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Große Herausforderungen

Der neue Vorstand der pronova BKK im Gespräch

pronova profil: Frau Löb, Herr Kaiser, Sie haben am 1. Oktober Ihren Platz als neue Vorständin bzw. als neuer Vorstandsvorsitzender der pronova BKK angetreten. Was gehört zu Ihren größten Herausforderungen?

Kaiser:
Zunächst arbeiten wir weiter intensiv daran, auch künftig die Wünsche unserer Versicherten zu erfüllen. Unser Ziel lautet nach wie vor, dass wir für unsere Kundinnen und Kunden die Nr. 1 in Sachen Gesundheit sein wollen. Das für uns mit Abstand wichtigste politische Thema ist eine gerechtere Verteilung der Mittel aus dem Gesundheitsfonds. Unsere Kundinnen und Kunden zahlen deutlich mehr Beiträge in den Gesundheitsfonds ein, als wir aus diesem Fonds erhalten. Einige Kassen bekommen mehr Geld, als sie benötigen und zahlen dies als Prämie aus. Das können wir unseren Versicherten nicht erklären. Deshalb werden wir uns massiv dafür einsetzen, diese Ungerechtigkeit abzustellen.

Wird mit dieser Ungerechtigkeit nicht auch der Solidargedanke, dem die gesetzlichen Krankenkassen unterliegen, auf den Kopf gestellt?

Löb:
Ein Stück weit ja. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass die Strukturen der Kassen unterschiedlich sind. Bei der pronova BKK haben wir z. B. 45 Prozent Rentner. Bei anderen Kassen ist das nicht der Fall. Wir haben in vielen Fällen einen ganz anderen Bedarf, als wenn wir eine junge Klientel hätten.

Viele Versicherte haben das Gefühl, die Krankenkassen schwimmen im Geld. So werden sie ja auch öffentlich informiert. Wie kann man ihnen eigentlich klar machen, dass das von Kasse zu Kasse sehr unterschiedlich ist und dass das Geld ganz schnell wieder weg sein kann?

Löb:
Der demographische Wandel und der medizinische Fortschritt kosten viel Geld. Und eine gute Versorgung, wie wir sie glücklicherweise in Deutschland haben, ist teuer. Ich glaube, es bleibt nach wie vor unsere Herausforderung, mit unseren Ressourcen gut umzugehen. Unsere Ressourcen sind zum einen die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds, zum anderen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der verantwortungsvolle Umgang mit beiden Ressourcen wird eine Herausforderung der nächsten Jahre sein.

Nehmen wir an, Sie hätten Gelegenheit, mit der Bundeskanzlerin ein persönliches Gespräch zu führen, was würden Sie thematisieren?

Kaiser:
Allgemein würde ich das Thema Bildung ansprechen, denn hier sehe ich großen Handlungsbedarf. Im Bereich der Gesundheitspolitik wäre ein wichtiger Aspekt die Unter-, Über- und Fehlversorgung. Es ist nach wie vor so, dass wir auf dem Land regelmäßig von Unterversorgung sprechen müssen. Es fehlen zum Beispiel Haus- und Fachärzte. Dafür haben wir in den Ballungszentren oft eine Überversorgung. Nicht nur im ambulanten, sondern auch im stationären Bereich. Natürlich muss es eine gut erreichbare Grundversorgung geben, aber es sollten z. B. nicht in allen Krankenhäusern Spezialbehandlungen angeboten werden, die dann nur in geringen Mengen erbracht werden können. Das führt dazu, dass die entsprechenden Abteilungen keine Auslastung erfahren und damit unwirtschaftlich sind. Ich finde, hier müssten Bundes- und Landespolitik mehr Einfluss ausüben. Schließlich wird diese Überversorgung von uns allen bezahlt.

Löb:
Und ich wünsche mir noch eins, wenn ich die Chance zu einem solchen Gespräch zu hätte: darauf hinzuweisen, wie wichtig betriebliche Krankenversicherung ist. Wir haben die großen DAX-Unternehmen im Rücken und versichern einen Großteil der Beschäftigten Das heißt, wir kennen die Sorgen, Bedürfnisse und Nöte dieser Menschen, kennen auch die Besonderheiten. Wir kümmern uns gemeinsam mit den Unternehmen um die Gesunderhaltung der Belegschaften. Dieses besondere Know-how zeichnet uns als Betriebskrankenkasse aus. Dafür hätten wir gerne mehr politische Unterstützung.

Im Zuge des Wahlkampfes ist die Öffnung der privaten Krankenkassen (PKV) für alle ins Gespräch gebracht worden. Welche Meinung haben Sie dazu? Sollte man sie öffnen, sollte man sie schließen, sollte man alles so lassen wie es ist?

Löb:
Letzteres. Ich glaube, da wird einfach viel geredet. So wie es jetzt ist, haben wir in den letzten Jahren schon eine Annäherung der Privaten an die Gesetzliche Krankenkasse festgestellt Es gibt eine Grundversicherung, es gibt eine Grundprämie, die Leistungen sind schon angeglichen. Ich sehe keinen Mehrwert darin, eine PKV vom Markt zu nehmen oder zusammenzuschließen. Es würde uns weder finanziell noch strukturell helfen. Ich glaube, es würden mehr Probleme auf uns zukommen, um die Besonderheiten, die es in der PKV gibt, auf die GKV zu übertragen. Ein Beispiel dafür sind die Beamten mit ihren Versorgungsansprüchen.

Kaiser:
Wenn es denn so gemeint wäre, dass die Öffnung der PKV heißt, dass sich jeder – unabhängig von Alter und Gesundheitszustand – dort versichern könnte, dann wäre das gleichzeitig das Ende der PKV. Dann hätten wir die Bürgerversicherung. Wenn sich allerdings jeder, auch unabhängig vom Einkommen, nach den heutigen Kriterien der PKV versichern könnte, dann würden alle Gesunden, also die, die Solidarität in der gesetzlichen Krankenversicherung stützen, die GKV verlassen. Das kann niemand wollen.

Kommen wir zurück zur pronova BKK. Was glauben Sie, sind die großen Herausforderungen für Sie und für das Haus?

Löb:
Für uns als pronova BKK ist es ganz wichtig, dass wir immer auf die einzelnen Lebensphasen, angefangen bei Säuglingen, Kleinkindern, über junge Familien, Menschen im Berufsleben, aber eben auch bei Rentnern eingehen können. Wir müssen die Sprache der jungen Menschen besser kennenlernen. Wie kommunizieren junge Leute heute? Wie können wir uns noch besser in der Öffentlichkeit darstellen, mit unseren Leistungen und unseren Produkten? Das wird auch eine Herausforderung.

Und wo wird die pronova BKK sonst ihre Schwerpunkte setzen?

Kaiser:
Die Qualität unserer Leistungen muss für unsere Kundinnen und Kunden spürbar und erlebbar sein. Präsenz vor Ort und damit Stärkung der Regionalität ist ein Stichwort. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen in den Geschäftsstellen unseren ersicherten mit Rat und Tat zur Seite, und zwar persönlich. Wir entwickeln mehr und mehr, häufig in Zusammenarbeit mit Haus-, Fachärzten und Kliniken, neue Versorgungsprogramme auf regionaler Ebene, die die Qualität der medizinischen Behandlung verbessern. Und wir werden uns eiterhin stark auf das betriebliche Gesundheitsmanagement konzentrieren.

Frau Löb und Herr Kaiser, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen und wünschen Ihnen für Ihre zukünftige Aufgabe viel Erfolg.