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Seelische Gesundheit

Bleibe wer du bist - Aber ändere dich täglich.

Jeder Mensch wird mit einer bestimmten Identität geboren. Diese Identität formt sich im Laufe eines Lebens aus, entwickelt sich und kann sogar innerhalb gewisser Grenzen verändert werden. Ein guter Teil von uns jedoch ist durch unser genetisches Erbe vorbestimmt und darf als eher veränderungsresistent gelten. Das betrifft nicht nur körperliche Aspekte, sondern auch solche der Persönlichkeit.

Dennoch lassen wir es zu, dass wir permanent Forderungen ausgesetzt sind, uns zu verändern: Wir sollen sportlich werden, wir sollen abnehmen, wir sollen uns auf eine bestimmte Weise ernähren und uns bestimmte Verhaltensweisen an- und andere abgewöhnen. Vor allem sollen wir ständig besser werden, morgen mehr leisten als heute. Wie viel Veränderung ist gesund? Und ab wann geht der Druck zur Veränderung an die Substanz?

Wie man wird, was man ist

Der Mensch ist nicht nur, er wird vor allem. Als Teil eines umfassenden Wandlungsprozesses ist jeder Mensch ständig in Bewegung. Dennoch bleibt ein weitgehend unveränderlicher Persönlichkeitskern. Der setzt sich aus verschiedenen Anteilen zusammen. Da ist zunächst die genetische Ausstattung – sie bestimmt darüber, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche körperliche Ausstattung wir haben, für welche Erkrankungen wir prädestiniert sind und sogar, ob wir im Leben dazu neigen, mutig oder eher zurückhaltend zu sein, ob wir eher rational oder eher künstlerisch begabt sind, ob wir zu Empathie oder Egoismus neigen. Daneben gibt es gewisse Grundanschauungen, eine Art raumzeitlichen Ordnungssinn, die jeder Mensch in sich trägt und die er nicht erst erlernen muss: Wir wissen, wo oben und unten ist, ja, wir haben sogar eine Ahnung davon, was vollkommen und was unvollkommen ist, ohne dass es uns jemand gesagt haben müsste. Dritter – und heute oft allein für wichtig gehaltener – Faktor der Persönlichkeitsbildung ist die Erziehung, sind die sozialen Bedingungen, unter denen ein Mensch aufwächst und lebt. Wir lernen zwar unser Leben lang, erlernen Verhaltensmuster im menschlichen Miteinander, verinnerlichen die jeweils geltende Moral, also die gesellschaftlich gerade geltende Unterscheidung von Gut und Böse, doch geschieht dies letztlich auf Grundlage unserer genetischen Ausstattung und der uns gegebenen Grundschemen des Denkens und Fühlens. Dort stößt jede Erziehung an ihre Grenzen. Das ist auch gut so. Denn wäre es anders, könnten Erziehungsprozesse zu einem standardisierten uniformen Menschenbild führen, das keinerlei individuelle Ausformungen und Unterschiede mehr zulässt. Die Unterschiede von Mensch zu Mensch aber sind es, die den Kern der jeweiligen Persönlichkeit bilden.

Selbstüberschätzung, Selbstüberforderung

Es ist die lebenslange Erziehung durch Eltern, Kindergarten, Schule, Arbeitgeber, gesellschaftliche Instanzen, die als Fremdanforderung an unseren Leistungssinn den Grundstein legt zur Selbstüberforderung und Selbstüberschätzung: Wir akzeptieren die von außen an uns herangetragenen Forderungen oft fraglos, machen sie uns zu eigen. Fortan glauben wir, dass wir selbst die uns vorgegebenen Ziele erreichen wollen: ein bestimmtes berufliches Ziel, ein bestimmtes Einkommen, bestimmte Wohlstandsattribute, ein bestimmtes Körpergewicht und eine bestimmte körperliche Leistungsfähigkeit. Wir sind Verpflichtungen eingegangen, die wir – hätten wir nur ein wenig darüber nachgedacht – vielleicht gar nicht hätten eingehen wollen, weil sie mit dem Kern unserer Persönlichkeit gar nichts zu tun haben. Hätten wir auf unsere innere Stimme gehört, hätten wir uns womöglich mit weniger Leistung zufriedengegeben. So aber droht durch die Übernahme von Leistungs-, Verhaltens- und Wohlstandsvorgaben („Mein Haus, mein Auto, mein Boot“) zunächst die Selbstüberschätzung und in deren Gefolge die Selbstüberforderung.

Gnade sich selbst gegenüber

Natürlich ist es nicht verkehrt, bestimmte Dinge im Leben ändern zu wollen. Natürlich kann es sinnvoll sein, seine Leistungen zu verbessern. Aber wenn dieser Drang zur maximierenden Veränderung dazu führt, dass wir den Kern unserer Persönlichkeit antasten und uns nicht mehr wohl in unserer Haut fühlen, ist der Punkt erreicht, an dem man sich nach dem Sinn des Ganzen fragen muss. Denn was nützt es uns, ständig der Beste zu sein, wenn wir vor lauter Ehrgeiz die Lebensfreude verlieren, Freundschaften aufs Spiel setzen und uns unserer Familie und uns selbst entfremden? Wenn Sie Anzeichen bei sich feststellen, dass Sie sich permanent selbst überfordern, stellen Sie sich diese eine Frage: Bin ich das noch? Nehmen Sie jeden Zweifel ernst – und schalten Sie versuchsweise mal einen Gang runter. Vielleicht merken Sie, dass Ihnen die dauerhafte Höhenluft gar nicht bekommt und Sie auf dem Gipfel Ihres selbst gewählten Hochleistungsanspruchs einsam zu werden beginnen. Vielleicht stellen Sie auch überrascht fest, dass Sie immer noch sehr gut sind, wenn Sie aufhören, dauernd der Beste sein zu wollen.

Kinder nicht permanent zu Höchstleistungen anstacheln

Viele hyperehrgeizige Menschen wurden bereits im Kindesalter zu Höchstleistungen angehalten. Die Schulleistungen mussten stets die besten sein, nebenher mussten Topleistungen im Sport, im Musikalischen, ja selbst im Sozialen erbracht werden, weil die Eltern erwarteten, dass die Kinder sich auch für gute Zwecke engagierten – sei es im humanitären oder im ökologischen Bereich. So gut all das gemeint sein mag – dieser beständige Druck deformiert die kleine Persönlichkeit, zwingt ihr Wachstum in eine bestimmte Richtung. Ein Kind ist aber kein Buchsbaum, dem man einfach so einen Formschnitt angedeihen lassen darf. Ein Kind ist auch kein Reitpferd, dem man ständig die Sporen geben muss, damit es jedes Hindernis nimmt. Gewiss: Kinder brauchen Ansporn und Herausforderungen – aber sie brauchen auch Freiräume der Fantasie und der Kreativität. Eltern sollten diese Freiräume respektieren und darüber wachen, dass auch Schule und andere Instanzen nicht allzu einschränkend in sie eingreifen. Denn was nützt es, wenn der eigene Nachwuchs zwar Schule und Ausbildung mit Bestleistungen beendet, in Rekordzeit berufliche Karriere macht, aber seinen ersten Burnout bereits mit Ende Zwanzig hat? Eltern sollten auch darauf achten, selbst mit gutem Bespiel voranzugehen – dauergestresste Eltern, die ihren Kindern zwar tolle Urlaube und nahezu jeden materiellen Wunsch erfüllen können, aber nie wirklich Zeit haben, sind keine wirklich guten Eltern. Ein gesundes Leistungsverhalten – als Erwartung an sich selbst wie an die eigenen Kinder – setzt immer eine vernünftige Selbsteinschätzung voraus.

Selbsteinschätzung

Eine gesunde Selbsteinschätzung hat nichts mit Entmutigung zu tun. Selbsteinschätzung bedeutet eigentlich nur, dass man seine Stärken, seine Fähigkeiten erkennt – aber auch seine aktuell vorhandenen Grenzen. Die Erkenntnis von Grenzen sagt keineswegs, dass man diese Grenzen nie wird überschreiten können. Aber wer seine Grenzen erkannt hat, kennt seinen Standort und mit dem Standort den Ausgangspunkt für grenzüberschreitende Aktivitäten. Zu diesem Ausgangspunkt kann ich zurückkehren, wenn ich merke, dass die Grenzüberschreitung mir nicht gut bekommt. Diesen Ausgangspunkt sollte ich aber auch immer erinnern können, wenn ich die Grenzen meiner Persönlichkeit erfolgreich überschritten und verrückt habe. Diese Erinnerung an den Punkt, von dem ich herkomme, an Herkunft, Heimat und Ausgangsort, gibt mir Halt. Selbsteinschätzung bedeutet auch, dass ich von außen an mich herangetragene Leistungsanforderungen kritisch zu bewerten lerne: Wer will da was von mir? Warum soll ich diese Forderungen erfüllen? Tut es mir gut, wenn ich diese Leistungsvorgaben erfülle? Schaff ich das – oder zerbreche ich daran? Im Zweifelsfall sollte man lieber zurückstecken und das eigene Leistungsvermögen realistisch einschätzen – der Erhalt der Lebensfreude geht immer vor.