Catcalling

Was es auslöst und wie Betroffene sich wehren können: Die Auswirkungen hat unsere Psychologin Patrizia Thamm zusammengestellt.

Welche Auswirkungen haben Erlebnisse dieser Art auf unser psychisches Wohlbefinden und unser Verhalten?

Die Emotionen bei Betroffenen sind sehr unterschiedlich: Für die einen sind derartige Erlebnisse unbedeutend und unerheblich, andere wiederum fühlen sich total entwürdigt und beschmutzt und ekeln sich vor sich selbst und vor dem Täter.

Schuldsuche bei sich selbst

Ein typisches Phänomen das häufig auftritt ist, dass die Betroffenen die Schuld bei sich selbst suchen. Damit versuchen sie unterbewusst herauszufinden, was sie falsch gemacht haben und was sie hätten anders machen können. Sie glauben, wenn sie sich beim nächsten Mal nur „angemessen“ verhalten, passiert ihnen so etwas nicht mehr. „Ich hätte nicht die enge Jeans anziehen sollen. War ich zu stark geschminkt? Ich hätte ihn nicht so ansehen sollen.“ Manche Frauen lehnen ihren Körper stark ab, weil sie sich durch diesen erst angreifbar fühlen: „Meine weiblichen Formen fordern ja gerade dazu heraus“. Mache dir bewusst: Du trägst keinesfalls die Schuld, wenn dich Catcalling trifft! Es gibt keine Rocklänge oder Ausschnitttiefe, ab der sexuelle Belästigung in Ordnung ist.

Selbstwert, Körperscham und Angst

Wer das Catcalling als bedrohlich oder entwürdigend wahrnimmt, fühlt sich oft sehr stark in seinem Selbstwert angegriffen: „Ich werde schlecht behandelt also bin ich schlecht“.

Mit zunehmenden Belästigungserlebnissen steigen auch Körperscham und die Angst, dass einem beim nächsten Mal noch Schlimmeres widerfahren könnte, wie ein körperlicher Übergriff.

Viele sind ängstlich und unsicher, wenn sie auf die Straße gehen, haben Angst vor weiteren Übergriffen und meiden durch das dauerhaft erhöhte Gefahrenbewusstsein bestimmte Gegenden und gehen im Dunkeln nicht mehr gerne raus.

Wut und Verärgerung mischen sich hinzu, wenn man sich nach dem Erlebnis die Geschehnisse noch einmal bewusstmacht und das Gefühl hat, den Täter ohne Konsequenzen hat davonkommen lassen.

Falsches Empowerment: Selbstsexualisierung

Es gibt auch Frauen, die sich durch anzügliche Kommentare bestätigt und anziehend fühlen. Wer sich allerdings darüber freut, dass sich Männer so verhalten, läuft Gefahr, dann später mit negativen Folgen konfrontiert zu werden. Dahinter steckt nämlich oft falsches Empowerment: Eine Selbstobjektifizierung und Selbstsexualisierung, die oft mit einem starken Selbstwertproblem und einer Ablehnung des eigenen Körpers einhergehen. Die Frauen machen sich selbst zum Sexobjekt, weil sie dann Aufmerksamkeit und Bestätigung erfahren können. Sexuelle Belästigung kann für so jemanden zunächst selbstwertstabilisierend sein. Bleibt diese Bestätigung aber von außen weg, kracht der Selbstwert ein und es kann im schlimmsten Fall zu Essstörungen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen kommen, weil die Frauen krampfhaft damit beschäftigt sind, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen.

Unterschiedliche Belästigungsformen

Die Reaktion der Betroffenen hängt natürlich auch davon ab, mit welcher Form von Belästigung sie konfrontiert werden. Ist es nur ein ungeschickter aber eigentlich bewundernder Kommentar? Ist es eine verbale Anzüglichkeit „Mit dir würde ich auch mal gerne…“ oder handelt es sich um eine Erniedrigung wie „Du Schlampe“? Ahmt jemand Sexhandlungen nach, indem er Beckenstöße oder Zungenspiele andeutet? Ein aggressiver, feindseliger Sexismus wirkt viel invasiver und konfrontativer als ein gutgemeinter Sexismus und trifft einen oft deutlich härter, sodass man es auch mit der Angst zu tun bekommt.

Viele Betroffene fühlen sich in der Situation unwohl, angespannt und hilflos und sind sich unsicher ob sie die Person ignorieren und der Situation entkommen oder sich zur Wehr setzen und der Person ihr Fehlverhalten vor Augen führen sollen.

Wie reagiere ich richtig?

Du solltest dich nicht selbst unter Druck setzen oder gar verpflichtet fühlen, auf eine ganz bestimmte, durchdachte Art und Weise zu handeln.

Manchmal ist das auch gar nicht möglich, weil du ja auch nicht vorbereitet oder gefasst bist, dass so etwas passiert. Oft muss man sich erst einmal sammeln, bis man überhaupt wieder reagieren kann und dann ist in vielen Fällen die Situation auch schon vorbei z.B. der Belästiger ist weg oder du bist bereits vorbeigeradelt. Was bleibt und das kommt – meist zeitversetzt – ist ein mieses Gefühl: Oft fühlst du dich beschmutzt „der hat mich in Gedanken ausgezogen ohne mich zu fragen“ und ohnmächtig. Vielleicht ärgerst du dich auch über dich selbst, weil du die Erwartung hast, dass du eigentlich handlungsfähig und schlagfertig hättest sein müssen.

Von dem Fehlverhalten des Täters distanzieren

Da solltest du nachsichtig mit dir selbst sein. So geht es vielen Frauen! Wichtig ist, dass man sich diese Gefühle, wenn sie kommen, hinterher zurechtrückt, sodass man nicht auf dem schlechten Gefühl sitzen bleibt. Das miese Gefühl kommt daher, da man sich durch die Aussagen des Belästigenden entwertet und beschmutzt fühlt. Das was die Person sagt, sagt aber letztendlich nichts über dich aus, sondern über sie: Nämlich dass sie respektlos, unempathisch und übergriffig ist. Deshalb ist es sehr wichtig, dass man die negativen Eigenschaften bei dem Belästigenden lässt und sich nicht selber die Schuld hierfür gibt.

Ignorieren vs. klare Verhältnisse schaffen

Es ist nachvollziehbar und grundsätzlich der sicherste Weg, vorsichtig und cool zu bleiben und dem Belästigenden keine Beachtung und Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich weiß man nicht, welcher Persönlichkeitstyp mit welchen Absichten dahintersteckt: Ist es jemand, der unsicher ist und nicht so richtig weiß, wie er mit Frauen in Kontakt treten soll und sich deshalb einfach sehr ungeschickt verhält? Ganz nach dem Motto „Gut gemeint, aber nicht gut gemacht“. Oder ist es jemand der feindselig ist und in die Offensive geht, wenn du ihm Widerspruch gibst? Jemand der provozieren und schockieren will, eine Reaktion erzeugen möchte und lieber schräg als gar nicht wahrgenommen werden möchte? Jemand, der Frauen erniedrigen und verletzen will, weil er überzeugt ist, dass Frauen Männern schaden und die natürliche Ordnung der männlichen Dominanz zerstören wollen? Da kann es auch leicht passieren, dass so jemand dann nochmal nachlegt und zudringlicher wird. Andererseits kann das Ignorieren auch als Zustimmung oder Provokation missverstanden werden.

Deshalb wird oft empfohlen klare Verhältnisse zu schaffen und sich deutlich abzugrenzen mit einer eindeutigen, klaren und lauten Ansage z.B. „Hör auf damit!“ oder „Ich möchte das nicht!“ oder „Unterlasse solche unverschämten Äußerungen!“

Abstand halten und kein Gespräch initiieren

Eine gute Idee ist es in jedem Fall körperlich Abstand zu halten, damit der Belästigende es nicht so leicht hat, körperlich übergriffig zu werden und du dich zügig aus der Situation entfernen kannst. Durch eine laute und deutliche Ansage wird die Botschaft auch ohne deinen Körpereinsatz deutlich.

Was du vermeiden solltest sind schlagfertige Sprüche, die den anderen zur Rede stellen: „Was soll das?“ „Was fällt dir ein?“ „Was willst du von mir?“ Mit solchen Rückfragen verwickelst du dich in ein Gespräch oder eine Diskussion mit ihm, obwohl du für Abstand und Schutz sorgen solltest. Eine gute Erklärung für sein Verhalten wirst du mit Sicherheit nicht erwarten können und deine Reaktion kann als Interesse und Einladung missverstanden werden, weiterzumachen, da du dich offenbar angesprochen fühlst und dann wirst du ihn möglicherweise nicht mehr los.

Genauso wenig hilfreich ist es, sich derbe oder obszön zu äußern oder aggressiv zu verhalten. Das kann als Provokation wahrgenommen werden und die Situation zusätzlich verschärfen.

Fehlverhalten vor anderen enttarnen

Ratsam ist es auch, laut zu benennen, was die Person gerade tut, und auch zu sagen, was sie stattdessen tun soll: „Hör mit dem Gestöhne auf und geh weiter.“ Gut ist, wenn man so reagiert, dass andere mitbekommen, was gerade passiert. Denn Aktionen wie z.B. ein imitiertes Stöhnen zielt vermutlich darauf ab, dass dir das peinlich ist. Die beste Gegenwehr, insofern sie möglich ist, ist das Ganze umzudrehen und die Peinlichkeit zu seiner zu machen, indem du sein Fehlverhalten vor anderen enttarnst.

Je nachdem, ob du dich gerade z.B. in einer öffentlichen Lokalität befindest, wie einem Restaurant oder Club, kannst du auch anderen Gästen oder dem Personal gezielt von den verbalen Belästigungen berichten. Falls die Person die Lokalität häufiger besucht und eventuell bereits auch häufiger übergriffig geworden ist, können die Besitzer Maßnahmen ergreifen. So schützt du für die Zukunft nicht nur dich selbst, sondern auch andere mögliche Betroffene.

Abgrenzung ist ideal, aber nicht immer einfach

Frauen, die sich erfolgreich gegen Belästigung abgrenzen, fühlen sich oft besser, weil sie merken, dass sie Einfluss nehmen können, wie man mit ihnen umgeht und das stärkt auch den Selbstwert. Dafür muss so eine Abgrenzung aber erst einmal gelingen und es gibt sicherlich nicht die eine Strategie, die in jeder Situation die richtige ist.

Deine Sicherheit steht im Vordergrund

Deine eigene Sicherheit sollte in so einer Situation auf jeden Fall an oberster Stelle stehen. Auch wenn man gerade große Lust hat, der primitiven Anmache etwas entgegenzusetzen, sollte man abwägen, wie gefährlich sich die aktuelle Situation gestaltet. Sind Passanten in der Nähe, die helfen könnten, wenn die Situation eskaliert? Wenn andere Personen anwesend sind, ist es eher möglich, mit Gegenwehr zu reagieren und das Fehlverhalten vor anderen zu enttarnen. Oder ist man gerade alleine im Park unterwegs? Dann sollte man sich möglichst für eine Reaktion entscheiden, mit der man auch unbeschadet aus der Situation entkommen kann. Falls du merkst, das könnte jetzt tatsächlich gefährlich werden, ist es nie verkehrt, sich der Situation zu entziehen und wegzulaufen. Bürde dir nicht die Last auf, um jeden Preis den übergriffigen Teil der Männerschaft und die Welt selbst verändern oder umerziehen zu müssen!

Catcalling ist natürlich nicht gänzlich vermeidbar, es kann überall passieren - in der U-Bahn, beim Einkaufen, beim Joggen, auf der Arbeit oder auf der Straße und auch unabhängig von Alter, Geschlecht und Ort. Du kannst aber versuchen, die Gefahr, die damit einhergeht, zu beschränken: Wenn du alleine kein gutes Gefühl hast, joggen zu gehen, nimm dir eine Freundin oder einen Freund mit und nutze für dein Sportprogramm Orte und Tageszeiten, an denen du von anderen Menschen umgeben bist. Wenn du weißt, dass dich auf deinem Nachhauseweg von der Arbeit abends im Dunkeln regelmäßig ein schlechtes Gefühl überkommt, nutze sichere belebtere Wege, damit du dich wohler fühlst. Du kannst währenddessen auch Freunde oder deine Familie anrufen und Angaben zu deinem Aufenthaltsort machen, um dich sicherer zu fühlen. Es gibt übrigens auch bestimmte Stellen, die du anrufen kannst um dich auf deinem Heimweg telefonisch begleiten zu lassen. Rufe in einer akuten Bedrohungssituation direkt Hilfe und verständige bei Übergriffen die Polizei. Lieber einmal zu viel als zu wenig!

Du entscheidest: Catcalling vs. Kompliment

Oft bewerten Frauen Übergriffe auch nicht als solche, weil sie sich dann gezwungen fühlen zu reagieren. Einfacher ist es zu sagen: „Das hat er nicht so gemeint, das war bloß ein nettes Kompliment!“.

Wenn du eine anzügliche Bemerkung aber als Übergriff bewertest, während eine andere Person die Situation undramatisch findet und mit „Da gibt es doch viel Schlimmeres“ kommentiert, wird dein Empfinden damit abgewertet. Letztendlich ist das Täterschutz! Denn eine andere Person verharmlost eine Situation, in der du dich vielleicht als Opfer gefühlt hast. Das beschämt dich. Dir wird damit gesagt: „Lass das!“ Während das „Lass das!“ eigentlich dem Täter gebühren sollte.

Die bestmögliche Reaktion in der Situation ist also absolut individuell: Was eventuell die eigenen Freundinnen als amüsante Komplimente empfinden und als nicht weiter störend, ist für dich möglicherweise inakzeptabel. Und das ist ok so. Lasse dir nicht einreden, überempfindlich oder zu zimperlich zu reagieren, weil du anzügliche Bemerkungen wie „Geiler Hintern“ nicht als Kompliment interpretierst. Generell zählt in der akuten Situation die Einschätzung derjenigen, die es als Übergriff wahrnehmen. Was erlebt die eine als sexuellen Übergriff und was die andere? Du wirst immer wieder feststellen, dass das sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Man kann in jedem Fall nicht darüber diskutieren, ob es dir damit schlecht geht oder nicht.

Achtsam sein für andere

Bleibe auch achtsam, um anderen Betroffenen zu helfen, auch wenn du dich selbst gerade nicht in so einer Situation befindest. Wenn du Catcalling als Außenstehende mitbekommst, hilfst du anderen damit, indem du die Öffentlichkeit auf den Vorgang aufmerksam machst. Sage zum Beispiel laut und deutlich „Das ist doch übergriffig!“ oder gehe aktiv auf andere Zeuginnen zu und fordere sie auf, ebenfalls Stellung zu beziehen.

Instagram-Accounts als alternative Art der Gegenwehr

Übrigens: In vielen Städten gibt es Instagram-Accounts gegen sexuelle Belästigung wie „catcallsofcgn“ in Köln. Dort kannst du hinschreiben, wo und wie du belästigt wurdest. Die Kölnerin Maresa z.B. schreibt die Sprüche mit Kreide auf die Straße, macht ein Foto und veröffentlicht dieses auf ihrem Instagram Profil. So macht sie die verbale sexuelle Belästigung sichtbar mit dem Ziel, dass die Gesellschaft hinsieht, sich damit auseinandersetzen muss und Betroffene eine Stimme bekommen. Gerade wenn du dich im Nachhinein ärgerst und dich unwohl und unbefriedigt fühlst, dass du die verbalen Übergriffe wortlos ignoriert hast, könnte das eine Option sein, um auf die Tat doch noch in einer Form zu reagieren.

Zögere nicht, dir professionelle Hilfe zu suchen

Wenn du merkst, dass Ängste nach derartigen Belästigungen Überhand nehmen und du dich stark belastet fühlst und ein normaler Alltag nicht mehr möglich ist, solltest du nicht zögern dir psychologische Unterstützung zu suchen.

Portrait Patrizia Thamm

  • Seit 2019 bei der pronova BKK im Team Gesundheitsförderung.
  • Betreuung und Beratung von Firmenkunden im Betrieblichen Gesundheitsmanagement und mitverantwortlich für das Interne Gesundheitsmanagement.
  • Studierte Wirtschaftspsychologin und die Fachexpertin für das Thema Psyche im Team Gesundheitsförderung.
  • Geboren 1991 in Köln
  • Hobbys: "Ich begeistere mich für Fitness (zum Start der Pandemie habe ich wieder das Laufen für mich entdeckt), Yoga, Meditation und Wandern (am liebsten in Südtirol)".

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