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Seelische Gesundheit

Geglücktes Leben: vielleicht ein Mosaik?

Positive Psychologie für den Hausgebrauch

Positive Psychologie? Gibt es denn auch negative Psychologie? In der Tat, man könnte das so sehen. Denn viele psychologische Disziplinen sind konflikt- und störungsorientiert und fordern Patientin und Patient dazu auf, sich mit den negativen, destruktiven Aspekten ihres Lebens auseinanderzusetzen – eben den Konflikten und Störungen, unter denen die Seele leidet. Die positive Psychologie hingegen verfolgt als ergänzende therapeutische Disziplin das Anliegen, Veränderungschancen im Leben aus dessen guten, produktiven Aspekten abzuleiten. Zu diesen zählen Optimismus, Glück, Geborgenheit, Empathie und Vertrauen. Schauen wir uns diese und einige andere positive Aspekte einmal näher an. Was lässt sich aus ihnen gewinnen? Vielleicht eine Art Mosaik geglückten, positiven Lebens?

Erster Stein: Optimismus

Klarer Fall: Wer als Optimist durchs Leben geht, ist fein raus. Alles fällt einem leicht, die Wirkung auf andere Menschen ist oft umwerfend – und in der Tat scheint dem Optimisten auch mehr zu glücken als dem Pessimisten. Doch haben Optimisten vielleicht nur rein zufällig mehr Glück? Und wo bitteschön soll man seinen Optimismus hernehmen, wenn einen das Schicksal gerade so richtig durch die Mangel dreht? Wer so fragt, versteht den Optimismus falsch. Optimismus leitet sich aus dem lateinischen Wort Optimum ab, das Beste. Das meint aber nicht, dass einem persönlich nur das Beste vom Besten zustünde und hat auch nichts von naiver Weltsicht an sich, sondern geht davon aus, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Besser, als sie ist, kann die Welt nicht sein – mit all ihren Katastrophen und unerfreulichen Seiten ist sie die bestmögliche. Der Optimist betont also den positiven Charakter der Welt – denn das Wort positiv wiederum bedeutet nichts anderes als das, was ist und konkret vorliegt. Diese Wortbedeutung schwingt im Begriff „positives Recht“ mit: Positives Recht meint die aktuell gültigen Rechtsnormen und nicht irgendwelche besonders bürgerfreundlichen Paragraphen. Auch die positive Psychologie fordert Sie dazu auf, das Leben, die Welt und sich selbst zu bejahen und anzunehmen. Genau das ist ein ganz wichtiger Punkt: Optimistische Menschen akzeptieren, dass die Dinge sich auch anders entwickeln können, als sie es in ihrem Optimismus erwartet hatten. Auch dann noch optimistisch zu bleiben, „das Beste daraus zu machen“ und eben nicht dem trüben Pessimismus zu verfallen – darauf kommt es an.

Zweiter Stein: Glück

Die Frage, was Glück sei und ob es so etwas wie ein objektives und über das Individuum hinausgehendes Glücksempfinden gibt, das quer durch alle Zeiten und Völker immer gleich ist, beschäftigt Philosophen seit Jahrtausenden und Psychologen immerhin schon einige Jahrzehnte. Beschränken wir uns darauf, festzustellen, dass Glück immer auch etwas Subjektives und der Glücksbegriff selbst ziemlich vielschichtig ist: Das Glück der jungen Eltern, der glückliche Lottomillionär, das geglückte Leben als Ideal, glückliche Augenblicke oder Tage im Urlaub, ja sogar Glückshormone soll es geben. Ist Glück am Ende also nur ein biochemisches Phänomen, hervorgerufen durch Sport, Geschlechtsverkehr und Nahrungsaufnahme und auf molekularer Ebene bewirkt durch körpereigene Substanzen wie Endorphine, Oxytocin, Dopamin und Serotonin? Verlässt man die naturwissenschaftliche Ebene und wendet sich dem Phänomen selbst zu, erweist Glück sich als eine Art Schlüsselerlebnis, das einen die eigenen Grenzen überschreiten lässt – man fühlt sich im Glückserleben eins mit allem, möchte die ganze Welt umarmen, spürt einen ungeheuren Energiezufluss. Das Glücksgefühl ist also – ganz unabhängig davon, was der Einzelne als Glück empfindet und wobei man sich glücklich fühlt – ein sehr konstruktives Gefühl. Und zum Glück stellt Glück sich praktisch jederzeit und überall ein – selbst in den kleinsten Dingen, sofern man es nur zulässt. Sie sehen am Meer die Brandungswellen heranrauschen – und empfinden Glück. Sie beobachten eine Katze, die sich wohlig in der Sonne streckt – und spüren Glück. Sie halten selbst gezogene, frisch geerntete Radieschen in der Hand – und sind glücklich. Wer sich von solchen Glücksmomenten berühren lässt, kann glücklich werden – jeden Tag.

Dritter Stein: Vertrauen

Nicht umsonst spricht man vom Urvertrauen: Vertrauen ist die wichtigste Grundlage menschlichen Miteinanders. Fehlt das Vertrauen, sind zwischenmenschliche Beziehungen ebenso zum Scheitern verurteilt wie Wirtschaftsbeziehungen. Doch woher das Vertrauen nehmen? Vertrauen stellt sich normalerweise erst mit der Zeit ein. Sie lernen jemanden kennen, beobachten ihn, bewerten ihn, stellen ihm irgendwann eine Art Vertrauenszeugnis aus, dessen Noten nicht unbedingt mitgeteilt werden müssen. Vertrauen auf den ersten Blick ist selten. Doch damit überhaupt Vertrauen wachsen kann, müssen Menschen in Vertrauensvorleistung gehen und einen Vertrauensvorschuss gewähren. Diese Vorleistung kann weitere positive Kräfte entfalten, wenn Ihr Gegenüber spürt, dass Sie ihm vertrauen. Wo und wann immer Sie positive Kräfte sich entfalten lassen, werden Sie von deren Eigendynamik überrascht werden. Diese Eigendynamik kann verhindern, dass Störungen, Probleme und Konflikte entstehen. Wo hingegen Misstrauen und Kontrollzwang walten, haben destruktive Kräfte freies Spiel.

Vierter Stein: Geborgenheit

Geborgenheit ist ein Gefühl, das viele mit der frühen Kindheit verbinden. Auch in einer harmonischen Beziehung gibt es Geborgenheit. Wenn Sie ein Mensch mit weiter Seele und einer Neigung zu mystischen Betrachtungen sind, werden Sie Momente kennen, in der Sie sich sogar im Universum selbst geborgen fühlen, so wie gläubige Menschen sich in Gott geborgen fühlen. Wie Glück und Optimismus ist auch Geborgenheit nicht nur auf eine einzige Situation anwendbar. Geborgenheit ist wandlungsfähig, hat viele Facetten, lässt sich vielfach finden und empfinden. Am naheliegendsten ist die Geborgenheit bei anderen Menschen. Wer das Hier und Heute aufmerksam beobachtet, bemerkt jedoch leicht, dass es in der westlichen Gesellschaft gerade hieran auf breiter Ebene mangeln könnte: Hetze und Hektik bestimmen den Alltag, Handy und Internet dominieren die zwischenmenschliche Kommunikation, das Streben nach Besitz und Wohlstand gibt den Takt des Lebens vor, Konkurrenzdenken macht das Miteinander im Berufsalltag zum Dauerstress – wie soll man sich da geborgen fühlen können? Und wieder liegt der Schlüssel im „Trotzdem! Jetzt erst recht!“ Nehmen Sie das Leben an, flüchten Sie sich nicht in kritische Distanz – und Sie werden entdecken, dass Sie sich beispielsweise in einer Landschaft geborgen fühlen können. Und dass auch andere Menschen sich sehr nach Geborgenheit sehnen. Kaum einer gibt es zu, aus Angst, sich verletzbar zu machen. Sie aber könnten mit gutem Beispiel vorangehen und sich offen zum Wunsch nach Geborgenheit bekennen.

Fünfter Stein: Empathie

Empathie bezeichnet das Einfühlungsvermögen, über das jeder Mensch von Geburt an verfügt. Ohne Einfühlungsvermögen würden wir ständig nur aneinander vorbeireden, nichts würde klappen im menschlichen Miteinander. Einfühlungsvermögen gilt als wichtiges Merkmal sozialer Kompetenz und bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass man sich in die Perspektive eines anderen Menschen hineinversetzen kann. Ein indianisches Sprichwort besagt, dass man, bevor man über einen Menschen urteilt, einen Monat lang in dessen Mokassins gelaufen sein soll. Das ist sehr anschaulich und klingt überdies so unglaublich vernünftig und nachvollziehbar, dass man sich kaum vorstellen mag, dass es im Leben immer ganz anders läuft: Partner einer Beziehung versetzen sich eben nicht in die Lage des anderen, sondern bleiben bei ihrer Sichtweise. Kollegen urteilen über einander fast immer nach dem Schubladenprinzip und fragen sich kaum ernsthaft, warum der Kollege oder die Kollegin sich denn „so komisch verhält“. Auch Vorgesetzte und Untergebene verfahren meist nach dem gleichen Prinzip miteinander: Vorurteil statt Urteil, Richtlinie statt Individualfall, Fronten und Gräben statt Offenheit und Brücken. Wagen Sie den Durchbruch – Sie werden staunen, wie positiv sich plötzlich das Miteinander verändert und wie entwaffnend unverstellte Offenheit sein kann.

Sechster Stein: Besonnenheit

Besonnenheit ist eine Kardinaltugend der antiken Philosophie. Die alten Griechen benannten Besonnenheit mit dem Wort „sophrosyne“. Wörtlich übersetzt heißt das so viel wie „gesundes Zwerchfell“. Besonnenheit also ein Bauchgefühl? Mitnichten, mit Zwerchfell ist die Körpermitte gemeint als Sitz der Seele. Besonnen handeln, sich besinnen – das bedeutet: Wir lassen die Vernunft entscheiden und handeln selbstbeherrscht, anstatt Trieben und Begierden zu folgen. In der Philosophie Platons galt die Besonnenheit neben der Tapferkeit, der Weisheit und der Gerechtigkeit als eine der vier Kardinaltugenden. Für Aristoteles gab Besonnenheit das rechte Maß des Handelns vor. Nehmen wir einmal an, Sie sitzen in einer Gastwirtschaft und bemerken auf dem Nebentisch eine Brieftasche, die ein Gast, der eben aufgebrochen ist, offenkundig vergessen hat. Bislang hat niemand die Brieftasche bemerkt und Sie sitzen so günstig, dass niemand anders Sie oder die Brieftasche sehen kann. Ihr Trieb sagt Ihnen jetzt vielleicht: „Das merkt doch kein Mensch – eine rascher Griff und das Geld ist deins!“ Jenseits von Gut und Böse betrachtet, kann die widerrechtliche Aneignung fremden Eigentums tatsächlich schlau sein, weil sie Ihnen im täglichen Überlebenskampf hilft. Doch Ihre Vernunft sagt: Nein! Denn wo kämen wir wohl hin, wenn jeder jeden beklaut? Das kann nicht gut gehen! Da hat das „gesunde Zwerchfell“ als Sitz der Vernunft sich gemeldet und Sie auf den Weg der Tugend zurückgeführt. Und wer wollte bestreiten, dass Tugend und Fairplay positive Eigenschaften im Sinne der positiven Psychologie sind?

Siebter Stein: Fairness

Die meisten Menschen lieben die faire Geste – bei anderen. Da gibt jemand einem anderen Menschen, der ihm Schaden zugefügt hat, eine zweite Chance. Wir applaudieren, doch hätten auch wir selbst diese Größe? Da sagt ein Fußballspieler dem Schiedsrichter, der gerade der eigenen Mannschaft einen nicht gerechtfertigten Strafstoß zugesprochen hat, dass das eine Fehlentscheidung gewesen sei und bringt sich und seine Mannschaft damit in Nachteil. Wir finden das fair. Doch würden auch wir so handeln? Würden wir nicht eher versucht sein, den kleinen ungerechtfertigten Vorteil zu nutzen? Vielleicht sollten wir es gerade deshalb nicht tun, weil es so einfach wäre. Und weil Fairness eine Eigenschaft ist, die in uns wie auch im anderen etwas berühren und bewegen kann. Wäre eine Welt des Fairplays nicht wundervoll? Keine schmutzigen Tricks, kein Verstellen, kein Neid? Keine Frage – sie wäre es.

Achter und neunter Stein: Selbsterkenntnis und Selbstannahme

Der Prozess der Selbsterkenntnis kann weh tun. Bei kaum einer anderen Gelegenheit neigen Menschen mehr dazu, sich an der Wahrheit vorbeizumogeln als hier. Kein Wunder – muss man es doch auch später noch mit sich aushalten. Nun gibt es bekanntlich die schöne Redensart, dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei. Selbsterkenntnis kann also positive Kräfte freisetzen – Kräfte, die eine Veränderung zum Besseren hin bewirken. Doch ist das wirklich so einfach? Reicht es wirklich aus, ein Ideal von sich zu entwerfen? Selbsterkenntnis muss nicht zwangsläufig zur Besserung führen, denn das Leben ist keine moralische Anstalt. Selbsterkenntnis kann auch einen ganz anderen Prozess einleiten: den der Selbstannahme. Das hat durchaus nichts Resignierendes. Warum sollte man nicht sagen: „So bin ich nun einmal. Ich hab meine Macken und Fehler, doch andere sind auch nicht perfekt“. Sofern Ihre Macken und Fehler nicht zur Gefahr für sich und andere werden, können Sie getrost weiter mit ihnen leben. Denn immerhin würde eine Veränderung zum Besseren hin eine Persönlichkeitsveränderung bewirken, mit der Sie selbst nicht zwangsläufig glücklicher sein müssten. Bejahung der eigenen, womöglich defizitären Persönlichkeit und eine Bestätigung des Positiven – also dessen, was ist – kann unter dem Gesichtspunkt der Persönlichkeitsentfaltung sogar heilsamer sein. Bleiben Sie Sie selbst!

Zehnter Stein: Echtheit

Heute würde man sagen: authentisch. Bleiben wir beim Wort Echtheit, denn es sagt uns mehr. Wer echt ist, verstellt sich nicht, sondern ist, wie er ist, und lässt es alle anderen Menschen wissen. In den meisten Fällen eine sehr positive Eigenschaft, allerdings kann auch ein durch und durch böser Mensch echt sein, indem er nicht vorgibt, gut zu sein. Doch auch das kann man positiv sehen, denn immerhin versucht er nicht, uns zu täuschen. Das Echte muss uns also nicht zwangsläufig gefallen, zumal manch einer sich lieber etwas vormacht oder vormachen lässt. Denn das, was echt und „in echt“ ist, kann verletzend sein: „Du hast mich also echt betrogen?“ Das Echte ist wie die Wahrheit: strahlend zwar, doch mitunter schmerzhaft. Dennoch ist selbst das schmerzhafte Echte mehr wert als gut gemeintes Flunkern, Verstellen oder Leugnen. Das Echte ist ein Spiegel, den man uns vorhält. Halten wir es auch aus? Sollten wir. Denn wir sehen uns, wie wir „in echt“ sind – positiv also im Sinne einer Bestätigung dessen, was ist.