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Hilf Dir Selbst, Hilf Anderen - Und lass Dir helfen!

Rund 70.000 bis 100.000 gesundheitsbezogene Selbsthilfegruppen gibt es in Deutschland. Fast jeder Zehnte hierzulande war schon mal Mitglied einer Selbsthilfegruppe. Zu den bekanntesten Selbsthilfegruppen zählen die Anonymen Alkoholiker. Doch es gibt viele andere – man findet Selbsthilfegruppen zu Themen wie Krebs, Osteoporose, Depressionen, Ängste, Zwangsvorstellungen, Schwerhörigkeit, Grüner Star oder Einsamkeit im Alter. Oft, aber eben keineswegs immer, geht es um chronische Erkrankungen.

Alle Selbsthilfegruppen haben die gleichen Ziele: Sie ermöglichen den Erfahrungs- und Informationsaustausch von Betroffenen und Angehörigen, geben praktische Lebenshilfe, unterstützen gegenseitige Motivation und sorgen oft auch für eine Vertretung der Interessen nach außen. Und sie dienen als Hilfe zur Selbsthilfe. Wir sprachen mit Dr. Martin Kreuels, Fachbuchautor und selbst Gründer einer Selbsthilfegruppe.

Interview mit Dr. Martin Kreuels, Fachbuchautor und selbst Gründer einer Selbsthilfegruppe

Herr Dr. Kreuels, warum braucht man in einem Land mit so guter medizinischer Versorgung wie in Deutschland überhaupt Selbsthilfegruppen?

Selbsthilfegruppen ersetzen nicht den Arzt oder Therapeuten, sind aber eine wichtige Ergänzung – man ist unter gleichfalls Betroffenen, kann sich austauschen und Tipps geben. Da kennt einer einen hochspezialisierten Mediziner, der vielleicht auch den anderen Teilnehmern der Gruppe helfen kann. Das ist besonders wichtig bei eher seltenen Erkrankungen, die der Hausarzt vielleicht nicht genau kennt.

Es geht also nicht um Konkurrenz zum Gesundheitswesen, sondern um zusätzliche Informationen und bessere Vernetzung. Übrigens arbeiten viele Selbsthilfegruppen eng mit Medizinern und Psychologen zusammen, die zum Beispiel als Referenten in die Gruppen kommen.

Wie kommt man eigentlich an eine Selbsthilfegruppe? Gründet man sie einfach?

Die eigene Gründung ist der eine Weg – über die Beratungsstellen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands erfährt man, wie man das macht, wie man Räume findet, wo es finanzielle Unterstützung gibt und wie man Öffentlichkeitsarbeit macht. Letztere ist besonders wichtig, um weitere Betroffene und vielleicht Unterstützung für das eigene Anliegen zu finden. Ein anderer Weg: Nachschauen, ob es am Ort oder in der Nähe bereits eine passende Gruppe gibt. In jeder größeren Stadt gibt es Selbsthilfekontaktstellen. Auch darüber bekommt man beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Auskunft. Man kann übrigens auch bei Facebook nach Selbsthilfegruppen Ausschau halten – erstaunlich viele Selbsthilfegruppen sind dort präsent und sorgen für einen bundesweiten Austausch. Facebook ersetzt allerdings nicht die Gruppe am Ort.

Gruppen wie die Münsteraner Selbsthilfegruppe Osteoporose geben den Rahmen für Erfahrungsaustausch

Viele Menschen haben Scheu, ihre Krankheit öffentlich zu machen. Bei einer Gruppe vor Ort trifft man aber womöglich auf Nachbarn, die Lehrerin der Kinder oder den Berater von der Sparkasse ...

Na und? Das ist doch prima. Erkrankungen sind doch kein Stigma. Gerade weil man die Leute vielleicht schon kennt und ihnen auch im Alltag begegnet, erlebt man, dass man mit der eigenen Erkrankung nicht allein ist.

Man sieht sich dann nicht nur in der Gruppe,sondern kann sich auch im Alltag konkret helfen. Man kennt sich. Man erlebt, dass man nicht isoliert ist. Sicher, eine gewisse Scheu ist zu Anfang oft da. Doch die verliert sich schnell – garantiert.

Sie sprechen da aus Erfahrung?

Als meine Frau vor knapp fünf Jahren an Krebs starb, bin ich mit den Kindern zunächst in einer Selbsthilfegruppe gewesen, die noch vom Hospiz organisiert war. Man traf sich praktisch nur in der Gruppe, nie im Alltag. Im Alltag war ich mit meiner Trauer dann wieder allein. Also habe ich in den Vorort, in dem ich wohne, eine eigene Trauergruppe
gegründet. Die gibt es seit drei Jahren, regelmäßig nehmen noch heute an die 16 Leute teil – das sind Leute, die man
dann auch beim Edeka oder auf einem Spaziergang trifft. Man kennt sich, weiß über den anderen Bescheid – und kann sich gerade deswegen so gut helfen. Die ursprüngliche Fremdheit weicht rasch einer Vertrautheit.

Sie sprechen gerade von Trauer und Trauergruppe – wie sind die Unterschiede gegenüber einer gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppe zu sehen?

Ich sehe mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Zum einen, weil es auch hier um aktive gegenseitige Unterstützung geht. Zum anderen aber gehen mit Trauer ganz oft gesundheitliche Probleme einher. Im Bundesgesundheitsreport für Männergesundheit 2013 können Sie nachlesen, dass insbesondere Männer nach einer Verlusterfahrung eine um zehn Jahre verkürzte Lebenserwartung haben, sofern sie es nicht schaffen, aus ihrer Einsamkeit herauszukommen. Depressionen und Herz-Kreislauf- Erkrankungen können Folge einer Verlusterfahrungsein. So was steckt man nicht einfach weg. Da braucht man den Austausch mit anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Eine Selbsthilfegruppe ist da perfekt – man muss sich nur an dieses „Selbst“ herantrauen ...

Sie meinen: Und nicht auf Hilfe von außen hoffen?

Genau. Wir leben in einer Gesellschaft, die dadurch geprägt ist, dass man alles an externe Experten delegieren kann – Arbeiten und Aufgaben jeder Art ebenso wie persönliche Probleme. Wer seelische Probleme hat, legt sie in die Hände eines Psychotherapeuten. Wer krank ist, gibt das Problem in die Hände eines Arztes. Der Ansatz von Selbsthilfegruppen ist ein anderer: Man packt selbst mit an. Man hilft anderen. Man hilft sich selbst. Und man lässt sich helfen. Der Austausch von Informationen gibt einem das Gefühl, nicht allein zu sein. Allein zu sein – das verstärkt eine negative
Gefühlslage oft noch und damit auch die Krankheit. Bin ich unter Gleichgesinnten, ist mein Zustand nichts Außergewöhnliches mehr, sondern nur noch ein Problem, das es anzugehen gilt. Die anderen unterstützen mich dabei. Im Unterschied zu einer externen Dienstleistung fließen hier übrigens keine Gelder – man tauscht Hilfe gegen Hilfe,
Information gegen Information. Selbsthilfegruppen basieren auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit.


Apropos Gelder: Wie läuft es nach Ihrer Erfahrung mit finanzieller Unterstützung für Selbsthilfegruppen?

Es gibt Fördermöglichkeiten. Zum Beispiel gewähren gesetzliche Krankenkassen wie die pronova BKK Unterstützung, auch die Kommunen und Kirchengemeinden sind mitunter sehr rührig und helfen. Unterstützung bekommen Selbsthilfegruppen beispielsweise in Sache Räumlichkeiten, aber auch für die Beschaffung von Literatur oder
die Bezahlung von Referenten und die Organisation von Tagungen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu einer eigenen Internetseite kann gefördert werden. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Eigenverantwortlichkeit
gestärkt wird – ich gehe mit meiner Krankheit, meinem Gesundheitsproblem mündig um und nehme mein Schicksal selbst in die Hand. Darin unterstützen Selbsthilfegruppen ihre Mitglieder.

Herr Dr. Kreuels, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Die pronova BKK unterstützt Menschen, die anderen helfen, in vielfältiger Weise

Die pronova BKK unterstützt Menschen, die anderen helfen, in vielfältiger Weise. Neben unserem Engagement in den Bereichen Gesundheitsförderung, Bildung und Hospizarbeit honorieren wir ehrenamtliche Arbeit durch den PEP Pro-Ehrenamts-Preis der pronova BKK sowie den Förderpreis der pronova BKK. Weitere Infos finden Sie unter "Soziale Verantwortung der pronova BKK".

Wenn Sie sich speziell für die Förderung einer gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppe durch die pronova BKK interessieren, sprechen Sie uns an – wir beraten Sie gern und helfen so unbürokratisch wie möglich.