es doch so, dass auch die Eltern ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und gegebenenfalls auch neue Beziehungen haben. Das wird der Nachwuchs akzeptieren müssen.
Psychologen und Gesellschaftswissenschaftler machen verstärkt auf das Phänomen aufmerksam, demzufolge nicht so sehr der Verlust der Kindheit droht, sondern der Verlust des Erwachsenendaseins als glaubwürdiges Vorbild, als Lebensmuster, das zur Orientierung für nachfolgende Generationen taugt. In der Tat hat die Spaßgesellschaft als kulturelles Leitmotiv eine gewisse Dominanz gewonnen über den Lebensernst, der fast alle vorangegangenen Generationen spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben kennzeichnete. Heutige Erwachsene sehen die Pflichten des Lebens meist weniger eng und legen sie so aus, dass sie halbwegs erträglich bleiben. Kann es sein, dass der Nachwuchs gerade diese Lockerheit nicht schätzt? Zur Pubertät gehört doch gerade das Aufbegehren gegen die Regeln und Pflichten der Erwachsenenwelt. Woran soll der Nachwuchs sich reiben, wenn nicht mal die eigenen Eltern ihm noch Widerstände entgegensetzen?

Tun wir unseren Söhnen und Töchtern doch den Gefallen: Seien wir wieder etwas ernster, angepasster, ein klein wenig autoritärer. Dann klappt es auch mit dem Familienleben.