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Familie

Selektiver Mutismus: Wenn Kinder plötzlich verstummen

Wenn das eigene Kind sich nicht wie die übrigen Altersgenossen verhält, sind die Eltern verunsichert. Warum redet es zu Hause, aber nicht in der Kita? Ursache kann ein selektiver Mutismus sein, bei dem die Kinder zwar in der vertrauten heimischen Umgebung reden, aber in einer anderen Umgebung oder bei fremden Menschen schweigen.

Zuhause redet das Kind ununterbrochen - Draußen verstummt es

Ein Kind lacht und tobt mit seinen Geschwistern und erzählt den Eltern beispielsweise von den Bausteinen, die es bei einem Freund gesehen hat und nun unbedingt haben möchte. Doch kaum betritt dieses Kind den Kindergarten bzw. die Schule, scheinen die Lippen wie versiegelt. Es wirkt ängstlich, nervös und spricht kein einziges Wort mehr. Auf Außenstehende macht dieses Verhalten manchmal den Eindruck, dass Kind wäre stumm oder autistisch. Doch tatsächlich leidet das Kind unter selektivem Mutismus.

Der Begriff leitet sich vom lateinischen „mutus" für „stumm" ab und beschreibt ein beharrliches, angstbedingtes Schweigen. Oft verstärkt es sich im Laufe der Zeit, bis es schließlich kaum noch willentlich gesteuert werden kann. Eine körperliche Ursache wie Schwerhörigkeit oder ein Defekt der Sprachorgane liegt nicht vor. Eine Diagnose ist nicht ganz einfach und oft wird ein selektiver Mutismus nicht erkannt oder missverstanden. Nicht selten wird das Verhalten als extreme Schüchternheit abgetan, die sich „bestimmt auswächst". Doch schüchterne Kinder antworten in der Regel wenn sie angesprochen werden – wenn auch gehemmt – oder kommunizieren von sich aus, sobald sie sich sicherer und der Situation gewachsen fühlen. Bei einem selektiv mutistischen Kind passiert das nicht, denn diese Kinder entscheiden nicht bewusst darüber, ob sie schweigen oder reden. Vielmehr „selektiert" die Situation, ob Sprechen oder Angst die Oberhand gewinnt.

Mutismus muss kein Schicksal sein

Falls das eigene Kind sich daheim also sehr ausdrucksfreudig und kommunikativ zeigt und vielleicht sogar auffällig viel redet, aber in bestimmten Situationen überhaupt nicht, sollten Eltern aufmerksam werden. Häufig haben die betroffenen Kinder darüber hinaus Schwierigkeiten, von sich aus eine Interaktion zu beginnen, indem sie z. B. sich bedanken, etwas fragen oder sich verabschieden. Außerdem ist die Angst typisch, sich körperlich z. B. beim Fahrradfahren oder beim Schwimmkurs zu erproben und im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Nicht selten haben betroffene Kinder zudem Angst vor körperlicher Nähe zu Fremden, schlafen ungern alleine oder fallen durch Bettnässen auf.

Erster Ansprechpartner beim Verdacht auf selektiven Mutismus sollte der Kinderarzt sein oder – falls das Kind bereits zur Schule geht – ein Schulpsychologe. Falls sich der Verdacht erhärtet, erzielt in den meisten Fällen eine Therapie gute Ergebnisse. Denn frühzeitig behandelt ist die Angststörung in der Regel sehr gut heilbar. Je nach individueller Situation des Kindes kommen z. B. eine Sprachtherapie oder eine Psychotherapie sowie begleitende spiel-, musik- oder ergotherapeutische Maßnahmen infrage. Hilfreich kann außerdem eine Verhaltenstherapie sein – oder eine Mischung aus den einzelnen Therapieformen. Auch die Eltern sollten einbezogen werden, weil sich viele Mütter und Väter oft zum Sprachrohr des Kindes machen, anstatt sich – was sinnvoller wäre – als Sprachtrainer zu verstehen.

Kommunikationsangst scheint genetisch bedingt zu sein

Die Ursachen des selektiven Mutismus sind noch nicht eindeutig geklärt. Man geht aber davon aus, dass die Störung durch ausgeprägte soziale Ängste hervorgerufen wird. Auch ein stressreiches Umfeld kann ein Risikofaktor für Mutismus sein, Erziehungsfehler oder Traumata, z. B. nach einem sexuellen Missbrauch, scheiden nach heutigen Erkenntnissen weitgehend als Ursache aus. Auffällig ist hingegen, dass ein Teil der betroffenen Kinder zweisprachig aufwachsen. Auch die Erbanlagen scheinen eine bedeutende Rolle zu spielen: Bei vielen mutistischen Kindern neigt mindestens ein Elternteil zur Selbstisolation, ist extrem schüchtern, leidet an Depressionen oder einer Angststörung.

Weiterführende Links

Weiterführende Hinweise und Angebote zum Erfahrungsaustausch im Rahmen der Selbsthilfe: