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Gut zu wissen

Pflanzlich heißt nicht immer harmlos

Phytotherapeutika sind hochwirksam und deshalb vorsichtig anzuwenden

„Probier’ doch mal was Pflanzliches, das hilft auf sanfte Art und wird bestimmt nicht schaden“, so lautet ein häufig formulierter Tipp bei Erkältungskrankheiten, Magenbeschwerden oder Kopfschmerzen. Medizin auf pflanzlicher Basis hat bei uns in der Tat eine sehr hohe Akzeptanz: Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung haben schon Naturheilmittel verwendet und nur etwa sieben Prozent lehnen solche Präparate generell ab, zumeist weil sie deren Wirksamkeit bezweifeln. Besonders Frauen und Eltern mit jüngeren Kindern greifen im Krankheitsfall oder auch zur Vorbeugung gern zu pflanzlichen Arzneimitteln.

Das Vertrauen in die pflanzlichen Präparate ist im Allgemeinen groß und deren Risiko für gefährliche Nebenwirkungen wird demzufolge als eher gering ein- gestuft. Doch genau wie bei synthetisch hergestellten Arzneimitteln kann es auch bei der Anwendung von pflanzlichen Mitteln Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Präparaten geben. Gerade wer auf eigene Faust pflanzliche Mittel anwendet oder seinen Kindern gibt, sollte zunächst genaue Informationen einholen. Der behandelnde Arzt muss wegen möglicher Wechselwirkungen ebenfalls über Eigenmedikationen Bescheid wissen.

Heilmittel mit langer Tradition

Seit Jahrtausenden werden in allen Kulturen der Welt Pflanzen als Heilmittel verwendet. Und viele unserer heutigen hochwirksamen synthetisch hergestellten Arzneimittel wären ohne das uralte Wissen um die pflanzlichen Heilkräfte gar nicht denkbar.

Ein prominentes Beispiel ist der Wirkstoff Acetylsalicylsäure: Die Rinde der Weiden (lateinisch Salix) enthält von Natur aus das fiebersenkende und schmerzstillende Salicin, das im Körper zu Salicylsäure verstoffwechselt wird. Im 19. Jahrhundert wurde der Stoff erstmals isoliert, synthetisch hergestellt und seither unter dem Markennamen Aspirin vertrieben. Während unsere Vorfahren also Weidenrinde trockneten und daraus einen Tee herstellten, können wir bei Bedarf auf ein synthetisch hergestelltes Arzneimittel zurückgreifen, das den pflanzlichen Wirkstoff nachahmt. Ebenso basieren viele Herzmedikamente, die herzwirksame Glykoside enthalten, auf den Erfahrungen der Naturheilkunde mit der Anwendung des Roten Fingerhutes.

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen nicht ausgeschlossen

Die Wirksamkeit pflanzlicher Arzneimittel lässt sich inzwischen mit modernen wissenschaftlichen Methoden nachweisen. Viele Pflanzenpräparate sind obendrein sehr gut verträglich. Doch gerade für die Selbstbehandlung ist es wichtig, sich über mögliche Neben- und Wechselwirkungen zu informieren. Einige Heilpflanzen sind sogar hochgiftig und daher für die Eigenmedikation absolut tabu! Dazu gehören etwa der Eisenhut und auch der Rote Fingerhut. Entsprechende vom Arzt verordnete Fertigpräparate dagegen enthalten den gewünschten Wirkstoff in standardisierter, absolut sicherer Form.

Häufig wird jedoch übersehen, dass auch eigentlich ungiftige Heilpflanzen unerwünschte Begleiterscheinungen haben können. Denn wie schon Paracelsus wusste, macht allein die Dosis das Gift. Die Kamille kommt häufig bei Erkältungskrankheiten oder Magenbeschwerden in Eigenmedikation zur Anwendung. Wer jedoch auf Korbblütler allergisch reagiert, muss auf Kamillen-Anwendungen verzichten. Auch Augenspülungen mit Kamillentee sind nicht ratsam, da die feinen Härchen der Kamille die Augen zusätzlich reizen. Nicht unproblematisch ist das Johanniskraut, das nachgewiesenermaßen eine aufhellende Wirkung bei depressiven Verstimmungen hat. Neben phototoxischen Reaktionen der Haut kann Johanniskraut auch Kopfschmerzen oder Magenbeschwerden hervorrufen. Auch schränkt Johanniskraut die Wirkung zahlreicher Medikamente, wie z. B. Antibiotika, hormonelle Verhütungsmittel und Herzmedikamente, stark ein, indem es deren Wirkstoffe abbaut. Deshalb Johanniskraut besser nur unter ärztlicher Aufsicht anwenden.

Über einen längeren Zeitraum und in größeren Mengen angewandt, können pflanzliche Mittel auch unerwünschte Langzeitfolgen haben: Pfefferminztee etwa kann bei empfindlichen Personen zu Magenproblemen führen. Generell sollten Heilkräuter nicht in sehr großen Mengen als Haustee getrunken werden.

Selbst sammeln?

Sicher, selbst auf Kräutersafari zu gehen hat seinen eigenen Reiz und spart Geld. Doch Vorsicht: Sammeln Sie nur die Pflanzen, die sie zweifelsfrei bestimmen können! Für die Selbstbehandlung gilt außerdem,
 dass die Heilpflanzen aus der Apotheke auf ihren Wirkstoffgehalt geprüft und sicher sind. Dieser schwankt bei selbst gesammelten Pflanzen je nach Standort.

Pflanzliches für Kinder?

Viele Eltern geben ihren Kindern gern pflanzliche Mittel zur Stärkung des Immunsystems oder bei Erkältungskrankheiten. In der Tat leisten diese Mittel hier gute Dienste bei richtiger Anwendung. Bei einer Aromatherapie ist unbedingt zu beachten, dass ätherische Öle wie Kampfer und Eukalyptus, die bei Erwachsenen in der Regel unproblematisch sind, bei Kindern eventuell Atemnot und Krämpfe hervorrufen. Einige pflanzliche Mittel können gerade bei kleineren Kindern zu ernsthaften oder gar lebensbedrohlichen Problemen führen, wie Eisenhut, Beinwell oder Meerträubel.
 Der behandelnde Kinderarzt sollte in jedem Fall über die Gabe von pflanzlichen Mitteln informiert werden, mögen diese auch noch so harmlos erscheinen. Bei einer anstehenden Operation nämlich kann z. B. Gingko das Blutungsrisiko erhöhen oder Baldrian die Betäubung verstärken. Echinacea bewirkt eventuell eine Abschwächung einer immunsuppressiven Therapie. Einige pflanzliche Mittel müssen schon mehrere Wochen vor dem geplanten Eingriff abgesetzt werden, um dessen Erfolg nicht zu gefährden. Weitere Infos hierzu auf www.kinderaerzte-im-netz.de.