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Die Geheimnisse des Darms

Darmgesundheit

VON MARIE-ANNE SCHLOLAUT, Kölner Stadt Anzeiger

Das Organ ist eine Schaltzentrale des Körpers und noch lange nicht vollständig erforscht – Viele schrecken vor Spiegelung zurück.

Eine gesunde Darmflora ist nicht immer angenehm für den, der sie hat: Es blubbert, bläht und gurgelt im Gedärm, was das Zeug hält. Dennoch ist jeder darauf erpicht, eine möglichst gute Darmflora zu haben, nur die „Nebenwirkungen", die will man eher nicht. Der Darm, seine Befindlichkeit und die Organe um ihn herum, also Speiseröhre, Zwölffingerdarm, Magen, Bauchspeicheldrüse und Gallenblase, sind für viele Menschen in den Fokus gerückt. Der Mensch tut derzeit scheinbar nichts lieber, als sich mit seinem Darm und dessen Wohlergehen zu befassen. „Noch nie wurde so viel über Darmflora und richtige Ernährung gesprochen, wie heute. Noch nie sind die Menschen so alt geworden wie heute, und noch nie hatten wir soviel Übergewichtige wie heute", sagt Prof. Dr. Arno Dormann, Chefarzt der Gastroenterologie an den Kliniken der Stadt Köln in Holweide und Merheim.

Hinzufügen muss man, dass als gegenläufiger Trend zum Darm-Hype die Darmspiegelung auf der Beliebtheitsskala ziemlich weit unten rangiert. 25 bis 30 Prozent der über 55- Jährigen gehen als Vorsorge zur Darmspiegelung, deren Kosten von den Kassen übernommen werden. Die Unwilligen erliegen der oftmals trügerischen Sicherheit: Mich wird es schon nicht treffen. Männer sind davon weitaus mehr überzeugt als Frauen und müssen oftmals einen hohen Preis bezahlen: Darmkrebs – der häufiger bei Männern als bei Frauen auftritt. Vielleicht sollten sich die Menschen, die sich ungern in ihren Verdauungsapparat schauen lassen, die Einstellung von Dr. Jürgen von Schönfeld zu eigen machen, Gastroenterologe am Marienhospital in Bergisch Gladbach. Er hat jeden Tag Darm-Schau und sagt im Brustton der Überzeugung: Das Organ ist eine Schaltzentrale des Körpers und noch lange nicht vollständig erforscht – Viele schrecken vor Spiegelung zurück „So ein Darm ist etwas sehr Schönes." Er muss es wissen, und er weiß auch, was viele Menschen vor der Koloskopie zurückschrecken lässt: Spiegelungen des Magens und des Darm sind, wie alle Eingriffe jedweder Art in den menschlichen Körper, auch mit Risiken verbunden. Von Schönfeld: „Wenn ein Arzt sagt, bei ihm sei noch nichts passiert, da würde ich laufen gehen. In 99 Prozent der Fälle geht alles gut, aber wenn man Polypen entfernen muss, besteht natürlich das Risiko, dass man bei dem Schnitt die Darmwand verletzen kann."

Und Polypen sind häufig vorhanden. Schönfeld: „Ab Mitte 50 haben rund 30 Prozent der Menschen Polypen." Nicht jeder Polyp, der im Frühstadium ein unauffälliges Zellhäufchen ist, mutiert zu einem Tumor, aber „ab einem Zentimeter Größe steigt das Risiko, dass er bösartig wird". Um das zu verhindern, schneiden die Ärzte bei einer Koloskopie, also Darmspiegelung, die kleinen Auffälligkeiten direkt weg. Patienten, die sich lieber „ohne Gerät" mittels Computertomographie (CT) oder Magnetresonanzuntersuchung MRT) ins Darminnere blicken lassen möchten, haben es nur vordergründig besser. Schönfeld: „Bei einer normalen Darmspiegelung sieht man nicht nur alles viel besser als im CT oder MRT, man kann auch sofort mit kleinen Eingriffen reagieren." Wenn die Befunde einer CT- oder MRT-Untersuchung Anlass zur Sorge geben, muss eine ganz normale Darmspiegelung zusätzlich gemacht werden. Und: „Für Untersuchungen mit CT und MRT muss der Darm noch sauberer sein, denn ich kann ja während der Untersuchung nicht nachspülen", so von Schönfeld. Ihm sind übrigens bei den Darmspiegelungen Patienten mit etwas Speck auf den Rippen lieber, weil dann der Darm fest eingebettet ist und nicht so schlingern kann. Zu dick ist allerdings kontraproduktiv, „weil der Arzt während der Untersuchung manchmal von außen drücken und schieben muss, was bei einem dicken Bauch nicht so gut klappt".

Im Gegensatz zum Darm sind Speiseröhre und Magen eher unspektakulär. Es mache auch weniger Sinn, so von Schönfeld, sich den Magen vorsorglich regelmäßig spiegeln zu lassen. „Zwar können Magentumore schneller wachsen, aber sie sind weitaus seltener." Was der Arzt bei einer Spiegelung des Magens sehen kann, sind Entzündungen, meist ausgelöst durch Sodbrennen und Reflux. „Tabletten gegen Reflux können nicht heilen, sondern Beschwerden nur lindern. Dadurch ist, wenn man aufstößt, die Magensäure nicht mehr so aggressiv." Alarmierend ist, wenn die Schleimhaut der Speiseröhre, die normalerweise schön weiß ist, sich rötlich verfärbt hat, und „Barretts", also krankhafte Gewebeveränderungen, entstanden sind, mögliche Vorstufen zum Krebs. Verursacht werden können sie durch chronischen Reflux. Von Schönfeld: „Die Zahl der neu entdeckten Speiseröhrentumore steigt momentan am schnellsten an, ist aber immer noch auf niedrigem Niveau."

Positive Reaktion auf Laktobakterien

Naturvölker sind in der Regel von solchen Krankheiten meist verschont. Prof. Arno Dormann: „Sie haben keine Divertikel, also Ausstülpungen im Darm, und keinen Darmkrebs. Das sind einige der wenigen bewiesenen Fakten." Alle anderen Mutmaßungen und Annahmen bewegen sich aktuell im Frühstadium der Forschung oder im Rahmen von Studien, deren Aussagekraft noch nicht überzeugend ist. Zu den noch ungelösten Fragen gehört, ob Kopfhirn und Darmhirn intensiv miteinander kommunizieren, ob die Zusammensetzung der Darmflora Einfluss darauf hat, ob man dement wird oder nicht, und ob Vegetarier und Veganer eine bessere Darmflora haben. Sicher ist nur, dass vegetarische Kost mehr Stuhlgang produziert, was am hohen Anteil der Ballaststoffe liegt, die immerhin 50 Prozent dessen ausmachen, was hinten wieder rauskommt. Die restlichen 50 Prozent sind Bakterien. Und: Vegetarische Kost produziert geruchsintensiven Stuhl. Dormann: „Wie im Kuhstall. Bei den Kühen, nachweislich 100-prozentige Veganer, riecht es nun mal nicht sonderlich gut." Dass es an eindeutigen Aussagen zum Darm und seinem noch geheimnisvollen Bakterien leben mangelt, dass bis dato keiner mit Sicherheit belegen kann, welche Darmflora optimal und welche weniger optimal ist, liegt daran, dass das Geheimnis Darm längst noch nicht gelüftet ist. Man weiß allerdings, so Dormann, „dass Butyrat vor Darmkrebs schützt". Butyrat, das Salz der Buttersäure, wird gebildet, wenn wir Käse, Sauerkraut, Bier, Brot, Milch, Fleisch, Haferflocken und Gemüse zu uns nehmen. Es gebe aber keine Normwerte für Butyrate, so Dormann, die als Anhaltspunkt dafür dienen, wie viel wir davon brauchen, um auf Nummer sicher zu gehen. „Wir wissen auch nicht, ob sich die Butyrat-Werte durch eine vegetarische Lebensweise erhöhen."

Ähnlich positiv wie auf Butyrate reagiert der Darm auf Laktobakterien, die ein saures Milieu produzieren, das der Darm mag. Mit Milch und Milchprodukten kurbelt man diese Produktion an – immer nur für den Moment. Die Laktobakterien verschwinden nach getaner Arbeit und Nachschub muss her. „Man beginnt erst jetzt zu erforschen, ob Laktobakterien nicht doch eine nachhaltige Wirkung auf die Darmflora haben", erklärt Dormann. Bevor aber ganz Eifrige hingehen und den Kühlschrank mit Joghurt- und Quarkbechern vollstopfen und ins Kühlfach nur noch Wirsing und Co. stapeln, sollten sie vielleicht darüber nachdenken, „dass unser Darm auf der Grundlage einer über eine Million Jahre alten Tradition funktioniert, und die besagt: hoher pflanzlicher Anteil und ab und zu Fleisch, Fisch und Fett", gibt Dormann zu bedenken. Zudem ist der Darm hochgradig konservativ und mag keine Veränderungen, die ihn überfordern, wie beispielsweise die Supermarkternährung.

Der Darm und seine unüberschaubar große Zahl an Bakterien kriegen zwar auch diese Nuss geknackt, aber nicht immer störungsfrei. „Unser Darm musste gezwungenermaßen flexibel werden. Das macht ihn aber auch anfällig für Krankheiten." Wer unter Reizdarm und Darmbeschwerden leidet, zu viel oder zu wenig, zu oft oder zu selten Stuhlgang hat, der versucht dies oft mit Mittelchen zu regulieren. Das tun auch jene, die meinen, mit Pülverchen, Pillen und Vitaminen dem Darm das Leben zu erleichtern und die Darmflora „erblühen" zu lassen. „Das bringt nichts, außer bei jenen, deren Darmflora durch Antibiotika-Therapien angegriffen ist", so Dormann. Gern empfohlen werden Pillen, die den Wirkstoff „E. coli Stamm Nissle 1917" haben, der dazu beitragen soll, dass der Darm gesund bleibt und sich bestimmte Krankheitserreger nicht ansiedeln und ausbreiten können. Dormann: „Darin sind Bakterien oder Pilzsporen enthalten, die bei abwehrgeschwächten Menschen zu einer Darminfektion führen können."

Die Schleimschicht ist Schutzfilm

Zerstörend ist auch die Wirkung all jener freiverkäuflichen Schmerzmittel wie Ibuprofen, Voltaren, Diclofenac und Aspirin. Sie stören die Funktion des Magens, des Dünn- und Dickdarms, wo sie die Produktion des Schleimfilms auf der Darmwand beeinflussen. Diese Schleimschicht ist ein Schutzfilm. Dort, wo sie negativ beeinflusst wird, können sich Geschwüre bilden. Ebenso unbekömmlich für den Darm und seine Flora sind Chemotherapien, Diabetes-Medikamente und Rheumamittel. Bei Menschen mit diesen Erkrankungen und Belastungen ist der Aufbau der Darmflora angebracht – alle anderen schaffen es mit gesunder Kost und Bewegung.