Corona-Krise: Experten beobachten vermehrt Alkoholprobleme

Leverkusen, 1. Februar 2021: Den Corona-Kummer im Alkohol ertränken? Psychotherapeuten und Psychiater schlagen Alarm: Sie beobachten in der Corona-Krise steigenden Alkoholkonsum und dadurch eine Zunahme psychischer Probleme. Sechs von zehn Therapeuten stellen bei ihren Patienten häufiger Alkoholprobleme fest. Patienten, die schon vor der Krise Probleme mit Alkohol hatten, greifen vermehrt zu Bier, Wein oder Spirituosen, wie 66 Prozent aus ihren Sprechstunden berichten. Dies sind Ergebnisse der Studie „Psychische Gesundheit in der Krise“ der pronova BKK, für die 154 Psychiater und Psychotherapeuten in Praxen und Kliniken befragt wurden.

Die Corona-Krise wirkt bei psychischen Beschwerden häufig wie ein negativer Verstärker, beobachten Psychotherapeuten. Das betrifft auch den Alkoholkonsum. „Patienten mit Alkoholabhängigkeit haben in der Krise häufig ihr in der Abstinenz geschaffenes soziales Netz eingebüßt. Wegen der Kontaktbeschränkungen haben sich zum Beispiel Selbsthilfegruppen nicht mehr regelmäßig getroffen“, sagt Sabine Köhler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Jena. „Diese Strukturen sind für Alkoholiker aber enorm wichtig, um trocken zu bleiben. In der Pandemie sind sie deshalb stark gefährdet, einen Rückfall zu erleiden.“ Expertin Köhler hat das selbst erlebt: „Job- und Existenzängste, dazu keine entlastenden Gesprächsrunden mehr mit der Selbsthilfegruppe – nach 15 Jahren griff einer meiner Patienten wieder zur Flasche und ist nun erneut bei mir in Therapie.“

Flucht in den Alkohol

Nicht nur wer psychisch labil ist, sondern auch bislang unbelastete Menschen geraten in der Pandemie in seelische Nöte – und sind suchtgefährdet. Wenn der Druck zu groß wird, flüchten sich nicht wenige in Alkohol, Zigaretten oder andere Drogen, um den Stress zu bekämpfen. Mehr als jeder dritte Therapeut sieht gesteigerte Nikotinsucht, auch Medikamente spielen eine größere Rolle. Ein Drittel der Experten diagnostiziert häufiger den Konsum von Drogen wie Cannabinoiden, Kokain oder Halluzinogenen.

Das beobachten Therapeuten auch bei ihren Neupatienten, die sie erst seit der Corona-Krise behandeln. Jeder zweite Therapeut stellt fest, dass diese verstärkt zum Alkohol griffen. Zigaretten, Medikamente und andere, harte Drogen haben den Berichten von rund drei von zehn Befragten zufolge in der Corona-Krise ebenfalls eine stärkere Rolle gespielt. 16 Prozent diagnostizieren häufiger Essstörungen.

Zweite Welle verschärft Probleme

73 Prozent rechnen damit, dass der Alkohol- und Drogenkonsum in den kommenden zwölf Monaten zunehmen wird. „Eine erwartbare Folge der Krise“, kommentiert Köhler. „Alkoholismus liegen häufig psychische Beschwerden wie Angsterkrankungen zugrunde. Zur Stressbewältigung greifen die Betroffenen zur Flasche“, sagt Köhler. Psychische Beschwerden wie Ängste und Überforderung wiederum nehmen in der Krise zu – auch das belegt die Studie. 82 Prozent der Befragten diagnostizieren öfter Angststörungen als üblich. 79 Prozent stellen vermehrt die Diagnose einer Depression, 74 Prozent vermerken Anpassungsstörungen, also stark ausgeprägte Reaktionen auf belastende Ereignisse. 72 Prozent sprechen von einer Zunahme somatoformer Störungen wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Schmerzen ohne organische Ursache. Vor allem die Nachtruhe ist beeinträchtigt: Dass Patienten nicht schlafen können, ohne dass es dafür eine körperliche Ursache gibt, beobachten zwei Drittel der Psychiater und Therapeuten vermehrt seit Beginn der Corona-Krise. Weitere Informationen zur psychischen Gesundheit in der Corona-Krise finden Sie hier.

Zur Studie

Die Befragung „Psychische Gesundheit in der Krise“ wurde im Oktober und November 2020 im Auftrag der pronova BKK im Rahmen einer Online-Befragung durchgeführt. Bundesweit nahmen 154 Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten daran teil.

Über die pronova BKK

Die pronova BKK ist aus Zusammenschlüssen der Betriebskrankenkassen namhafter Weltkonzerne wie BASF, Bayer, Continental und Ford entstanden. Bundesweit für alle Interessenten geöffnet, vertrauen der Krankenkasse bereits rund 650.000 Versicherte ihre Gesundheit an. Ob per App, im Chat, über das rund um die Uhr erreichbare Servicetelefon oder in den 60 Kundenservices vor Ort – die pronova BKK kümmert sich jederzeit um die Anliegen ihrer Kundinnen und Kunden.

Weitere News

  • Leverkusen |

    Heute wurde das in 2018 unter Federführung der pronova BKK gestartete Innovationsfonds-Projekt OSCAR beendet. Erste Ergebnisse des Projektes zeigen, dass sich das Programm positiv auf die Therapie von Menschen mit Krebserkrankungen auswirken konnte. Neben einem Rückgang an Krankenhaus-Aufenthalten konnte zudem eine Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen festgestellt werden.

    Weitere Details
  • Leverkusen |

    Täglich vor dem Bildschirm: Für eine Mehrheit der Deutschen vergeht kein Tag ohne Surfen, kein Tag ohne Fernsehen oder Videos, kein Tag ohne WhatsApp oder andere Nachrichten. Fast jeder besitzt heute ein Smartphone, die Nutzung hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Corona-Krise hat diesen Trend noch einmal beschleunigt: Mehr als jeder Dritte nutzt es häufiger als vorher. Dies sind Ergebnisse der bevölkerungsrepräsentativen Studie „Die Süchte der Deutschen“ der pronova BKK.

    Weitere Details
  • Leverkusen |

    Ab sofort optimiert die pronova BKK die Bearbeitung von Reha-Anträgen in Zusammenarbeit mit dem deutschen Start-up-Unternehmen Recare. Mithilfe einer Software sollen die Abläufe digitalisiert und ein schneller Start von Anschlussheilbehandlungen sichergestellt werden.

    Weitere Details
  • Leverkusen |

    Vier von zehn Deutschen trinken mindestens einmal pro Woche Alkohol. Von zehn Männern sind es fünf, die mindestens wöchentlich trinken, unter zehn Frauen drei. Mit dem Bildungsniveau nimmt auch der Alkoholkonsum zu: Jeder zweite Bundesbürger mit Hochschulabschluss trinkt jede Woche. Dies sind Ergebnisse der bevölkerungsrepräsentativen Studie „Die Süchte der Deutschen“ der pronova BKK.

    Weitere Details