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Der neue Trend Body Positivity – wirklich nur positiv?

Der neue Trend Body Positivity

Bin ich schön? Diese Frage wird in den sozialen Netzwerken millionenfach mit immer neuen Selfies gestellt. Lange Zeit setzte das Foto im Bikini eine den gängigen Schönheitsnormen entsprechende Figur voraus. Jetzt aber werden mit besonderem Stolz Speckfalten, überhängende Bäuche und jedes Doppelkinn sorgfältig in Szene gesetzt. „Body Positivity" heißt das neue Lebensgefühl mit einer großen, überwiegend weiblichen Community: Den eigenen Körper bedingungslos lieben und stolz darauf sein!
Das ist für viele, die ihren Körper bisher lieber schamhaft versteckt haben, eine gute Botschaft und eine echte Befreiung. Denn viele Menschen leiden doppelt unter ihrem Übergewicht: Zu den körperlichen Begleiterscheinungen kommen Häme und gehässige Kommentare der Mitmenschen. Das führt oft zu einem schlechten Selbstbild, geringem Selbstvertrauen und kann ernsthafte psychische Problemen auslösen.
So ist Body Positivity eine echte Bereicherung: Wer sich selbst akzeptiert, streift einen wichtigen Teil der Belastung ab, unter der Übergewichtige leiden. Aber was fängt man mit dem neuen Selbstvertrauen an? Viele Verfechter der Body-Positive-Bewegung stellen immer noch den Körper in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie jagen keinem Size-Zero-Ideal mehr nach, doch der Zwang zur Selbstinszenierung bleibt und übt weiter Druck aus. Statt sich mit neuer Energie um den eigenen Körper zu kümmern und dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun, wird das Übergewicht zum Selbstzweck: Die Pfunde werden eingesetzt, um sich in Szene zu setzen. Damit wird die Chance vertan, Body Positivity als Unterstützung auf dem Weg zu einem gesünderen Leben zu nutzen.

Perfekt, positiv oder schön?

Viele Jahre litten besonders Mädchen und Frauen unter streng vorgegebenen Schönheitsnormen. Beine und Haare sollten lang sein, die Taille extrem schlank, der Bauch flach, die Haut makellos, Sommersprossen waren entweder verpönt oder hip, Locken wurden gestylt oder geglättet. Als schön galt nur, wer der Idealvorstellung entsprach. Mit viel Aufwand und einem Zwang zu immer neuen Diäten sollte der perfekte Körper Wirklichkeit werden. Und erst dann gab es ein stolzes Foto im Bikini am Pool. Wer das Schönheitsideal nicht erreichte, sparte sich auch das Foto.

Unperfekte Körper - perfekt inszeniert

Klassische aufgezwungene Formen, Normen und Ideale in Sachen Schönheit haben bei vielen ausgedient. Jeder Körper ist schön – mit Falten, mit dicken Bäuchen, Knien oder Hintern, mit Narben, großen Nasen oder plumpen Füßen. So sehen es die Body-Positive-Bewegung und ihre Anhängerschaft. Viele ermutigen jeden und jede, sich und seine Makel freizügig in Szene zu setzen und sich in den sozialen Netzwerken Bestätigung zu holen. Das Risiko: Diese Strömung der Body-Positive-Bewegung ersetzt die klassischen Schönheitsideale mit neuen, genauso ungesunden Vorgaben. Das setzt die Betroffenen wieder unter Druck, der teilweise sogar zu gezielter Gewichtszunahme motiviert.

Vom Zwang zur Sucht

Die Konzentration auf Äußerlichkeiten und Selbstinszenierung ist eine vertane Chance. Denn so kann aus dem liebevollen Akzeptieren der eigenen körperlichen Unvollkommenheit ein Zwang werden, den eigenen Körper regelrecht zu feiern. Mit einem schlichten Foto im Bikini am Pool ist es nicht getan. Vielmehr werden Hüftgold, üppige Achselbehaarung oder das auffällige Tattoo auf dem speckigen Rücken perfekt ins Licht gerückt und möglichst auffällig in Szene gesetzt. Die Anzahl der geposteten Bilder steigt und die Reaktionen aus der Community werden zum Gradmesser für das Selbstwertgefühl. So wird aus dem Zwang zur Selbstdarstellung schnell eine regelrechte Sucht, bei der sich alles nur ums Äußerliche dreht. Wirklich glücklich macht das nicht. Stattdessen lenkt es davon ab, dass der eigene Körper Aufmerksamkeit, Pflege und Unterstützung benötigt. Wenn Body Positivity bedeutet, sich als Plus Size Model in den Sozialen Medien zu inszenieren, verschenkt es sein Potenzial, Menschen nachhaltig zu helfen und bestätigt ungesunde Lebensweisen.

Nicht nur Körper, sondern auch Geist und Seele

Die Body-Positive-Bewegung macht es vielen Frauen leichter, sich mit den eigenen Unebenheiten und Abweichungen von einer vorgegebenen Norm zu akzeptieren. Es ist eine Möglichkeit, mit dem eigenen Körper glücklich zu werden. Aber das Potenzial des Trends wird verschenkt, wenn der Trend auf Oberflächlichkeiten fixiert bleibt. Ein positives Lebensgefühl und eine positive Ausstrahlung erwachsen eben nicht nur aus äußerlicher Schönheit. Starkes Übergewicht ist nicht nur eine Herausforderung für das Ego, sondern eine Ursache ernsthafter gesundheitlicher Risiken und Probleme, die dem persönlichen Glück im Weg stehen.

Wer es schafft, mit einem Körper jenseits der üblichen Normen ein negatives Selbstbild abzustreifen, sollte sich fragen, was man mit der neu gewonnenen Lebensfreude und dem guten Körpergefühl anfängt. Schlemmt man sich neue, üppigere Polster auf die Hüften, die man auf Instagram zur Schau stellen kann? Oder investiert man die Energie in die Herausforderung, den eigenen Lebensstil mit gesunder Ernährung und mehr Bewegung so gesund zu gestalten, dass man dem eigenen Körper nachhaltig etwas Gutes tut? Wer auf dem Weg zu einem gesünderen Lebensstil dahin darauf verzichtet, ständig seinen Körper zu beäugen und sich an den Maßstäben anderer zu messen, gewinnt Gelassenheit und Zeit. Zeit, die eigenen Stärken zu erkennen und zu einer inneren Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele zu finden. Die sorgt dann von ganz allein für positive Gefühle sich selbst gegenüber und eine positive Ausstrahlung.