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Entspannung

Krank durch Perfektionismus?

Durchblättert man die einschlägige Ratgeberliteratur zum Thema „Perfektionismus“, könnte man den Eindruck bekommen, dass Perfektionismus zwangsläufig krankhaft ist und auch krank macht: Migräne, Depressionen, Alkoholismus, Zwangsstörungen und am Ende gar Krebs können angeblich die Folge sein, wenn man sich zu sehr um gute Ergebnisse bemüht. Damit einher geht oft das Lob einer gewissen Lässigkeit und Lockerheit und die Freude am „Fünfe mal gerade sein lassen“. Doch macht man es sich damit nicht etwas zu einfach? Fünfe sind nun einmal nicht gerade. Viele Situationen im Leben erfordern sogar ausdrücklich ein gewisses Maß an Perfektionismus – oder möchten Sie im Krankheitsfall an einen Arzt oder eine Ärztin ohne sehr hohe medizinische und ethische Ansprüche an die eigene Arbeit geraten?

Perfektionismus wissenschaftlich betrachtet

Hohe persönliche Standards, ein starker Grad der Organisiertheit, eine ausgeprägte Fehlersensibilität und die Neigung zu leistungsbezogenen Selbstzweifeln sind wesentliche Kennzeichen des Perfektionismus. Darüber hinaus neigen Perfektionisten oft dazu, ihre Leistungen unabhängig vom eigenen Lebensalter mit – aktuellen oder vergangenen – Erwartungen der eigenen Eltern abzugleichen. Zugegeben: Das alles klingt nach pedantischen, freudlosen und wenig selbstbewussten Naturen. Doch sieht man sich das Ganze mal aus der Nähe an, erkennt man schnell, wie wichtig all diese Facetten des Perfektionismus sind: Hohe persönliche Standards – das heißt doch nichts anderes, als dass ich gewisse Ansprüche an mich selbst stelle und selbstbestimmt leben möchte. Der starke Grad der Organisiertheit bedeutet: Ich kann für mich selbst sorgen und für mich selbst verantwortlich sein. Fehlersensibilität steht für die Einsicht, dass Fehler immer Folgen für mich und oft auch für andere haben – also versuche ich, sie zu vermeiden. Leistungsbezogene Selbstzweifel dürfen (wiederum bis zu einem gewissen Grad) vor allem bei stark leistungsbezogenen Menschen sogar als Sympathiemerkmal gelten: Man erkennt eigene Grenzen und denkt über sie nach. Der Perfektionismus des Einzelnen ist also in gewisser Weise Garant stabiler sozialer Beziehungen.

Das rechte Maß

Perfektionismus erscheint also nicht per se als schlecht oder krankhaft. Aber er ist – da bei extrem perfektionistisch veranlagten Menschen tatsächlich gesundheitliche Nebenwirkungen auftreten können – auch nicht ohne Weiteres gut. Dass es hier wie auch sonst im Leben ein Maß gibt, das nicht überschritten werden darf, versteht sich also von selbst. Doch wie genau definiert sich dieses Maß in Bezug auf den Perfektionismus? Und wann fängt der Perfektionismus wirklich an, krankhaft zu werden? Die Perfektionismus-Forschung unterscheidet heute zwischen einem Perfektionismus, der sich an eigenen hohen Erwartungen orientiert, und einem Perfektionismus, der sich an fremden hohen Erwartungen orientiert (z. B. der Eltern oder der Gesellschaft). Beide Formen des Perfektionismus stellen hohe Erwartungen auch an andere Menschen. Selbstbewusster ist die an eigenen hohen Erwartungen orientierte Form des Perfektionismus – man folgt eigenen hohen Ansprüchen. Aber ist das immer gesund? Problematisch wird es, wenn man an den eigenen Ansprüchen scheitert und daran leidet. Oder wenn andere (Freunde, Familienmitglieder, Kollegen) den Erwartungen nicht entsprechen können – und beide Seiten darunter leiden. Wie geht man damit um?

Gelassenheit als Gegenmittel

Der Ausweg aus dem Leiden am eigenen Scheitern angesichts zu hoch gesteckter Ziele liegt in der Gelassenheit: Akzeptieren Sie, nicht perfekt, sondern einfach nur gut zu sein. Daraus lassen sich Lebensenergie und Kraft ziehen. So lange Sie einen Zugewinn an Lebenskraft spüren, können Sie sicher sein, nicht dem krankmachenden Perfektionismus verfallen zu sein. Man muss seine ehrgeizigen Zielsetzungen also nicht zwangsläufig aufgeben. Aber man kann das gelegentliche Scheitern als in der menschlichen Natur liegend begreifen und gelassen hinnehmen. „Nobody is perfect“ – diesem locker dahingesagten Satz liegt eine tiefe Einsicht in das Wesen des Menschen zugrunde. Denn „perfekt“ heißt nichts anderes als „vollendet“. Vollendet ist der Mensch aber nie, da er, so lange er lebt, immer nach neuen Zielen strebt.