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Detox

Suchtfolgen: Ich-Verlust in virtuellen Welten 

Die Frage nach einem zweiten Ich stellt sich für Aktive im Netz immer wieder: Entweder geht es dabei um die Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken oder das Verhältnis zum Avatar, also der virtuellen Spielfigur in Online-Rollenspielen. Je mehr Zeit man mit seinen Online-Identitäten im Netz unterwegs ist, desto schwieriger kann es werden, sich in der realen Welt zurechtzufinden. Zum einen will die gepostete Identität in sozialen Netzwerken ständig gefüllt werden mit außergewöhnlichen Aktivitäten. Da steigt der Druck, etwas Sensationelles zu erleben ganz erheblich. Das einfache und alltägliche Leben wird dabei in seiner Berechtigung immer mehr angezweifelt, was zu einem dauerhaften Verlust an Lebensfreude führen kann. Zum anderen kann das Verschmelzen mit der virtuellen Figur des Avatars auf emotionaler und körperlicher Ebene eine Veränderung des Erlebens in der realen Welt nach sich ziehen.

In sozialen Netzwerken

Soziale Netzwerke bilden eine große Bühne. Hier kann jeder mitspielen. Das Ziel heißt möglichst viele Likes. Dafür wird unablässig gepostet: Bilder von aufregenden Erlebnissen, kleine Videos von ungewöhnlichen Events und Statements der besonderen Art. Doch damit verbunden ist immer auch die ängstliche Frage, ob die Posts sensationell genug sind, um wirklich Aufmerksamkeit zu erregen und den ersehnten Klick auf den Like-Button zu bekommen. Jeder möchte mit seiner virtuellen Identität andere beeindrucken und zeigt sich nur von seiner besten Seite. Der Druck erhöht sich, wenn mal nichts Besonderes anliegt. Ein paar normale und unspektakuläre Tage, Probleme oder gar schlechte Nachrichten? Dafür ist in sozialen Netzwerken kein Platz, schließlich erleben alle anderen doch auch nur außergewöhnliche Highlights und spannende Abenteuer gemäß dem Werbeslogan „Mach das Leben zu einer fetten Party und lad dich selbst ein". Der Druck, etwas Besonders zu tun oder zu besitzen, steigt immer mehr – die negativen Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Selbstwertgefühl und Zufriedenheit mit der gegenwärtigen Lebenssituation sinken, der Stress mit Symptomen wie Magendrücken, Kopfschmerzen und Schlafproblemen steigt. Die Zweifel an der eigenen Lebensführung und den eigenen Werten werden immer größer: Darf ich so sein, wie ich bin? Oder muss ich so toll sein wie die anderen?

In Online-Rollenspielen

Ambitionierte Spieler von Online-Rollenspielen laufen Gefahr, sich in virtuellen Welten zu verlieren. Spieler und Avatar bilden eine innige Einheit, wie sie sonst nur in engen Freundschaften zu beobachten ist. Spielfans schwärmen von ihrer Figur wie von einer besten Freundin oder einem Geliebten. Und wer bis zu 30 Stunden pro Woche und mehr mit seiner Spielfigur verbringt, kann die Phantasiewelt nicht einfach mehr auf einen Klick verlassen. Vielmehr entsteht ein sehr enges Verhältnis zwischen Spieler und Avatar, eine Art Ganzkörperillusion: Der Spieler verschmilzt mit seinem virtuellen Charakter zu einer Einheit. Dieses Erleben beeinflusst den Spieler auch dann noch, wenn der Computer längst ausgeschaltet ist. Wer häufig in roboterartige und emotionslose Figuren schlüpft, hat ein reduziertes Schmerzempfinden, wie in Versuchen mit Probanden gezeigt werden konnte. Andererseits kann das Verschmelzen mit einem Superhelden die Hilfsbereitschaft im richtigen Leben erhöhen. Spieler vor dem Bildschirm erleben die Abenteuer und Prüfungen ihrer Figuren oft synchron: Muss die Figur im Spiel etwa zum Überqueren einer tiefen Schlucht über einen schmalen Baumstamm balancieren, sind Stressreaktionen im Körper des Spielers messbar. Und wer im Spiel viele Stresssituationen erlebt, trägt diesen Stress in sein Alltagsleben hinein. Letztendlich kann die Fixierung auf die Spielfigur so stark sein, dass keine Zeit mehr für richtige Freunde bleibt und der Spieler in die soziale Isolation abgleitet.