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Familie

Pflege als Pflicht?

50 % der deutschen würden sich selbst um pflegebedürftige Angehörige kümmern.

Studie der pronova BKK „Pflege von morgen, 2018"

Eine gute Gesundheitsversorgung und sozialstaatliche Fürsorge machen es möglich: Die Menschen in den Industrienationen werden immer älter. Aber das bedeutet leider nicht, dass sie bis zum Ende fit und gesund bleiben. Im Gegenteil: Die körperlichen und geistigen Kräfte lassen bei den meisten Menschen irgendwann nach. Und nicht selten tritt dann das ein, was viele am meisten fürchten: der Pflegefall. Wer kümmert sich dann? Haben Kinder eine besondere moralische Verantwortung?

Gestern und heute

Früher war es üblich, dass die Kinder sich kümmerten, wenn die Eltern nicht mehr konnten. Meist blieb es dann die Sache der Töchter und Schwiegertöchter – sie übernahmen die Pflege zusätzlich zu ihren vielen anderen Aufgaben. In heutigen Zeiten ist das nicht mehr so selbstverständlich: An die Stelle der früher üblichen Großfamilie mit mehreren Kindern, die oft alle in der Nähe lebten, ist längst die Kleinfamilie getreten. Und hier führen Mobilität und Flexibilität des modernen Lebens dazu, dass heute oft weder die räumliche Nähe noch die zeitlichen Möglichkeiten da sind, sich zu kümmern – selbst wenn man wollte.

Eine Frage der Moral?

Viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie daran denken, dass bei zunehmender Hilflosigkeit oder im Pflegefall sie sich nicht selbst um die Eltern kümmern werden, sondern ja, wer wird sich kümmern? Um die Eltern kümmern sich dann soziale Dienste, das Altenheim oder Pflegeheim. Sicherzustellen, dass dabei alles nach Maßgabe der Menschenwürde abläuft, ist Aufgabe des modernen Sozialstaates und seiner Institutionen. Er übernimmt damit eine Verantwortung, die früher der Familie zukam. Dieser Wandel ist in vielerlei Hinsicht gut, denn er trägt dazu bei, dass Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können und sich nicht irgendwelchen Zwängen unterwerfen müssen.

Doch diese Thematik ist in vielen Fällen mit einem starken Tabu behaftet – man redet nicht gern darüber, scheut sich davor, eine mögliche Verantwortung offen abzulehnen, sucht – wenn man die Pflege nicht übernimmt – nach Entschuldigungsgründen und bittet vorab um Verständnis. An dieser Stelle wollen wir eins klar feststellen: Die Frage, ob man die eigenen Eltern selbst pflegt oder nicht, ist keine Frage der Moral. Man macht sich nicht schuldig, wenn man – aus welchen Gründen auch immer – zu dem Schluss kommt, dass man es selbst nicht machen wird. Jeder Mensch hat die Freiheit, so zu leben, wie er selbst es für richtig hält. Ohne schlechtes Gewissen.

Doch das ist keine Einbahnstraße. So wenig, wie man selbst verpflichtet ist, so sehr sollte man diese Freiheit auch anderen zubilligen. Etwa wenn man eines Tages selbst alt und hinfällig wird – dann gilt diese Einstellung natürlich auch gegenüber den eigenen Kindern.

Hemmungsloser Egoismus oder Selbstschutz?

Es ist gut, wenn man Verantwortung übernimmt und für andere Menschen da ist, die Hilfe benötigen. Aber es gibt Grenzen. Und die Grenzen bestimmt jeder Mensch ausschließlich selbst.

Sich im Pflegefall um die eigenen Eltern zu kümmern, kann einen Menschen schlichtweg überfordern – zeitlich, körperlich, aber auch seelisch. Vielleicht hat man eigene Kinder, um die man sich auch noch kümmern muss, vielleicht erfordert der Beruf vollen Einsatz – vielleicht hat man aber auch einfach nur das subjektive Gefühl, es nicht zu schaffen.

Es gibt keine Instanz, die unsere Gründe prüft. Wir prüfen selbst und entscheiden selbst. Und damit dürfen wir dann auch ohne schlechtes Gewissen leben. Doch was ist das Besondere an der Eltern-Kind-Beziehung, das wir uns gerade damit so schwer tun? Wir wollen der Frage auf den Grund gehen.

Zu welcher Antwort Sie für sich auch gelangen: Ihre Entscheidung sollte nicht moralisch, sondern rational begründet sein. Denn darum geht es: Welche Lösung ist für alle die Beste? Kann ich die Leistung besser erbringen als z. B. ein Pflegedienst?