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Gut zu wissen

Digitale Demenz

Der eine liest gern Bücher, der andere surft mit Wonne im Netz; der eine blättert bevorzugt in gedruckten Nachschlagewerken, der andere schaut lieber bei Wikipedia nach; der eine orientiert sich unterwegs mithilfe von Landkarte und Kompass, der andere nutzt GPS-basierte Navigationssysteme; der eine spielt gern Schach mit echten Figuren, der andere zieht Rollenspiele im Internet vor: Wer gefährdet auf Dauer seine Intelligenz, seine Konzentrationsfähigkeit und seine Fähigkeit, selbstständig zu denken - der Nutzer elektronischer Medien oder der koventionelle Typ? Folgt man dem Hirnforscher Manfred Spitzer, ist es der Nutzer elektronischer Medien. Warum?

Mehr als nur die Fortsetzung eines alten Streits?

Stehen heute die digitalen Medien in der Kritik, so war es vor über 2.500 Jahren die Schrift generell, die Denkern wie Platon suspekt erschien. In einem seiner sokratischen Dialoge wird an einen Mythos erinnert, demzufolge die Schrift einst wie ein großes Übel über die Menschen gekommen sei, da diese durch das niedergeschriebene Wort den Gebrauch des Gedächtnisses nahezu verlernt hätten. Als dann im 15. Jahrhundert durch Gutenberg der Buchdruck mit beweglichen Metalllettern erfunden wurde und damit die Möglichkeit entstand, Druckerzeugnisse preisgünstig in großer Auflage herzustellen, fehlte es ebenfalls nicht an Warnungen: Wohin solle es nur führen, wenn fortan alle Welt nur noch lesen würde? Verstand, Sitte und Glaube galten als gefährdet. Seither haben wir gelernt, mit dem gedruckten Wort prima auszukommen: Lesend lernen wir. Wir erweitern lesend unseren Wissensschatz, lernen lesend andere Denkarten und Sprachen kennen, lassen uns durch Lektüre zum Selbstdenken anregen. Und indem wir schreiben, lernen wir uns mitzuteilen und mit anderen zu kommunizieren. Allesamt wertvolle geistige Tätigkeiten und gut für das Gehirn. Seit über zwei Jahrzehnten und mit steigender Intensität nutzen wir nun statt gedruckter Werke digitale Medien - und zwar mit den gleichen Zielsetzungen: Wissenserweiterung, Kommunikation, Orientierung. Was könnte daran schlecht sein? Eines auf jeden Fall: Die jederzeit abrufbare schier unendliche Fülle an Daten und Eindrücken kann unser Gehirn kaum noch verarbeiten - Folge: Wir versuchen, vieles nicht mehr zu begreifen, sondern nur noch abzugreifen, werden dabei immer oberflächlicher, gehen den Dingen kaum noch auf den Grund.

Neurobiologie macht Unterschiede sichtbar

Hier geht es nicht darum, den Alltagsnutzen digitaler Medien in Abrede zu stellen, sondern um die Erkenntnis, dass digitale Medien Schaden anrichten können, nutzt man sie zu intensiv. Manfred Spitzer verweist auf neurobiologische Studien, nach denen unser Gehirn (und mit ihm unser Denken, Erleben, Fühlen und Handeln) sich durch den steten Gebrauch permanent ändert. Jede geistige Tätigkeit - auch der Umgang mit digitalen Medien - hinterlässt spezifische Spuren im Gehirn, sogenannte Gedächtnisspuren. Je vielfältiger die Kulturtechniken sind, derer wir uns bedienen, desto mehr Aktivität im Gehirn und desto besser vernetzt unsere Gedächtnisspuren. Das wiederum lässt unseren Geist produktiver werden. Konzentrieren wir uns nun aber einseitig - und nur gegen diese einseitige Nutzung digitaler Medien wendet sich Spitzer - auf Internet, PC-Spiele und Smartphone, fallen weite Teile unserer Gehirnkapazität brach. Denn durch die immer wieder gleichen Klickvorgänge und die mit ihnen verbundene Erwartungshaltung, alles mundgerecht serviert zu bekommen, sowie die dadurch ausgelösten eingeschränkten Lern- und Denkprozesse verarmen unsere geistigen Fähigkeiten rasch - wir fallen der digitalen Demenz anheim. Das gilt vor allem dann, wenn wir uns fast ausschließlich in digitalen Medien bewegen.

Suchtfaktor als eigentliche Gefahr

Was folgt daraus für unseren Umgang mit Medien? Es kann natürlich nicht darum gehen, das Rad zurückzudrehen und die modernen Kommunikationsmedien aus unserem Alltag zu verbannen. Es sollte aber sehr wohl unser Anliegen sein, die Nutzung der digitalen Medien einzuschränken und den anderen Kulturtechniken wieder mehr Raum zu geben. Fakt ist, dass insbesondere immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene immer mehr Zeit mit digitalen Medien verbringen - und zwar sowohl während der Schul- bzw. Arbeits- als auch während der Freizeit. Genau hier wäre anzusetzen: Warum nicht die Nutzungszeiten aus wohlverstandenem Eigeninteresse freiwillig einschränken? Letzten Endes kommt es vor allem darauf an, wie wir mit dem Medium umgehen. Georg Christoph Lichtenberg hat schon vor über 200 Jahren festgestellt: „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen.“ Diesen Satz dürfen wir ein wenig abgewandelt ganz sicher auch für digitale Medien gelten lassen.

Internettipp: das regelmäßige Abrufen von Gesundheitsinformationen auf www.pronovabkk.de schadet ihrer intelligenz garantiert nicht - profitieren Sie von vielen wertvollen Tipps und Hinweisen für ihre Gesundheit!

Lesetipp: Manfred Spitzer: digitale demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, droemer, gebunden, 19,99 €