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Gut zu wissen

Sprechende Medizin

Ein Mensch, der eine Arztpraxis aufsucht, verspricht sich Linderung seiner Beschwerden oder Heilung. Neue Untersuchungen zeigen: Neben Spritzen und Tabletten sind es vor allem Worte, die eine heilsame Wirkung entfalten können – Worte, die Ärztin und Arzt an den erkrankten Menschen richten. Der Ausdruck „sprechende Medizin" ist also durchaus treffend. Doch wie steht es um die ärztliche Sprache?

Die Medizinersprache

Oft wird patientenseitig der medizinische Fachjargon beklagt – was für den Mediziner eine klare Begriflichkeit ist, verwirrt den Patienten. Der Patient versteht oft nur die Hälfte, manche Therapie scheitert deshalb schon im Ansatz. Diese Erkenntnis hat sich auch in der Ärzteschaft herumgesprochen – viele Mediziner bemühen sich mit Erfolg um eine auch für Patienten verstehbare Sprache. Doch ist das allein schon die sprechende Medizin? Neben der rein fachlichen Aufklärung gibt es weitere Sprachebenen – sie vor allem sind es, denen eine positive Wirkung zugeschrieben wird. Diese positive Wirkung ist durch neuronale Veränderung im Gehirn belegbar. Es zeigt sich, dass es gerade die nichtfachlichen Worte sind, die Worte von Mensch zu Mensch, die dem Patienten besonders gut tun: Eine Nachfrage nach den persönlichen Lebensumständen, eine Ermunterung hier, ein Zuspruch dort – oder auch eine persönliche Rückmeldung, wie der Arzt den Patienten erlebt. Diese Ebenen der Sprache sind deshalb so heilsam, weil sie auf das reagieren, was der Patient seinem Arzt entgegenbringt: Vertrauen.

Der Zeitfaktor in der Praxis

Sprechende Medizin ist eine zuhörende Medizin. Symptome werden nicht isoliert gesehen, sondern immer im Zusammenhang mit der individuellen Lebensgeschichte. Das betrifft körperliche wie seelische Leiden. Gerade bei psychischen Leiden ist das Gespräch besonders wichtig, weil der Zustand der Seele sich nicht durch Laborwerte, sondern vor allem durch Sprache mitteilt. Das braucht Zeit. Zeit ist in der ärztlichen Praxis ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – im normalen Praxisalltag hat der Arzt kaum mehr als fünf Minuten pro Patient: Diagnosestellungen und Verordnungen werden oft wie am Fließband produziert, die klassische Sprechstunde gerät zur Sprechminute. Natürlich gibt es zahlreiche Fälle, in denen ein kurzer Blick und drei, vier Sätze über die weitere Behandlung ausreichen – die Behandlung eines verstauchten Fingers etwa, ein Blick in den Rachen, das Setzen einer Spritze sind Routinearbeiten, die nicht durch viele Worte begleitet werden müssen. Wichtig wäre, dass Ärztin und Arzt erkennen, wann dies nicht ausreicht. Und hier kommen Patientin und Patient ins Spiel. Sie können ein Recht auf verstehbare Information und auf Zuhören einfordern.

Zur sprechenden Medizin gehört der mündige Patient

Für den Heilerfolg ist es außerordentlich wichtig, dass man als Patient versteht, was genau vorliegt (Diagnose) und was gemacht (Therapie) werden soll. Deshalb zeichnet sich der mündige Patient dadurch aus, dass er nachfragt, um Aufklärung bittet, von sich aus nach Behandlungsalternativen fragt. All dies dient dazu, sich als Patient positiv auf die Therapie einzustimmen. So wird eine negative Erwartungshaltung verhindert, die zur Folge haben könnte, dass der Patient die Medikamente nicht einnimmt. Den Arzt sollte man als Patient weniger als Respekts- denn als Vertrauensperson sehen. Deshalb ist es auch richtig, von sich aus auf die eigenen Lebensumstände zu sprechen zu kommen, wenn man das Gefühl hat, dass sie ursächlich für ein Leiden sein könnten. Man kann das Zuhören von Ärztin oder Arzt aktiv einfordern – wer die ärztliche Bereitschaft zum Zuhören nicht über Gebühr strapaziert, wird bei jedem verantwortungsbewussten Mediziner auch auf offene Ohren stoßen. Schließlich haben Arzt und Patient immer ein gemeinsames Interesse: Linderung und Heilung.