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Mit Niederlagen umgehen lernen: Die Höhen und die Tiefen des Lebens

Kann man immer nur gewinnen? Wer Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter hat, weiß es aus eigener Anschauung: In den unteren Grundschulklassen gibt es keine Noten mehr, bei Wettkämpfen bekommen alle Kinder ihre Urkunde oder Medaille und auch viele als „pädagogisch wertvoll“ geltende Freizeitspiele kennen keinen Sieger oder Verlierer mehr. In manchen Familien soll es üblich sein, dass Geschwisterkinder zum Geburtstag des Bruders oder der Schwester ebenfalls ein Geschenk bekommen – wobei es sich ausdrücklich nicht um Zwillinge handelt. Hintergedanke: Das Geschwisterkind soll sich gegenüber dem Geburtstagskind nicht benachteiligt fühlen. Und gelobt wird – nicht nur von Erziehern, sondern auch von Eltern und Verwandten – grundsätzlich meist schon der Versuch, nicht erst der Erfolg.

In diesem Stil geht es im Schulleben weiter: Schlechte Noten werden möglichst nicht mehr vergeben, auch andere erzieherische Härten werden nach Kräften vermieden, es wird viel gefördert und immer weniger gefordert. Und wo die Förderung nicht ausreicht, wird schon mal der Erwartungshorizont gesenkt, d. h. die Ansprüche werden niedriger.

Darin scheint sich eine besondere Humanität und Rücksichtnahme auszusprechen: Man möchte auch den weniger Begabten, den Schwachen und Leistungsfernen Anerkennung und Respekt zollen. An sich ein schöner Gedanke, doch leider spielt das Leben außerhalb der Bildungseinrichtungen meist nach anderen Regeln. Es kennt vor allem eine klare Unterscheidung: die zwischen Siegern und Verlierern. Wer in seiner Kindheit und Jugend nie gelernt hat, mit Niederlagen umzugehen, erlebt spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben eine harte Landung in der Realität. Wäre es nicht sinnvoll, die Kinder auch auf Niederlagen vorzubereiten?

Niederlagen tun weh – doch wie viel Schmerz müssen wir aushalten können?

Niemand verliert gern, denn Niederlagen schmerzen. Je höher der Einsatz war, desto schmerzlicher werden Niederlagen erlebt. Der Sportler etwa, der sich monatelang auf einen Wettkampf vorbereitet hat und der nun infolge einer kleinen, an sich harmlosen Virusinfektion nicht sein volles Leistungsniveau erreicht und nur als Dritter oder Vierter über die Ziellinie geht – er erlebt den Schmerz der Niederlage ebenso wie der Unterlegene im Bewerbungsverfahren um den Abteilungsleiterposten. Gerade weil Niederlagen weh tun können, wird man alles daran setzen, sie zu vermeiden. Man kann sie zu vermeiden versuchen, indem man sich bemüht, besser zu sein. Man kann sie aber auch grundsätzlich vermeiden, indem man sich aus möglichst vielen wettkampfähnlichen Situationen heraushält. Aber ist das wirklich eine Lösung? Wer gar nicht erst antritt aus Sorge, er könnte verlieren, entzieht sich dem Leben.

Der Schmerz der Anstrengung

Doch es geht nicht nur um den Schmerz, den Niederlagen bereiten können, sondern auch um den Schmerz der Anstrengung. Einer Anstrengung, die nicht bereits beim ersten Hindernis aufgibt. Diese Zähigkeit im Erreichen der eigenen Ziele scheint vielen Menschen abhanden gekommen. Als mitursächlich kann – neben dem Bemühen vieler Eltern, ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen – das Bestreben des Staates angesehen werden, als umfassende Fürsorgeinstanz aufzutreten. Je weniger Eigenverantwortung dem Einzelnen abverlangt wird, desto geringer die Bereitschaft, sich für eigene Ziele einzusetzen und dabei den Schmerz der Kraftanstrengung auf sich zu nehmen. Exemplarisch kann man das immer wieder an jenen Menschen sehen, die man aus Reality Soaps im Fernsehen kennt – und die es nicht selten schon in jungen Jahren aufgegeben haben, ein selbstbestimmtes Dasein führen zu wollen. Stattdessen leben sie von dem, was der Staat ihnen zubilligt – und beklagen allenfalls, dass es zu wenig ist und ihnen diesen oder jenen Luxus nicht erlaube. Zu mehr als zum Klagen reicht ihre Energie kaum noch aus. Wohlgemerkt: Es handelt sich nicht um bedauernswerte und jede Fürsorge rechtfertigende kranke Menschen, sondern um gesunde und arbeitsfähige junge Leute, die nur zu einem nie bereit waren: den Schmerz der Anstrengung und vielleicht auch den Schmerz des Scheiterns in Kauf zu nehmen. Damit aber entgeht ihnen etwas sehr Wertvolles, was keine staatliche Fürsorge ihnen bieten kann: Die Lust, das befreiende Gefühl des Wettstreites und die gereifte Selbstsicherheit von Menschen, die wissen, wofür sie einstehen. Umgekehrt kann aber auch der starke persönliche Einsatz bei der Erreichung von Zielen eine Schattenseite entwickeln: Stress.

Stress und mangelnde Stressresistenz im Erwachsenenalter

Die Zahl junger Erwachsener, die unter phasenweise auftretenden Situationen starker Beanspruchungen leidet, wie sie nicht zuletzt im Berufsleben immer wieder auftreten, nimmt zu. Mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland leidet mittlerweile unter den Folgen von Stress, zu denen u .a. Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Magen-/Darmprobleme, Rückenschmerzen, Schwindelgefühle, Allergien und Depressionen zählen können. Dass es diese starken Beanspruchungssituationen gibt und dass gerade beruflich engagierte Menschen davon betroffen sind, ist unbestritten. Richtig ist auch, dass jeder Mensch, der an den Folgen von Stress leidet, schnellstmöglich auf Abhilfe sinnen sollte. Nachdenklich stimmen sollte uns indes, dass dies vielerorts nur noch mit therapeutischer Hilfe von außen möglich erscheint. Selbstverständlich gibt es Fälle, die diese therapeutische Hilfe aus medizinischer Sicht geradezu zwingend verlangen. Doch die in den letzten Jahren immens gestiegene Nachfrage nach Psychotherapie – in manchen Regionen müssen Patienten und Patientinnen bereits Wartezeiten von mehreren Monaten in Kauf nehmen – könnte auch ein Indiz dafür sein, dass immer mehr Menschen immer weniger dazu in der Lage sind, sich selbst aus einem Tief herauszuhelfen. Doch ist es nicht zu spät, auch jetzt noch eine gewisse Stressresistenz zu erwerben, eine Art Stärkung des seelischen Immunsystems also.

Familie und Freunde helfen im Kampf gegen den berufsbedingten Stress

Die vier wichtigsten Faktoren im Kampf gegen Stress sind eine gesunde Ernährung, um dem Körper alle benötigten Vitalstoffe zuzuführen, reich bemessene Ruhezeiten, viel Bewegung an frischer Luft für die Fitness – und ein gut funktionierendes soziales Netzwerk. Mit „sozialem Netzwerk“ sind hier nicht die „social networks“ des Internetzeitalters gemeint, sondern die konkreten zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie innerhalb der Familie, im real existierenden Freundeskreis und auch in der Nachbarschaft, im Verein oder am Arbeitsplatz möglich sind. Während es „Internetfreundschaften“ fast immer an Verbindlichkeit, echter Teilnahme und an räumlicher Nähe mangelt, sind konkrete soziale Netzwerke im Lebensalltag persönlich präsent. Sie geben Verlässlichkeit auch in Krisensituationen, spenden menschliche Wärme und bieten ganz konkrete Hilfen in der Bewältigung des Alltags. Aus diesem gelebten menschlichen Miteinander kann sich Stressresistenz entwickeln – und zwar gerade deshalb, weil das menschliche Miteinander sehr facettenreich ist und keineswegs nur die Sonnenseite des Daseins kennt. Doch die selbstverständlich auch hier vorkommenden Stressmomente werden anders als die am Arbeitsplatz geballt auftretenden Stressunwetter eher punktuell und in kleinen Dosen erlebt, können also über die Auseinandersetzung mit ihnen zu einer Art Immunisierung führen.

Die so erreichbare seelische Resistenz heißt mit einem Fachausdruck Resilienz und meint die Widerstandsfähigkeit der Seele gegen die Widrigkeiten des Alltags. Auffällig ist, dass gerade ältere Menschen, die in jüngeren Jahren Krieg und Notzeiten erlebt haben, diese Resilienz viel eher aufweisen als nachfolgende Generationen, die in Zeiten einer relativ hohen materiellen und sozialen Sicherheit aufgewachsen sind. Das sollte zu denken geben. Vielleicht sollten wir alle uns ab und an der Erfahrung aussetzen, sich richtig anzustrengen – im Erwachsenen- wie im Kindesalter. Wir sollten uns dabei die Freiheit nehmen, die Ziele unserer Anstrengungen selbst zu bestimmen. Das kann das Engagement für eine gute Sache sein, das Erlernen einer Fremdsprache oder eines Musikinstruments oder der Aufbau einer Sammlung.

Kinder wollen sich anstrengen

Kinder lieben den Wettstreit. Sie brennen auf Gelegenheiten, sich selbst zu beweisen – und es anderen einmal so richtig zu zeigen. Umgekehrt finden sie es unsagbar öde, wenn ihr Leistungsvermögen nicht herausgefordert wird. Sie wollen zeigen, was in ihnen steckt – und sie müssen es. Denn diese Liebe zum Kampf um den Sieg ist tief im Menschen angelegt und war als Kampf gegen die Gewalten der Natur, als Kampf gegen den Hunger und als Kampf gegen kriegerische Überfälle über Jahrtausende hinweg die wichtigste Überlebensvoraussetzung. Eine Erinnerung daran steckt in jedem von uns und zeigt sich noch im harmlosen Mensch-ärgere- dich-nicht-Spiel oder beim Dosenwerfen. Diese Erinnerung an den Urkampf darf nicht unterdrückt, sondern muss gehegt und gepflegt werden. Natürlich ist nicht jede Leistungsanstrengung gleichermaßen willkommen – Hausaufgaben etwa oder das Büffeln vor der Klassenarbeit werden kaum jemals geliebt. Das mag an der Lebensferne und dem zugeknöpften Ernst der Aufgabenstellungen liegen. Im Umkehrschluss würde dann gelten: Je mehr die Wettstreitsituation im Lebensalltag verwurzelt ist und je spielerischer sie ist, desto willkommener wäre sie.

Für Eltern bedeutet das: Fördern Sie Wettkampfsituationen. Und bremsen Sie Wettkampfsituationen unter Geschwisterkindern nicht frühzeitig aus – sie sind eine ganz natürliche Sache, solange der Wettstreit nicht in einen Geschwisterkrieg ausartet; sorgen Sie also gleichzeitig dafür, dass Niederlagen nicht zu Dauerfrust führen, sondern zu der Einsicht, dass vermehrte Anstrengungen auf lange Sicht Erfolgserlebnisse bescheren können. Und tragen Sie auch Sorge dafür, dass Ihr Kind nicht zum schlechten Verlierer wird – Niederlagen wegstecken zu können, ist ein Zeichen von innerer Stärke und der Selbstsicherheit, beim nächsten Mal durchaus gewinnen zu können. Zu guter Letzt besteht ein wesentlicher Teil der elterlichen Erziehungsaufgabe darin, dem Nachwuchs klarzumachen, dass man nicht immer nur gewinnen kann. Auch wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter vielleicht eine außergewöhnliche Leistungsstärke im Sport, im musischen Bereich oder in der Schule zeigt – erst die Bescheidenheit und der Großmut des Siegers sichern ihm auch die Sympathie des Unterlegenen. Kein Sieg ist selbstverständlich – und kein Sieg ist ewig. Schon morgen wird einer kommen, der Ihren Nachwuchs übertrifft. Auf diese Niederlage muss Ihr Kind vorbereitet sein.

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