Menü Menü schließen

Infos zur Er­näh­rung

Laborfleisch oder Gentechnik?

Werden wir überhaupt noch Fleisch essen oder ist unsere Zukunft fleischlos? Sicher scheint zu sein, dass die bislang praktizierte Massentierhaltung immer mehr infrage gestellt werden wird. Das sogenannte Laborfleisch könnte ein Weg sein, um Fleisch ohne Tierhaltung zu erzeugen. Gentechnische Ansätze hingegen versuchen lediglich, die Massentierhaltung zu optimieren, und stellen deshalb keinen geeigneten Lösungsansatz dar.

Laborfleisch

Man nehme: Muskelstammzellen einer lebenden Kuh, aus denen in einem Nährmedium aus Zucker, Aminosäuren, Vitaminen und Mineralstoffen Muskelzellen gebildet werden. Die dafür nötigen Wachstumsfaktoren stammen aus dem Blut ungeborener Kälber. Innerhalb weniger Wochen wachsen die Zellen zu Fleischfasern zusammen, etwa 20.000 solcher Fasern ergeben einen Burger.

Auch Hähnchen- und Entenfleisch sollen langfristig aus Zellkulturen erzeugt werden können. Die Forschungen zur Produktion von Laborfleisch, auch „In vitro-Fleisch", „cultured meat" oder „clean meat" genannt, laufen auf Hochtouren. Schließlich erhofft man sich, damit wertvolle Ressourcen wie Wasser, Energie und Flächen für Weideland oder Futteranbau zu schonen.

Hohe Erwartungen

An die Erzeugung von Laborfleisch im großen Stil knüpfen sich hohe Erwartungen. Sogar Tierrechtsorganisationen wie PETA sehen hier großes Potenzial zur Lösung vieler anstehender Probleme: Laborfleisch macht Schluss mit dem Leiden unzähliger Tiere, die eingepfercht sind auf engstem Raum, lange Transporte überstehen müssen und oft qualvoll geschlachtet werden. Gleichzeitig wird der Fleischverzehr sicherer, denn Laborfleisch wird in keimfreier Atmosphäre hergestellt, eine Infektion mit Salmonellen, Vogelgrippe oder BSE ist praktisch ausgeschlossen. Die Abholzung von Wäldern für Weideland und zur Erzeugung von Tierfutter wird endlich gestoppt. Auch werden deutlich weniger fossile Brennstoffe verbraucht, die Emission von Kohlendioxid, Methan und Stickoxiden reduziert sich erheblich. Ambitionierte Forscher wollen erreichen, dass jeder zu Hause sein eigenes Fleisch nach Bedarf herstellen kann. Dem Wegwerfen von Lebensmitteln wird ,so bis zu einem gewissen Grad Einhalt geboten. Sogar das Welternährungsproblem könnte man durch den Verzicht auf intensive Tierhaltung in den Griff bekommen, denn für ein Kilo Fleisch werden in der Tierhaltung zehn Kilo Getreide verfüttert. Das durch den Verzicht auf Nutztierhaltung eingesparte Getreide könnte das Leiden zahlloser hungernder Menschen lindern.

Auf dem Boden der Tatsachen

Das alles klingt einfach, ist es jedoch nicht. Zwar fiel der Produktionspreis für Laborfleisch von schwindelerregenden 250.000 Euro pro Burger im Jahr 2013 auf nur noch zehn Euro im Jahr 2017, doch in anderen Punkten hat Ernüchterung die anfängliche Euphorie abgelöst. So könnte der Energieverbrauch der Bioreaktoren, in denen das Fleisch in großem Stil erzeugt werden soll, den der industriellen Tierhaltung sogar noch übersteigen.

Sehr problematisch ist das für das Faserwachstum benötigte Kälberserum: Das Blut hierfür stammt aus dem Herzen ungeborener Kälber, die die Prozedur der Blutentnahme nicht überleben. In Deutschland ist das Schlachten trächtiger Tiere im letzten Drittel der Schwangerschaft inzwischen verboten. Forscher suchen fieberhaft nach Alternativen auf der Basis von Algen oder Bakterien. In den Startlöchern steht auch die Entwicklung von Burgern, die von denen aus Fleisch optisch und geschmacklich kaum zu unterscheiden sind, jedoch ausschließlich auf pflanzlichem Eiweiß basieren. Durch den Zusatz von ausgesuchten Fetten, Vitaminen und dem sogenannten Hämprotein entsteht ein Pflanzenfleisch, das erstmals 2016 in einem Restaurant in New York serviert wurde. Doch nicht jeder hat Lust auf Laborfleisch. Unklar sind bislang die gesundheitlichen Auswirkungen des Kunstfleisches. Schließlich bestimmt auch die Art des Futters die Qualität des Fleisches. Doch letztlich bleibt die Hoffnung auf einen Durchbruch der Ernährungsforschung in der Zukunft bestehen.

Gentechnik

Mehr Muskelmasse, weniger Euterinfektionen, mehr Widerstandskraft gegen Krankheiten, weniger allergieauslösende Substanzen in der Milch, Kühe ohne Hörner, längere Haare bei Kaschmirziegen: Wunschträume oder mithilfe von gentechnischen Veränderungen an Nutztieren bald kein Problem mehr?

Nutztiere nach Plan sollen gesund sein und hohe Erträge bringen. Doch damit einher gehen kaum kalkulierbare Risiken. Eine angezüchtete Resistenz gegen bestimmte Erreger kann gleichbedeutend sein mit einer erhöhten Anfälligkeit für andere Erkrankungen. Und Tiere, die selbst nicht erkranken, können Überträger von Erregern sein. Freigesetzte gentechnisch veränderte Tiere mischen sich unkontrolliert mit natürlichen Populationen – mit bisher unbekannten Risiken. Und schon bei der Erforschung möglicher Veränderungen im Erbgut kommt es immer wieder zu unvorhergesehenen Krankheiten – mit erheblichen Tierverlusten.

Zu den unerwünschten Nebenwirkungen gehören Fälle von Gelenkschäden, Veränderungen an der Milch bis hin zur Ungenießbarkeit, Verhaltensänderungen, Missbildungen und Totgeburten, Schäden an den inneren Organen, Unfruchtbarkeit und nicht erkannte Ausscheidungen von Krankheitserregern. Risiken lassen sich kaum kontrollieren geschweige denn ausschließen. Zwar sind in den USA bereits gentechnisch veränderte Lachse als Lebensmittel zugelassen, in Europa gibt es aber noch keine derartigen Zulassungen für von Menschenhand geplante Tiere. Die Akzeptanz vieler Verbraucher ist ohnehin eher gering.

Fazit

Momentan ist geschmacksechtes, aber künstlich hergestelltes Fleisch noch Zukunftsmusik. Eines steht jedoch fest: Für unser Weltklima birgt „Laborfleisch" enorme Möglichkeiten. Denn zumindest in der Theorie schont es Ressourcen wie Wasser, Energie und Flächen für Weideland bzw. Futteranbau. Bis es soweit ist, können wir durch unser Verhalten auf jeden Fall positive Akzente setzen. Ein maßvoller und bewusster Umgang mit dem Lebensmittel, bei dem auf Herkunft und Haltung geachtet wird, ist nicht nur besser für die Umwelt, sondern auch für die eigene Gesundheit.