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Gut zu wissen

Einfühlung - Wie wir einander verstehen

Die Gegenwart versteht sich selbst als Zeitalter der Kommunikation. Gleichzeitig gibt es heute mehr Menschen als je zuvor, die sich einsam fühlen und unter Einsamkeit leiden, darunter auch erschreckend viele junge Menschen – also ausgerechnet diejenigen, die mittels Smartphone & Co häufiger mit anderen kommunizieren als jede andere Altersgruppe.

Wir sollten uns der Frage zuwenden, was überhaupt den Austausch von Mensch zu Mensch, von Wesen zu Wesen ermöglicht. Im Zentrum dieser Überlegungen steht das einfühlende Verstehen.

Einsamkeit macht krank

Fehlt es am einfühlenden Verstehen, fühlen Menschen sich unverstanden und einsam. Wer sich einsam fühlt, lebt ungesund. Menschen, die sich einsam fühlen, sind weitaus häufiger krank und sterben oft auch früher als solche, die in stabilen Beziehungen und mit sozialem Rückhalt leben. Einsamkeit verdient deshalb als wichtiger Negativfaktor für die Gesundheit genauso viel Beachtung wie Rauchen, Dauerstress, Übergewicht und Bewegungsmangel.

Ist jeder Mensch von Natur aus einsam?

Die Frage nach einer grundsätzlichen, wesentlichen Einsamkeit des Menschen mag zunächst seltsam erscheinen: Der Mensch ist doch ein soziales Wesen. Er lebt in Familien, gehört verschiedenen freizeit- oder berufsbezogenen Gruppierungen an, pflegt Freundschaften, lebt in Gesellschaft. Die Frage, ob der Mensch dennoch in seinem innersten Kern einsam ist, wurde vor allem in der Philosophie der letzten vier Jahrhunderte von Descartes bis Heidegger immer wieder gestellt. Ganz alltagsnah und fernab aller Theorie erspüren wir diesen Verdacht, dass wir einsam sein könnten, wenn wir uns klarmachen, dass wir allein geboren werden, allein sterben (auch wenn wir beim Sterben begleitet werden, bleibt der Tod selbst doch eine einsame Sache) und dazwischen allerlei schwerwiegende Entscheidungen in letzter Konsequenz allein treffen und allein tragen müssen. Manchmal müssen wir auch lange Jahre einsam leben – gleichsam als Robinson in der Vereinsamung großstädtischen Lebens. Sind wir also allein? Auf der anderen Seite erlebt jeder Mensch Augenblicke, in denen der Funke überspringt, der Graben der Isolation überwunden wird, aus der Einsamkeit Gemeinsamkeit entsteht. Was geschieht da? Und kann man etwas dafür tun, damit dieser Sprung öfter gelingt?

Ich, du, wir

Ich, du, wir – das sind oft gebrauchte Wörter der Alltagssprache. Sie markieren den Sender (ich) und den Empfänger (du) einer Botschaft und bilden aus beiden eine Einheit (wir) – eine Einheit, die dadurch entsteht, dass ein wechselseitiges Einverständnis vorhanden ist. Einverständnis kommt dadurch zustande, dass man einander versteht. Ich verstehe dich, du verstehst mich, wir verstehen uns bzw. einander. Wir verstehen einander: das meint zum einen das rein sprachliche Verstehen. Dies gründet darin, dass man weiß, welche Bedeutung, welchen Inhalt Wörter haben. Über einen Satz wie „Ich habe Hunger, lass uns essen gehen“ muss man nicht lange nachdenken – Hunger, essen, das versteht man. Etwas anders sieht es aus, wenn über Gefühle geredet wird. Ein Satz wie „Ich bin traurig“ oder „Mir geht es nicht gut“ lässt einen breiten Spielraum des Verstehens zu, insbesondere dann, wenn keine offensichtliche Erkrankung oder kein auf den ersten Blick erkennbarer Grund vorliegt. Als Empfänger der Botschaft ist man aufgefordert, sich in den Sender der Botschaft und seine Lebenssituation einzufühlen, um zu verstehen, wo der Schuh drückt. Dieses Einfühlen ist der Schlüssel zum Verstehen, Verstehen überbrückt die Kluft vom Ich zum Du. Dieses Einfühlen nennt man auch Empathie. Empathie bedeutet, dass wir Gefühle, aber auch Absichten und Gedanken eines Menschen erkennen, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Empathisches Verstehen geschieht meist im Augenblick. Empathie ist aber keine Einbahnstraße – nicht nur verstehen wir andere Menschen, diese anderen verstehen auch uns. Und wir verstehen wiederum, wie andere auf uns reagieren.

Kommunikation?

Ums Verstehen sollte es auch in der Kommunikation gehen. Doch steht oft etwas ganz anderes im Vordergrund: Ichbezogenheit und Selbstdarstellung. Typische Botschaften via Smartphone an soziale Netzwerke erschöpfen sich in der Regel darin, mitzuteilen, was man selbst gerade macht, wo man ist und was man gerade wieder Tolles erlebt – Äußerlichkeiten, Belanglosigkeiten, Phrasenhaftes. Ob und wie die Empfänger in ihrer jeweiligen Situation die Botschaft verstehen, ist zweitrangig. Man legt auch nicht immer Wert auf eine ehrliche Reaktion – ein Hochdaumen im Social Network reicht oft aus. Diese Art der Kommunikation legt es nicht aufs Verstehen und Verstandenwerden an. Hier springt kein Funke vom Ich zum Du über, echter Austausch unterbleibt; was bleibt, ist die Vereinzelung lauter ich-bezogener, selbstverliebter Sender, ist die Einsamkeit. Doch wie ihr entkommen?

Eine Antenne haben, eine Brücke bauen

Gibt es Wege aus dieser Einsamkeit?

Erster Schritt ist der bewusste Umgang mit technischen Kommunikationsmitteln – wir müssen nicht permanent auf Sendung sein, nicht alles muss sofort mitgeteilt werden. Und was man mitteilt, sollte so gewählt sein, dass es dem Empfänger wirklich etwas sagen und zu verstehen geben könnte – was aber voraussetzt, dass man sich zuvor in die Lebenssituation des Empfängers hineinversetzt, einfühlt. Das wäre der zweite Schritt – er betrifft auch solche Einsamkeiten, die nicht durch Kommunikationsmedien begünstigt wurden: eine Antenne, ein Sensorium zu entwickeln für andere Menschen. Dieses Sensorium ist in jedem Menschen angelegt, bei manchen muss es allerdings erst noch entwickelt werden. Das Sensorium empfängt Signale auf mehreren Ebenen: der akustischen (Was sagt der andere? Und vor allem: Wie sagt er es?), der visuellen (Was sehe ich im Gesicht des anderen? Was sagen mir seine Gesten, seine Körperhaltung?), auch der taktilen (Was fühle ich bei einer Berührung des anderen?); auch spielt das bereits vorhandene Wissen über den anderen eine Rolle. Wer Signale und Wissen zu einem Gesamtbild des anderen zusammenfügen kann, kann ihn verstehen und sich ihm verständlich machen und so ein Gespür entwickeln für die konkrete Lage. Das baut die Brücke zum anderen Menschen. Gelingt das Brückenbauen, sind auch Smartphones ein gutes Mittel, Kontakte herzustellen und zu halten.

Einfühlung und Mitgefühl

Wer diese Brücke baut, entwickelt ein Gespür für das, was anderen fehlt. Dieses Gespür zeichnet – neben aller sonstigen diagnostischen Finesse – auch den guten Arzt aus. Doch auch als Nichtmediziner kann jeder von uns daran arbeiten, dieses Feingefühl zu entwickeln, indem man nicht nur über sich selbst redet, sondern versucht, in den anderen hineinzuhorchen: Was bewegt ihn? Was bedrückt ihn? Was fehlt ihm? Wir erspüren etwas, kommen also einer Sache auf die Spur. Gelingt uns das, können wir reagieren und Hilfe leisten.

Einschwingung

Nicht nur von Mensch zu Mensch ist einfühlendes Verstehen möglich. Einfühlung kann ein universales Prinzip sein: Als Mensch kann ich andere Menschen, aber auch Tiere, ja selbst Pflanzen oder sonstiges Seiendes und sogar das Universum im Ganzen durch Einfühlung zu verstehen versuchen. Diesen Gedanken greift auch das heute vielfach zitierte und gerühmte Prinzip eines Lebens in Achtsamkeit auf: Indem ich meine Sinne öffne für das, was mir begegnet und was mich umgibt, werde ich ein anderer Mensch, bin mehr bei mir selbst, entferne mich von allem, was mir nicht gut tut, finde ich meine Mitte. Man könnte auch von einem Prinzip der Einschwingung sprechen: Ich schwinge mich in einen Lebensrhythmus ein, der mehr als nur mein eigenes Dasein durchströmt, ich schwinge mit. Von hier zu einem beschwingten, schwung- und lustvollen Dasein ist es dann nicht mehr weit. Man könnte diese einfühlende Einschwingung durchaus auch als liebendes Einfühlen begreifen: Man wird eins mit dem, was man liebt, versteht es aus sich selbst heraus – und ist nicht mehr allein.

Einfühlung überwindet Einsamkeit

Der Prozess der Einfühlung ist nicht immer einfach, doch wer ihn durchläuft, wird nicht mehr allein, nicht mehr einsam sein. Er erfordert vor allem Zeit und die Bereitschaft, sich in aller Ruhe auf einen anderen Menschen (oder auch ein Tier – wer ein Haustier sein eigen nennt, weiß wahrscheinlich sehr genau, wovon hier die Rede ist) einzulassen. Dieses Einlassen vollzieht sich als ein Hineinversetzen. Sich in andere hineinzuversetzen kann irgendwann zur Grundhaltung werden, mit der sich auch in Alltagskonflikten Brücken bauen lassen. Für ein solches Brückenbauen ist kein Mensch zu alt und kein Mensch zu jung. Und hierbei können die sozialen Netzwerke und modernen Kommunikationsmittel von großem Nutzen sein: Man findet Gleichgesinnte, lernt Menschen kennen, die man sonst nie kennengelernt hätte, bleibt in Verbindung. Es ist alles nur eine Frage des Umgangs.

Ist Einfühlung messbar?

Das Einfühlungsvermögen eines Menschen wird auch als Empathie bezeichnet. Empathie wiederum wird der emotionalen Intelligenz zugeordnet. In einer neueren Studie aus Kanada sind Wissenschaftler der Frage nachgegangen, ob Empathie messbar sei. Als objektive Kriterien für Empathie gelten:

  • nonverbale Botschaften wie Blicke, Gesten oder Sprechtempo werden verstanden und korrekt entschlüsselt
  • man empfindet die gleichen Emotionen wie andere, kann entsprechend „Mitgefühl“ zeigen
  • Menschen erleben ähnliche Gedanken, bewegen sich in ähnlichen Erinnerungen
  • gleiche physiologische Reaktionen (Herzschlag, feuchte Hände, Beklemmung) werden ausgelöst
  • es kommt zu helfenden oder unterstützenden Handlungsimpulsen