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Seelische Gesundheit

Der Mensch braucht Wurzeln

Wurzeln brauchen wir? Fast scheint es, als brauchten wir eher Flügel oder wenigstens Siebenmeilenstiefel, um sofort und jederzeit dort zu sein, wo man uns haben will. Schließlich wünschen sich heutige Arbeitgeber flexible, dynamische, mobile Arbeitnehmer. Und in der Freizeit verlocken entlegene Orte zu Reisen um die halbe Welt. Nichts scheint den Anforderungen und Angeboten modernen Lebens also stärker zuwiderzulaufen als die Aussage: Der Mensch braucht Wurzeln. Denn Wurzeln – man sieht es an jedem Baum – halten fest. Und doch könnte es sein, dass wir ohne Wurzeln nicht leben können. Nehmen Sie sich eine halbe Stunde Zeit, um gemeinsam mit uns über dieses Thema nachzudenken.

Wurzeln geben Halt und sichern Wachstum

Halten wir kurz beim Bild des Baumes inne: Eine mächtige, zweihundertjährige Eiche wäre nie so alt und so riesig geworden, hätte man sie alle zehn Jahre ausgegraben und umgepflanzt. Ihre Wurzeln reichen tief ins Erdreich hinab und versorgen sie mit dem zum Leben Nötigen. Weil die Wurzeln so tief hinabreichen, wirft selbst ein starker Sturm sie so schnell nicht um. Auch Menschen – obgleich von Natur aus als mobile Wesen angelegt und biologisch gänzlich anders organisiert als ein Baum – haben Wurzeln und brauchen sie nicht weniger als die Eiche. Wurzeln allerdings im übertragenen Sinne: Man ist zum Beispiel in seiner Heimat verwurzelt, in seiner Herkunftsfamilie, in seinem Glauben, seinen Überzeugungen, seinem Freundeskreis. Diese Wurzeln geben Kraft und Halt, ermöglichen inneres Wachstum. Wer solcherart verwurzelt ist, hat einen sicheren Stand und wird auch von den Wechselfällen des Lebens nicht so schnell umgehauen. Die Anforderungen des heutigen Lebens im Sinne einer extrem gesteigerten Mobilität aber verlangen von Ihnen eher Gegenteiliges: Dass Sie Ihre Wurzeln nach und nach kappen, um sich als Arbeitskraft und Konsument ortsungebunden verfügbar zu machen.

Wurzeln hat man – ob man will oder nicht

Vielleicht gehören Sie ja zu den Menschen, die sich im Hier und Heute wohl fühlen – ohne allzu feste Bindungen lebt es sich in gewisser Weise ja auch unbeschwerter.

Dennoch werden bestimmt auch Sie manchmal so ein seltsames Gefühl haben. Etwa wenn Sie einen bestimmten Geruch wahrnehmen, der in ihrer Kindheit präsent und prägend war. Das Parfum Ihrer Mutter beispielsweise, der typische Geruch nach bestimmten Lieblingsgerichten, der Fliederduft aus dem Garten an warmen Maitagen. Vielleicht waren es auch unangenehme Gerüche: Das nahe Industriewerk, der penetrant nach Kleber und Chemie stinkende Bodenbelag, der Muff feuchten Mauerwerks, der permanente Geruch nach Putzmitteln. Jeder Ort der Erde, jeder Haushalt, hat seine ganz spezielle Duftnote: eine Geruchsmelange, die sich aus einer Vielzahl von Einzelgerüchen zusammensetzt. Diese typischen Herkunftsgerüche bleiben an – oder besser: in – einem hängen. Noch Jahrzehnte später steigen, nimmt man auch nur einzelne prägende Duftmoleküle aus dieser Geruchsmelange wieder wahr, plötzlich die Erinnerungen hoch. Da hat man unversehens seine Wurzeln berührt. Und wie beim Zahnarzt kann eine solche Wurzelberührung wehtun. Macht man sich seine eigenen Wurzeln nicht ab und an bewusst, verleugnet sie sogar, können langfristig ernsthafte Erkrankungen der Seele die Folge sein.

Flexibilität, Dynamik, Mobilität – und die Folgen

. . . mein Fußballverein . . . meine Musik . . . Goethe, Schiller, Hölderlin . . . was tendenziell Belastendes, brauch ich nicht . . .

Vergleicht man unser Leben in Mitteleuropa mit dem, was vor hundert Jahren möglich und üblich war, fällt einem zunächst der enorme Zugewinn an Möglichkeiten auf: Wir können tun und lassen, was wir wollen, können reisen, wohin wir wollen, und unser Leben losgelöster von Zwängen gestalten, als es unseren Vorfahren jemals möglich war. Diverse Geräte machen das Leben komfortabel und schenken uns ein zuvor nie gekanntes Maß an Freizeit und Freiheit. Eine hervorragende medizinische Versorgung macht das Leben vergleichsweise sicher und bis ins hohe Alter lebenswert. Ein Durchschnittshaushalt in Deutschland verfügt heute über Spielräume, die vor 100 Jahren nur wenigen und vor noch längerer Zeit kaum jemandem oder niemandem offen standen. Möglich wurde dies durch zahlreiche technische Erfindungen und ein immenses wirtschaftliches Wachstum, die den Wohlstand aller gemehrt haben. Doch dieses wohlstandsorientierte Wachstum hatte seinen Preis: Industrien zerstörten ganze Landschaften, der Arbeitskräftemangel in den Zentren des Wachstums entfaltete eine ungeheure Sogwirkung und führte dazu, dass Menschen in Scharen ihre Herkunftsgebiete verließen und auch heute noch verlassen, Kontroversen um das Für und Wider moderner Segnungen entzweien Partnerschaften und Familien – kurzum: Das Wachstum des Wohlstandes zerstörte und zerstört auch heute noch angestammte Wurzelgründe.

Gefährdeter klassischer Wurzelgrund

Was für ein Wurzeltyp sind Sie? Wurzeln, das bedeutet für mich . . . Heimat, Herkunft und Familie . . . unser Freundeskreis . . .

Es ist kein gutes Zeichen, dass mit der "Heimat" ausgerechnet der nächstliegende und selbstverständlichste Wurzelgrund des Individuums heute vielfältig gefährdet ist. Man muss kein altbackener Konservativer mit etwas spießig-verschrobenen Ansichten sein, um das zu bedauern. Denn was da heute verloren geht, zerrüttet nicht nur ganze Gesellschaften, sondern schädigt auch den einzelnen Menschen bis ins innerste Mark. Heimat, das müssen nicht wogende Weizenfelder, majestätische Gipfel am Horizont und einsame Waldseen sein. Das kann ebenso gut ein graues Vorstadtviertel sein; schließlich hätte sonst ein bedeutender Prozentsatz der heute lebenden Menschen nicht einmal mehr ein Anrecht auf den Heimatbegriff. Entscheidend am Heimatbegriff ist das Bleibende, das in seiner Substanz Unveränderliche. Doch es kommt mehr hinzu: Der vertraute Umgang mit anderen Menschen, die den eigenen Heimathorizont teilen. Die Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkriegs mussten erleben, dass ihre alte Heimat als Landschaft und Ansammlung von Dörfern und Städten trotz mancher Zerstörung zwar erhalten blieb, jedoch über Nacht zur neuen Heimat von Menschen wurde, die eine andere Sprache sprachen und nicht selten ihrerseits selbst Heimatvertriebene waren. Heimat wurde ins Ungreifbare entrückt, blieb aber immer Heimat. Die alte Heimat eben. Als nach fünfzig Jahren die alte Heimat wieder bereist werden konnte, zeigte sich, dass die innere Heimat, in der man die letzten fünf Jahrzehnte gelebt hatte, die eigentliche Heimat war: Die Heimat, auf die es wirklich ankam. Etwas Seltsames deutet sich an: Man verliert etwas, um es danach umso inniger zu besitzen. Und noch etwas Erstaunliches trat zutage: Auch die zweite und dritte Generation der Heimatvertriebenen begann in vielen Fällen, sich für die alte Heimat zu interessieren. Die Sehnsucht nach Wurzeln bricht sich Bahn – und zwar gegen alle Widerstände. Auch diejenigen, deren Eltern oder Großeltern nicht zu den im engeren Sinne Heimatvertriebenen gehören, sondern durch eine globalisierte Wirtschaft ihrer Herkunftsheimat entfremdet werden, profitieren von der "inneren Heimat".

Sehnsucht nach den Wurzeln

. . . Kindheit, vor allem Lieder und Gerüche aus der Kindheit . . . Unterwegs sein . . . die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin

Die Sehnsucht nach Wurzeln treibt oft seltsame Blüten: Ganz normale bürgerliche Familien begeben sich auf Ahnensuche, lassen sich von Heraldikern Familienwappen entwerfen oder statten ihr Eigenheim mit allen Merkmalen eines wehrhaften Familiensitzes (vom Bewegungsmelder und Alarmsystem über die mannshohe Hecke oder Mauer bis hin zur zinnenbekränzten Dachterrasse) aus, der gleichsam alle Unruhen über Jahrhunderte überdauern und künftigen Generationen Heimat und Stammsitz sein kann. Man mag das belächeln – und doch ist diese Sehnsucht nach den Wurzeln etwas sehr Menschliches. Menschlich heißt: Es ist da, es gehört zu uns, ist ernst zu nehmen – und kann nicht wegdiskutiert werden. Wo immer sich diese Sehnsucht nach Wurzeln als inneres Bedürfnis meldet, sollte man ihm stattgeben. Denn was sich da meldet, ist nicht nur etwas zutiefst Menschliches, sondern auch etwas Urgesundes: Unsere Seele setzt sich zur Wehr gegen die permanente Entfremdung von allem, was mit uns im Sinne eines "das ist immer da gewesen und wird immer sein" zu tun hat. Als Menschen brauchen wir Kontinuität, Halt und Sicherheit im Unveränderlichen. Wir können nicht immer nur "dynamisch" und "flexibel" sein und uns der entfesselten Rasanz des Technologie- und Wirtschaftswachstums anpassen.

Im Internet auf der Suche nach neuem Wurzelgrund

Doch gerade in den Hochburgen des Wachstums entsteht quasi beiläufig eine Gegenbewegung: Im Internet treffen sich auf Foren und anderen Plattformen des sozialen Kontaktes Menschen unterschiedlichster Herkunft, um gemeinsam ihren Interessen nachzugehen, Neuigkeiten auszutauschen und in gewisser Weise damit so etwas wie Heimat herzustellen. Natürlich ist diese virtuelle Heimat allein schon aufgrund ihrer mangelnden Sinnlichkeit weit entfernt von "echter" Heimat. Auch sollte man nicht vergessen, dass gerade das Internet einen gewaltigen Beitrag zur Vereinzelung und Vereinsamung ganzer Generationen leistet, indem es zahllose Individuen zu nächtelangen stummen und oft eher in- als interaktiven Sitzungen vor dem Bildschirm animiert. Doch selbst hier durchbricht die alte Sehnsucht nach Nähe und Verwurzelung in einem sozialen Miteinander die Vorherrschaft der Technik: Man sucht Kontakte zu anderen Menschen, schafft neue Formen des Miteinanders. Und wie in jeder gewachsenen Gemeinschaft beginnen sich auch im Internet klare Regeln des Miteinanders herauszuformen. Da das Medium Internet ja die Entstehung echter Kontakte und Begegnungen nicht ausschließt, kann man es nur begrüßen, dass uns dieses Medium zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass die Recherchemöglichkeiten des weltweiten Netzes vielfältige Chancen bieten, alte Freunde wiederzufinden und sogar Familienforschung zu betreiben.

Bindungen eingehen – auch wenn es Freiheiten kostet

. . . manchmal Halt, manchmal Ballast . . . der Ort, wo unsere Familie glücklich ist . . .

Sollten Sie bislang eher weniger Wert auf Ihre Wurzeln gelegt haben, nun aber ins Nachdenken gekommen sein: Niemand ist ohne Wurzeln. Man kann sie fast immer jederzeit reaktivieren. Falls man das nicht möchte: Auch neuer Wurzelgrund lässt sich jederzeit bereiten. Die Bereitschaft, Wurzeln zu schlagen, geht jedoch in jedem Fall mit einer gewissen Verbindlichkeit einher – Wurzeln sind nie unverbindlich, denn sie verbinden ja etwas miteinander. Verbindlichkeit aber bedeutet Verpflichtung und ist Verzicht auf die eine oder andere Freiheit. Doch der Verzicht nimmt nicht nur, er gibt Ihnen vor allem etwas, was Sie zuvor nicht hatten. Es mag für die heutige, technisch hochgerüstete Zeit bezeichnend sein, dass der Weg zu den einfachsten und eigentlich selbstverständlichsten Dingen des Lebens erst mühsam gebahnt werden muss. Doch dieser Weg lohnt sich.