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Familie

Hilfe, mein Kind hat einen Tic!

Räuspern, Blinzeln, Nicken: Viele Kinder haben kleine Tics, die sie nicht willentlich beeinflussen können. Meistens sind diese Bewegungen oder Geräusche harmlos und verschwinden nach ein paar Wochen von alleine wieder.

Das Kind hat nie mit der Zunge geschnalzt. Die Eltern wussten nicht einmal, dass der Junge im Grundschulalter das kann. Doch plötzlich wie aus heiterem Himmel machte er das schnalzende Geräusch ständig, besonders oft wenn er aufgeregt, nervös oder müde war. Experten bezeichnen ein derartiges zwanghaftes Verhalten als Tic. Dieser kann unterschiedliche Erscheinungsformen haben: Manche Kinder räuspern sich, andere schniefen, pfeifen oder summen, wieder andere blinzeln mit den Augen, schütteln den Kopf oder hüpfen. Fragt man diese Kinder, warum sie z. B. immer wieder mit der Zunge schnalzen, wissen sie es selbst nicht genau. Meistens lautet die Antwort: „ach, nur so". Auch können die Kinder die unwillkürlich ablaufenden Geräusche oder Bewegungen nicht willentlich abstellen. Warum einige Kinder unter Tics leiden, andere aber nicht, ist noch unklar. Wissenschaftler vermuten, dass bei einer Tic-Störung die optimale Abstimmung zwischen verschiedenen Hirnarealen, die Bewegungswunsch und -ausführung koordinieren, fehlt. Als Ursache für das Ungleichgewicht bei der Bewegungssteuerung wird eine unterschiedlich schnelle Reifung der Nervenbahnen zwischen den einzelnen Hirnregionen vermutet. Reifen die beteiligten Bahnsystemen nach, verschwinden also auch die Tics wieder.

Sonderform Tourette-Syndrom

Jungen sind deutlich häufiger als Mädchen betroffen, meistens im Alter von sechs bis 14 Jahren. Spätestens nach der Pubertät verschwindet selbst das hartnäckigste Schulterzucken, Zwinkern oder Räuspern in der Regel von alleine wieder. Von daher sollten Eltern einem Tic, den ihr Kind entwickelt hat, zunächst gelassen gegenüberstehen. Je weniger Aufhebens darum gemacht wird, desto besser. Denn oft bemerkt das Kind selbst sein zwanghaftes Verhalten nicht, genauso wenig wie Freunde und Mitschüler. Sätze wie „Hör auf mit dem Auge zu zucken" oder „Halt still, wenn ich mit dir rede" bewirken normalerweise nur, dass das Kind sich unglücklich und nicht verstanden fühlt. Schließlich zuckt, zappelt oder schnalzt es nicht mit Absicht, sondern unbewusst. Darüber hinaus verschwinden die meisten Tics nach wenigen Wochen genauso schnell wieder, wie sie gekommen sind. Fachleute bezeichnen das dann als vorübergehende Form und grenzen diese von der chronischen Tic-Störung ab, die länger als zwölf Monate anhält. Eine selten auftretende Sonderform des Tics ist das Tourette-Syndrom, bei dem motorische und vokale Tics zusammenkommen. Obwohl das Tourette-Syndrom vor allem deswegen bekannt ist, weil betroffene Kinder und Jugendliche wie unter Zwang obszöne Wörter wiederholen, kommt das tatsächlich nur bei jedem dritten bis fünften Fall vor. Das Tourette-Syndrom tritt häufig länger als ein Jahr lang auf und verstärkt sich in der Pubertät mitunter noch. Trotzdem verschwindet auch diese Sonderform des Tics in rund der Hälfte der Fälle bis zum Erwachsenenalter von alleine.

Hilfe bei hohem Leidensdruck

Eltern machen also erst einmal nichts falsch, wenn sie beim Auftreten eines Tics gelassen abwarten. Hilfe sollten sie sich holen, falls sie zusätzlich eine psychiatrische Erkrankung vermuten. Denn Tics können beispielsweise mit Zwangsstörungen, Depressionen, Ängsten oder ADHS einhergehen. Auch wenn das Kind selbst unter der Tic-Störung leidet, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Welche Art der Behandlung gewählt wird, hängt unter anderem vom Leidensdruck ab. Vielen betroffenen Kindern und deren Eltern reicht es schon, Rat und Unterstützung beim Kinder- und Jugendpsychiater zu finden. Leidet das Kind stark, kann zudem eine Verhaltenstherapie sinnvoll sein, bei der trainiert wird, den unwillkürlichen Handlungen entgegenzusteuern. Zusätzlich kann das Erlernen von Entspannungstechniken helfen, die Häufigkeit der Tics zu verringern. Bei schwerer Tic-Symptomatik kann darüber hinaus eine medikamentöse Behandlung zu einer deutlichen Besserung führen. Allerdings können die Medikamente nur die Symptome abschwächen oder unterdrücken, das Störungsbild selbst können sie nicht heilen. Glücklicherweise ist das oft gar nicht notwendig, da in den meisten Fällen das Zungenschnalzen, Schulterzucken, Grimassieren, Kopfnicken etc. von einem Tag auf den anderen wieder verschwunden ist – so als wäre nie etwas gewesen.