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Seelische Gesundheit

Haben wir ihn noch? Oder müssen wir ihn vielleicht erst wiederfinden? Und was passiert, wenn wir ohne ihn zu leben versuchen?

Der Rhythmus des Lebens

Rhythmen prägen unser Leben im Kleinen wie im Großen. Der Rhythmus der Jahreszeiten, der Rhythmus des Mondes, der Rhythmus von Tag und Nacht und der Rhythmus von Ebbe und Flut bestimmen alles Leben auf der Erde. Auf körperlicher Ebene finden sich der Herzrhythmus, der Verdauungsrhythmus, der weibliche Zyklus, der Wechsel von Wach- und Schlafphasen. Rhythmus meint etwas innerhalb eines bestimmten Zeitraumes Wiederkehrendes. Lebensrhythmen sind also keine Erfindung von Esoterikern, sondern naturwissenschaftlich nachweisbare physikalische, biologische und medizinische Realitäten.

Von der Natur emanzipiert

Für naturnahe Zivilisationen war es selbstverständlich – und überdies auch notwendig – den eigenen Lebensrhythmus den Rhythmen der Natur anzupassen, denn wer etwa zur falschen Jahreszeit aussäte, konnte keine Ernte erwarten. Je mehr sich unser Leben vor allem seit Anfang des 20. Jahrhunderts technisierte, desto mehr entfremdete es sich den natürlichen Rhythmen: Die Nacht wird zum Tag gemacht, innerhalb weniger Stunden kann man den nordischen Winter gegen die südliche Sonne eintauschen, das Tiefkühlregal im Supermarkt macht uns unabhängig vom Zeitpunkt der Ernte. Das klingt durchaus nach einem Zugewinn an Freiheit für den Menschen – er emanzipiert sich von der Natur, wird ungebundener und flexibler. Einerseits. Doch andererseits gibt es auch die Schattenseite: Stress ist – bedingt beispielsweise durch den Zwang zur permanenten Erreichbarkeit oder den Konsumdruck – inzwischen auch in der Freizeit zum Dauerzustand geworden, sodass wir keine echten Erholungszeiten mehr kennen. Körper und Seele antworten auf diesen Entfremdungsprozess mit Erkrankungen.

Psychovegetativ verursachte Herzrhythmusstörungen

Fällt die rhythmische Bewegung des Herzens aus, stirbt der Mensch. Als Zentrum des Blutkreislaufs versorgt das Herz den Körper mit dem Lebenssaft. Im Kern ist das menschliche Leben also nichts anderes als Rhythmus. Herzrhythmusstörungen sind ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, dass dieser zentrale Rhythmus im Menschen aus dem Takt geraten ist. Herzrhythmusstörungen kommen sehr häufig vor und sind auch keineswegs immer behandlungsbedürftig. Einen stets gleichmäßigen Herzschlag gibt es ebenso wenig wie es ein stets gleichmäßig bleibendes Klima gibt.

Das Herzklopfen bei positiver Erregung – das Herz schlägt einem bis zum Halse! – etwa ist durchaus normal und keineswegs Anzeichen für eine Erkrankung. Die registrierte Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen liegt zum Teil sicher auch daran, dass Ärzte ihre Patienten heute wesentlich gründlicher untersuchen können als noch vor 50 Jahren, das diagnostische Netz also engmaschiger wurde. Und selbstverständlich gibt es viele angeborene oder durch Entzündungen verursachte Störungen des Herzrhythmus, die mit Stress und gestörten natürlichen Rhythmen nichts zu tun haben. Doch als sicher gilt heute auch, dass psychische und soziale Ursachen ebenfalls zu den wichtigen Auslösern von Herzrhythmusstörungen zählen. Hier sind vor allem Stress, Ängste und chronische Übermüdung zu nennen. Diese psychovegetativen Vorgänge kann man zwar ebenfalls medikamentös behandeln, doch gerade hier erscheint es sehr viel sinnvoller, durch Verhaltensänderung den Anschluss an den natürlichen Lebensrhythmus wiederzufinden.

Zyklusstörungen

Viele Frauen klagen über Zyklusstörungen. Die Regel bleibt aus, kommt zu früh oder zu spät, ist ungewöhnlich heftig oder mit Unterleibsschmerzen verbunden. Meist werden organische Ursachen für das Problem verantwortlich gemacht. Gewiss: Der Menstruationszyklus wird hormonell, also durch körpereigene Substanzen gesteuert. Doch der Prozess hormoneller Steuerung ist seinerseits nicht unabhängig von externen Faktoren. Auch für diese hormonellen Rhythmusstörungen sind Stress, Sorgen und Belastungen oft als Auslöser zu sehen. Ähnlich wie psychovegetativ verursachte Herzrhythmusstörungen lassen sich diese Rhythmusstörungen prinzipiell medikamentös behandeln; doch auch hier sollte man alternativ lieber versuchen, das Problem auf natürliche Weise zu beheben, sprich: das eigene Leben wieder mehr auf natürliche Rhythmen einstellen. Dazu später mehr.

Gestörter Wechsel von Wach- und Ruhephasen

Schichtarbeit gehört zu den Faktoren, die aus der modernen Arbeitswelt kaum wegzudenken sind. Ob im Krankenhaus, im Reiseverkehr, in der Transportlogistik, in der Altenpflege, bei Polizei und Feuerwehr, in Bäckereien, Druckereien oder in großen Industriebetrieben: der Zwei- oder Dreischichtbetrieb ist für Millionen von Menschen in Deutschland harte Realität. Rechnet man die durch den gestörten Tag-/Nachtrhythmus ebenfalls betroffenen Partner und Angehörigen der Schichtarbeiter hinzu, ist fast das halbe Land von Schichtarbeit betroffen. Zieht man dann noch die durch Schichtarbeit verursachten Lärmemissionen heran, entkommt fast niemand mehr der Schichtarbeit und ihren Folgen.

Als gesundheitlich besonders gefährdend gelten Wechselschichten sowie der Dauerdienst in der Nachtschicht. Kein Wunder, ist der menschliche Organismus doch seit jeher darauf geeicht, tagsüber wach zu sein und nachts zu ruhen. Dabei spielt auch das natürliche Tageslicht, das wichtige hormonelle Prozesse im menschlichen Körper beeinflusst, eine große Rolle. Wer den Tag schlafend verbringt, weil er sich von der Nachtschicht erholen muss, verpasst das Tageslicht. Permanente Abweichungen von der biologischen oder inneren Uhr verzeiht der Körper auf Dauer nicht. Auch hier kommt es zu seelischen und körperlichen Schäden. Neben Depressionen, Ängsten und Stressreaktionen geraten zunehmend auch organische Erkrankungen als Schichtdienstfolge in das Blickfeld von Arbeitsmedizinern.

Verhinderte Regenerationszeiten

Regeneration bedeutet Erneuerung. Indem wir uns im Urlaub dem normalen Arbeitsprozess für einige Wochen entziehen, erneuern wir unsere Kräfte. Wenn man nicht gerade eine Städtereise macht, sondern irgendwo in einer naturnahen Landschaft entspannt, kann man sich auf Wind und Wetter, Vegetation, Mondphasen, den Wechsel von Tag und Nacht und mancherorts auch auf Ebbe und Flut einlassen. Man hat Zeit, die Gedanken streifen zu lassen, der inneren Stimme zu lauschen und dem Vogelgezwitscher oder dem Murmeln eines Baches zuzuhören. So ist das eigentlich gedacht mit dem Urlaub. Doch die Realität sieht anders aus. Aktuellen Erhebungen zufolge hat die Mehrzahl der Deutschen kein Problem damit, im Urlaub vom Chef oder von Kollegen wegen dienstlicher Nachfragen kontaktiert zu werden – per SMS, Anruf oder E-Mail. Dieser Arbeitseifer ist zwar durchaus ehrenwert, doch Arbeitsmediziner und Hausärzte sehen die Entwicklung mit Sorge: Im Urlaub soll man abschalten können – und zwar ohne Einschränkung. Urlaub aus ärztlicher Sicht bedeutet: Lassen Sie Handy, Netbook & Co zu Hause. Oder nutzen Sie die Geräte nur, um für Angehörige im Notfall erreichbar zu sein. Und noch etwas widerspricht dem eigentlichen Urlaubsgedanken: Wer im Urlaub jede Nacht Party macht und dem Alkohol reichlich zuspricht, ist – wenn er nach zwei oder drei Wochen wieder am Arbeitsplatz erscheint – vor allem eins: erholungsbedürftig.

Heimkehr zum Rhythmus – doch wie?

Die vorausgegangene kurze Bestandsaufnahme macht zweierlei deutlich.

Erstens: Wir haben uns von den natürlichen Lebensrhythmen weitgehend entfernt; unser Lebensrhythmus ist heute durch die Anforderungen der Arbeitswelt getaktet.

Zweitens: Die Arbeitswelt stellt Anforderungen, denen man nicht so ohne Weiteres entgehen kann. Selbst wer arbeitslos wird oder in den Ruhestand geht, lebt sein Leben nicht unbedingt nach den natürlichen Rhythmen. Andererseits war an einigen Beispielen zu sehen, dass der Entfremdungsprozess gegenüber den natürlichen Rhythmen uns gesundheitlich zusetzt. Es besteht also durchaus eine echte Notwendigkeit, sich der Problematik zu stellen. Doch es gibt kein Patentrezept. Inwieweit und auf welche Weise eine Wiederanknüpfung an natürliche Lebensrhythmen möglich ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Es gibt allerdings nützliche Brücken. Wir stellen Ihnen einige dieser Brücken vor.

Brücken zum Rhythmus

Ob allein oder gemeinsam mit Freunden oder der Familie – es lohnt sich, nach natürlichen Rhythmen zu suchen. Weben Sie natürliche Rhythmen in ihren Lebensalltag ein. Sie werden merken, dass Sie irgendwann von ihnen getragen werden und es Ihnen besser geht. Vielleicht hat diese Heimkehr zum Rhythmus sogar die Kraft, Ihren Arbeitsalltag zu verändern.

Musik

Ob Sie nun Musik hören, Musik machen oder zur Musik tanzen – der Rhythmus hat Sie im Griff. Allerdings sollten Sie nicht gerade auf Techno setzen. Techno ist Maschinenmusik und als solche der Arbeitswelt näher als der Welt natürlicher Rhythmen. Je geerdeter, ursprünglicher die Musik ist, desto eher wird sie Ihnen das Einschwingen in ihren Rhythmus erlauben.

Bewegung

Sportarten wie Radfahren, Schwimmen und Laufen sind gute Beispiele, wie man in natürliche Bewegungsrhythmen finden kann. Man spricht beispielsweise vom Laufrhythmus, den jeder für sich finden muss.

Atemübungen

Einatmen, Ausatmen – das ist wie Ebbe und Flut ein ganz natürlicher und sehr ursprünglicher Rhythmus. Sorgen Sie für Ungestörtheit, blenden Sie den Alltag so weit wie möglich aus. Tiefes, bewusstes Ein- und Ausatmen entspannt und stellt einen engen Kontakt zwischen Körper, Geist und Seele her.

Ernährung

Wer sich hauptsächlich mit Produkten der Saison und aus der Region ernährt, bekommt ein viel besseres Gefühl für den Rhythmus der Jahreszeiten. Im Sommer und Herbst hat man die große Fülle; auch im Winter stehen mit verschiedenen heimischen Wintergemüsearten wertvolle Kraftquellen zur Verfügung. Im Frühjahr geht es karger zu, allerdings kann man junges Wildgemüse sammeln und die Gelegenheit nutzen, etwas abzuspecken – nicht umsonst fällt die klassische Fastenzeit in das Frühjahr.

Psyche

Auch seelische Prozesse sind rhythmisch geprägt: werden und vergehen, finden und verlieren, empfangen und schenken. Wir neigen dazu, alles festhalten zu wollen, Besitzstände auszubauen und Dinge zu horten. Lassen Sie sich darauf ein, das Leben von beiden Seiten anzunehmen. Akzeptieren Sie, dass es für alles eine Zeit gibt. Für das Werden wie für das Vergehen, für das Ankommen und das Fortgehen. Das ist der Rhythmus des Lebens.