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Gut zu wissen

Brecher im Anrollen. Was hilft gegen Seekrankheit?

Ob man anfällig für sie ist, erfährt man zumeist erst dann, wenn es zu spät ist und man sich bereits auf hoher See befindet. Seekrankheit, wissenschaftlich Kinetose, wird in letzter Konsequenz durch Schaukel-, Schlinger- und Rollbewegungen des Schiffes ausgelöst. Ob das Schiff klein ist oder groß, ob Wind und Seegang nur mäßig oder sehr ausgeprägt sind - all das spielt keine Rolle. Ein entsprechend veranlagter Mensch kann sogar auf einem fest im Hafen vertäuten und nur sanft in kleinen und kleinsten Wellen sich wiegendem Schiff von der Seekrankheit gepackt werden.

Die Kinetose kann jederzeit zuschlagen ...

... und im Prinzip auch jeden treffen. Und wenn sie zuschlägt, tut sie es mit äußerster Unbarmherzigkeit. Seekrankheit äußert sich zunächst in starker Übelkeit, die alsbald in heftiges Erbrechen umschlägt. Auch Zeitgenossen, die sich selbst als seefest bezeichnen würden, werden gelegentlich von der Seekrankheit gepackt. Etwa wenn bestimmte Gerüche - süßlichschwerer Schiffsdiesel zum Beispiel oder die Ausdünstungen der Bordküche oder Nikotinschwaden oder alles zusammen - die Sinne zusätzlich irritieren. Eine Kinetose ist alles in allem sehr unangenehm und nimmt manch einem die Vorfreude auf den verdienten Urlaub.

Wie entsteht Seekrankheit?

Die Ursachen sind nicht eindeutig geklärt, doch folgender Mechanismus scheint ausschlaggebend zu sein: Hält man sich im Innenraum eines schlingernden Schiffes auf, melden die Sinnesorgane widersprüchliche Informationen an das Gehirn.

Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet Bewegungswechsel, die Augen sehen jedoch keine Veränderung. Die eigene Körperempfindung meldet, dass man still sitzt. Diese widersprüchlichen Signale erreichen das Gehirn. Das Gehirn wiederum vergleicht sie automatisch mit gewohnten Mustern. Folge: Eine Fehlermeldung wird generiert. Diese Fehlermeldung aktiviert dann verschiedene Körperreflexe, die wir als Seekrankheit bezeichnen: Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen usw. Kleiner Trost: Nach 2-3 Tagen auf bewegter See gewöhnt sich das Gehirn an das unbekannte Bewegungsmuster und hat einen Anpassungsmechanismus ausgebildet. Säuglinge leiden übrigens noch nicht unter Kinetose, weil die Gleichgewichtsbahnen noch nicht ausreichend entwickelt sind. Am häufigsten ist Kinetose im Alter von 3-12 Jahren. Ab 50 tritt sie seltener auf, weil Sinnesorgane im Alterungsprozess degenerieren - vielleicht ein Grund für die Beliebtheit von Kreuzfahrten bei Senioren. Ca. 5-10% aller Menschen sind sehr empfindlich, 5-15% eher unempfindlich. Die meisten Menschen sind mal mehr, mal weniger empfindlich. Auch die psychische Verfassung scheint eine Rolle zu spielen, da Placebos in Studien bei 45% der Betroffenen wirken. Kleines Kuriosum am Rande: Ostasiaten sind um einiges empfänglicher für Symptome der Seekrankheit als Menschen weißer oder schwarzer Hautfarbe. Und Frauen leiden etwa doppelt so häufig unter Kinetose wie Männer.

Verwandte der Seekrankheit

Derselbe verhängnisvolle Kommunikationsprozess zwischen Innenohr, Auge und Gehirn läuft übrigens auch ab, wenn man als Beifahrer im Auto liest: Die Augen melden Stillstand (man blickt auf fixe Buchstaben), das Innenohr registriert Bewegung. Das Gehirn bringt diese Signale nicht in Einklang. Seekrankheit ist im Prinzip dasselbe wie Reisekrankheit. Der auslösende Mechanismus ist der gleiche wie bei Reisen mit dem Schiff, dem Auto oder auf dem Rücken eines Kamels. Die Höhenangst ist eng verwandt mit der Kinetose: In sehr großer Höhe ist kein Punkt zum Fixieren mehr da. Es entsteht ein Schwindelgefühl, oft zusätzlich kombiniert mit Angst. Flugangst ist übrigens nur gering verwandt: Probleme bei Start/Beschleunigung sind ähnlich, aber dem Wesen nach ist Flugangst eher eine Angststörung.

Was also kann man gegen sie tun? Ist ein Kraut gegen sie gewachsen?

Eine Seefahrt ist nicht immer lustig. Es gibt Menschen, die sich bereits bei spiegelglatter See unwohl fühlen - ein Hinweis darauf, dass die Psyche nicht unbeteiligt ist. Es gibt viele erprobte Mittel, um gegen das Unwohlsein auf See anzugehen. Auch Medikamente. Die dämpfen zwar das Gefühl der Übelkeit, haben jedoch oft Nebenwirkungen. Sinnvoller ist es daher, zunächst einmal die erprobten Tipps zu testen.

Hinschauen, fixieren, entspannen. Das hilft immer.

Besserung erreicht man durch Hinschauen. Sobald das Auge erkennt, wie die Bewegungen, die man fühlt, entstehen, ist der auslösende Mechanismus gestoppt. Hält man sich unter Deck auf, sollte man sich an Deck begeben, einen festen Punkt am Horizont suchen und diesen fixieren. Nach diesem Prinzip funktionieren auch eigens konstruierte Spezialbrillen mit eingebauter Horizontlinie. Doch auch die psychische Verfassung spielt, wie israelische Forscher festgestellt haben, eine Rolle. Die Angst vor der Seekrankheit erhöht die Anfälligkeit. Entspannungsübungen und ruhiges Atmen können Linderung verschaffen. Empfohlen wird: Einatmen, so lange die Schiffsspitze sich hebt. Ausatmen, sobald sie sich senkt. Wohltuend ist auch die frische Luft. Doch bei schlechtem Wetter zwei bis drei Tage ununterbrochen an Deck zu sein, ist auch nicht jedermanns Sache.

Geheimtipps oder Chemie?

Unter Seglern und anderen Seeleuten kursieren natürlich jede Menge Geheimtipps. So werden Äpfel und Bananen vorbeugend verzehrt, rohe Möhren gekaut oder auch Salzbrezeln mit lauwarmer Cola gegessen. Auch Marzipan (sei es als Rohmasse oder in Verbindung mit Schokolade) wird eine helfende Wirkung zugeschrieben. Warum das alles funktioniert? Darüber ließe sich trefflich spekulieren. Diese Liste kann sicherlich jeder mühelos durch persönliche Erfolgsrezepte gegen die Seekrankheit ergänzen. Bei allen Unterschieden: Wichtig ist hier natürlich immer die vorbeugende Behandlung, da die Bereitschaft zur Nahrungsaufnahme bei einsetzender Seekrankheit zumeist rapide nachlassen dürfte. Ebenfalls vorbeugend eingenommen werden sollten die meisten pharmazeutischen Präparate wie Tabletten oder Spezialkaugummis. Da ihre Wirkung jedoch nicht selten auch mit Nebenwirkungen verbunden ist (und die Einnahme z. B. für Schwangere nicht unbedenklich ist), lohnt sich der Blick auf alternative Vorbeugemaßnahmen.

Akupressur: Druck an richtiger Stelle.

Es werden spezielle Akupressurbänder angeboten, die einen bestimmten Akupunkturpunkt am Unterarm stimulieren und dadurch für Abhilfe sorgen sollen. Eine zuverlässige Wirkung konnte bislang wissenschaftlich nicht zweifelsfrei belegt werden. Ein Versuch ist auch ohne spezielles Akupressurband möglich, indem man den Akupunkturpunkt selber durch Massage stimuliert. Spannt man den Unterarm in Richtung Ellenbeuge an, werden unterhalb des Handgelenks zwei Sehnen sichtbar, zwischen denen sich der Punkt zwei Daumen breit unterhalb der Handgelenksquerfalte befindet. Diesen Punkt sollte man mit dem Daumen der anderen Hand mehrere Minuten massieren.

Phytotherapie und Homöopathie

Auch Homöopathie und Pflanzenheilkunde bieten Hilfe bei Seekrankheit. Bewährt hat sich Ingwer, der - im Frühstadium oder besser noch vorbeugend genommen - den Magen beruhigt. Ob man die rohe Ingwerwurzel kaut oder auf kandierte Ingwerstäbchen bzw. standardisierte Ingwerkapseln oder -extrakte aus der Apotheke zurückgreift, bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen. In der homöopathischen Reiseapotheke hat sich Cocculus D6 bewährt. Dieses Mittel wird aus den Samenkörnern des indischen Kockelstrauchs (Cocculus indicus) gewonnen. Von den in der Apotheke erhältlichen Milchzuckerkügelchen (Globuli) werden stündlich 5 Stück eingenommen bis zur Besserung der Beschwerden, die spätestens nach wenigen Stunden eintreten sollte. Auch andere homöopathische Mittel können im Einzelfall angezeigt sein, die Auswahl wäre jeweils mit einem erfahrenen Homöopathen zu besprechen.

Allgemeine Verhaltensregeln

Wenn Sie anfällig für Seekrankheit sind, aber dennoch gern eine Seereise unternehmen möchten, fangen Sie mit kurzen Touren bzw. Tagesausflügen an. So finden Sie bald heraus, auf welche Maßnahmen Ihr Körper am besten anspricht. Dann steht auch einer Weltreise mit dem Schiff irgendwann nichts mehr im Weg.

Ob Spezialkaugummi, Globuli, Coca Cola, Ingwer oder Akupressur: In Jahrtausenden menschlicher Seefahrtgeschichte wurden viele Mittel und Methoden gegen die Seekrankheit entwickelt. Als besonders wirksam gelten auch die folgenden einfachen Verhaltensregeln:

  • Halten Sie sich an der frischen Luft auf, wo Sie den Bewegungen des Schiffes folgen und einen festen Punkt am Horizont fixieren können.
  • Wenn Sie sich unter Deck aufhalten, schließen Sie die Augen und minimieren Sie Ihre Kopfbewegungen.
  • Verzichten Sie auf schwere Speisen und auf Alkohol und Nikotin.
  • Beschäftigen Sie den Magen mit kleinen Mengen Zwieback, trockenem Weißbrot oder leichten Keksen. Bereits die Kaubewegungen helfen, die Überreaktion des Magens zu lindern.
  • Beschäftigung an Deck lenkt ab.
  • Ruhiges, bewusstes Atmen kann aufkommendes Unwohlsein vertreiben.