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Gut zu wissen

Der Duft der Rose

Der Geruchssinn ist wichtig für die Orientierung im Leben. Doch was, wenn er plötzlich verloren geht?

Da war doch mal was?

Der intensive Duft einer frisch aufgeblühten Rose, der verführerische Duft von selbstgebackenen Plätzchen und der vertraute Duft des Partners oder der Kinder: Wer auf all dies plötzlich verzichten muss, empfindet seine Lebensqualität zu Recht als stark eingeschränkt.

Anosmie heißt der komplette Verlust des Riechvermögens, von dem geschätzte 5 Prozent der Deutschen betroffen sind. Sogar bis zu 20 % leiden an einer Verminderung des Riechvermögens. Das nennt man Hyposmie. Jährlich begeben sich etwa 80.000 Menschen deswegen in ärztliche Behandlung. Während Riechstörungen als Folge von Infekten gute Heilungschancen haben, sind angeborene Riechstörungen oder solche, die beispielsweise durch Schädelverletzungen hervorgerufen werden, kaum therapierbar.

Wenn Sie das Glück haben, nicht bzw. nur an einer leichten Störung des Geruchssinns zu leiden, haben wir eine gute Nachricht für Sie: Mit gezieltem Training lässt sich der Geruchssinn verbessern. Denn die Bandbreite der wahrnehmbaren Düfte ist immens: Der geübte Mensch ist in der Lage, etwa 10.000 Düfte zu unterscheiden – eine enorme Bereicherung unseres Lebens!

Ursachen, Diagnose, Therapie

Die Anosmie ist die extreme Form der quantitativen Riechstörungen. Daneben gibt es auch qualitative Riechstörungen, also falsche Wahrnehmungen von Geruchsreizen. Entzündungen der Nase oder der Nasennebenhöhlen, Nasenpolypen oder eine Verkrümmung der Nasenscheidewand, Allergien, Medikamente, Chemikalien und Missbrauch von Nasensprays können sinunasale Riechstörungen auslösen. Hierbei gelangen Duftstoffe nur unzureichend zu den Riechsinneszellen, es kann also kein Geruch wahrgenommen werden. In anderen Fällen ist der Riechapparat selbst geschädigt: Schädelverletzungen, Stürze, Giftstoffe und Virusinfektionen können ursächlich sein. Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose oder Diabetes können ebenfalls das Riechvermögen zerstören. Außerdem gibt es noch die angeborene Anosmie. Teil der Diagnose ist immer eine ausführliche Befragung des Betroffenen. Eine Nasenspiegelung (Rhinoskopie) gibt Aufschluss über das Naseninnere und die Nasenschleimhaut, Riechtests zeigen an, in welcher Konzentration ein Geruch noch wahrgenommen werden kann. In schwierigen Fällen wird mit der Computertomographie oder der Magnetresonanztomographie die Arbeit des Gehirns bei Geruchsreizen untersucht. Geruchsstörungen sind unterschiedlich gut therapierbar: Sie verschwinden oft wieder, wenn Erkrankungen der Nasenschleimhaut abgeklungen sind, Polypen entfernt werden, die Nasenscheidewand operativ gerichtet wird oder auslösende Medikamente abgesetzt werden. Medikamentöse Behandlungen führen zu unterschiedlichen Erfolgen und werden noch weiter untersucht. Neben Kortikosteoriden, die wegen ihrer Nebenwirkungen nicht über einen zu langen Zeitraum genommen werden sollen, kommen auch Antibiotika und Vitamin A-, C- und B-Präparate zum Einsatz. In einigen Fällen kehrt der Geruchssinn allerdings von ganz allein zurück.

Riechstörungen im Alltag

Von den Riechzellen im Nasendach werden über den Riechnerv Signale ins Gehirn weitergeleitet, das diese in Geruchswahrnehmung ummünzt. Da dieser Teil des Gehirns auch für Gefühle und Erinnerungen zuständig ist, hat eine Anosmie weit reichende Auswirkungen auf die Lebensqualität. Wer einmal mit zugehaltener Nase ein würzig-scharfes Eintopfgericht oder einen warmen Schokoladenpudding isst, verliert schnell die Lust am Essen, denn die Zunge allein unterscheidet nur die Geschmacksrichtungen sauer, süß, bitter und salzig. Das volle Aroma einer Speise erschließt sich nur mithilfe der Geruchswahrnehmung. Ebenso warnt der Geruchssinn vor verdorbenen Speisen. Fehl- und Unterernährung können Folge einer Anosmie sein, da das Essen oft zur lästigen Pflichtübung wird. Auch bei der Partnerwahl spielt der Geruchssinn eine große Rolle: Während der eine einen anziehenden Duft verströmt, können wir den anderen sprichwörtlich nicht riechen, also seinen Geruch nicht ausstehen. Wer an einer Anosmie leidet, kann leicht in unangenehme Situationen geraten, da er auch seinen eigenen Körper- oder Mundgeruch nicht wahrnehmen kann. Oft resultiert daraus eine gewisse Unsicherheit der Betroffenen oder gar die soziale Isolation. Lebensgefahr droht gar, wenn giftige Gase oder Rauchgeruch nicht erkannt werden können. Und schließlich ist auch ein großer Teil unserer Erinnerungen mit Gerüchen verbunden: Das Weihnachten unserer Kindheit mit Plätzchen- und Kerzenduft, der Besuch von Onkel Andreas mit seinem aufdringlichen Rasierwasser oder die Sommerferien am Meer in frischer, salzig duftender Luft.

Den Geruchssinn trainieren

Wir sind ständig von unzähligen Gerüchen umgeben. Durch bewusstes „Hin-Riechen“ lässt sich unsere Sensibilität auf jeden Fall erhöhen und so ein Plus an Lebensfreude gewinnen. Damit kann man jederzeit beginnen: Jede Gemüsesorte verströmt einen eigenen Geruch – kann ich bei geschlossenen Augen die jeweilige Sorte am Geruch erkennen? Oder morgens einfach mal die Nase zur Tür rausstrecken, denn auch das Wetter kann man riechen: Hat es vielleicht gerade auf staubigen Boden geregnet? Am Wochenende mit der Familie die Duftkräuterecke eines botanischen Gartens aufsuchen: Wie viele Kräuter kann ich am Duft unterscheiden? Nach einiger Zeit wiederholen, um zu sehen, wie viele Düfte im Gedächtnis geblieben sind. Den Milchreis mit Zimt mit zugehaltener Nase essen und versuchen, den Geschmack zu beschreiben. Dann das gleiche mit geöffneter Nase wiederholen. Was schmecke ich jetzt? Gerüche prägen sich besser ein, wenn man sie mit Worten oder Bildern verknüpft: Den Duft des frisch aufgebrühten Kaffees mit dem Bild der Lieblingskaffeetasse im Gedächtnis behalten – die Erinnerung wird so einprägsamer und löst immer wieder wohlige Gefühle aus.

Fakten rund ums Riechen

  • Unsere etwa 30 Millionen Riechzellen werden alle vier bis sechs Wochen komplett erneuert
  • Rund 350 verschiedene Rezeptortypen registrieren die Geruchsmoleküle
  • Hunde besitzen je nach Rasse bis zu 220 Millionen Riechzellen, ihre Geruchsempfindlichkeit ist bis zu 10 Mio. mal höher als die des Menschen
  • Der Anteil des Riechhirns beim Menschen macht etwa 1 Prozent des Gehirns aus, beim Hund etwa 10 Prozent
  • In der zweiten Lebenshälfte nimmt das Riechvermögen kontinuierlich ab
  • Frauen sind meist geruchsempfindlicher als Männer
  • Rauchen beeinträchtigt den Geruchssinn erheblich

Mal reinschnuppern:

Hanns Hatt und Regine Dee
Das Maiglöckchen-Phänomen:
Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt,
Piper, 19,90 EUR