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Wis­sen für Pro­fis

​Flach oder steil: Hierarchien in Unternehmen

Hinsichtlich der Führungsfrage gibt es zwei Grundformen der Unternehmenskultur. Auf der einen Seite das Chef-Modell: Einer sagt, wo es langgeht, die anderen folgen. Auf der anderen Seite hat in den letzten Jahren das Modell der flachen Hierarchien mit mehr Eigenverantwortung für den Einzelnen und das Team viel Zustimmung erfahren. Wie funktionieren die Modelle im Unternehmensalltag?

Flache Hierarchien als Innovationstreiber

Das Modell der flachen Hierarchien basiert auf der Annahme, dass die stärkere Eigenverantwortung jedes Einzelnen Innovationen begünstigt: Jeder Mitarbeiter soll sich ohne Angst vor einer Blamage trauen, seine Ideen vorzubringen – vielleicht taugen sie ja was und führen sogar zu Neuprodukten und Umsatzsteigerungen.

Mehr als in normalen Produktionsbetrieben wird das Modell der flachen Hierarchie in Branchen umgesetzt, die ohnehin starke Innovationstreiber sind: Hightechunternehmen, allen voran Internetunternehmen. Hier ist die Dynamik der Produktentwicklung so stark, dass strenge Hierarchien sich allein schon aufgrund der längeren Entscheidungsprozesse eines strikt eingehaltenen Dienstweges als Entwicklungshemmnisse herausstellen würden, durch die ein Unternehmen schnell in Rückstand gegenüber den Mitbewerbern geraten würde.

In Unternehmen, die erfolgreich mit flachen Hierarchien arbeiten, liegt der Schwerpunkt der Arbeit oft im kreativen Bereich: Neue Ideen werden entwickelt, modellhaft und oft spielerisch umgesetzt – und zwar bei voller Transparenz für alle, die irgendwie am Prozess beteiligt sind. Geheimnisse gibt es nicht. Jeder darf und soll etwas dazu sagen, ohne Rücksicht auf Rangordnungen (die es selbstverständlich auch in flachen Hierarchien gibt). Falsch ist nur das, was hinterher am Markt nicht funktioniert. Doch selbst aus Fehlern kann man lernen. Doch wie funktioniert das Ganze?

Auch flache Hierarchien haben Regeln

Aus Sicht der steilen oder strikten Hierarchie herrscht in der flachen Hierarchie das blanke Chaos: Jeder macht, was er will. Und Entscheidungen werden nicht nach Strategie, sondern aus dem Bauch heraus getroffen. Bei genauerem Hinsehen erweist sich jedoch, dass die flache Hierarchie keineswegs regellos ist. Die wichtigste Regel: Wer von seiner Möglichkeit, dynamische Prozesse voranzutreiben und mitzugestalten, keinen Gebrauch macht, hat im Unternehmen keine Zukunft. Gefragt ist nicht der brave, folgsame, vorsichtige („Ich tue nur, was mir gesagt wird") oder gar ängstliche Mitarbeiter, sondern der wagemutige und risikobereite, der das Risiko jedoch verantwortungsbewusst kalkuliert.

Jeder Mitarbeiter, ganz gleich, welchen Job er macht, muss in der flachen Hierarchie unternehmerisch denken – also aus Sicht des Unternehmens und das heißt erfolgsorientiert. Er richtet sich nicht nach Vorschriften oder Dienstanweisungen, sondern macht das, was gerade getan werden muss, damit das Unternehmen Erfolg hat. Für den Erfolg ist nicht der Chef verantwortlich, sondern jeder Einzelne. Das erzeugt Druck. Nicht der Chef sitzt einem im Nacken, sondern der selbst erzeugte Leistungsdruck. Und der kann weitaus unangenehmer sein.

Flache Hierarchien können also durchaus anstrengend und extrem fordernd sein, auch wenn sie sich gern als menschlich, sympathisch und locker darstellen. Diesem Anforderungspotenzial ist nicht jeder gewachsen. Wer davon träumt, in flachen Hierarchien zu arbeiten, sollte sich fragen, ob er dafür geeignet ist.

Mitarbeitertypen

Es gibt Menschen, die sich wohl fühlen, wenn sie innerhalb eines festen Schemas Tag für Tag die gewohnten Tätigkeiten ausführen können. Routine mag langweilig sein, doch sie gibt Sicherheit – und damit ein sehr wichtiges Gefühl. Stehen im Unternehmen einmal Änderungen an, werden Schulungen angeboten: Ein Dozent übernimmt die Führungsrolle und erklärt, was künftig wie gemacht werden muss. Das wird dann 1:1 in den Unternehmensalltag übertragen – ohne Spielraum für eigene Ent-scheidungen.

Kommt es irgendwo zu einem Problem, wird wie gewohnt der direkte Vorgesetzte angesprochen, der es – sofern auch er es nicht lösen kann – auf die nächste Hierarchieebene trägt. Sicherheit geht eben vor.

Wer sich hingegen der flachen Hierarchie verschreibt, erkennt: Es gibt kaum noch Sicherheiten. Im Zweifelsfall wendet man sich zwar direkt an den obersten Chef, doch kann es dann passieren, dass auch der sagt: Entscheide selbst. Die flache Hierarchie ist aus Sicht der Mitarbeiter eine ständige Herausforderung, Probleme selbst zu lösen. Teams werden nicht geführt, sondern führen und organisieren sich selbst. Auf diese Weise sollen Probleme alltags- und praxisorientiert, schnell und innovativ gelöst werden. Soweit das Ideal. Doch sowenig es mit jedem Mitarbeitertyp funktioniert, so wenig klappt das in jedem Unternehmenstyp.

Die Realität der Hierarchie

In der Realität zeigt sich, dass es steile oder flache Hierarchie nur selten in Reinkultur gibt. Ausgeprägt flache Hierarchien gibt es vor allem in Start-ups. Entwickelt sich das Start-up zu einer festen Größe am Markt, werden sich in aller Regel und bis zu einem gewissen Grade Hierarchien entwickeln, die weder allzu steil noch extrem flach sind. Ab einer bestimmten Größe und Komplexität scheinen auch etwas stärker ausgeprägte Hierarchien unvermeidbar zu sein. Sie tarnen sich häufig hinter einer betonten Lockerheit der Chefs, sind aber im Alltag spürbar. Ehemalige Start-ups und heutige Internetgiganten wie Apple, Microsoft, Google, Facebook oder Amazon sind gute Beispiele.

Bereits seit langem gibt es in vielen Unternehmen das betriebliche Vorschlagswesen: Mitarbeiter sind aufgefordert, Verbesserungsvorschläge einzureichen – und zwar bewusst auch über den Kopf des nächsten Vorgesetzten hinweg. Auch das ist schon nicht mehr strikt hierarchisch. Aber die letzte Entscheidung zur Umsetzung liegt eben nicht beim Mitarbeiter selbst.

Im Unternehmensalltag wird sich oft zeigen, dass in bestimmten Situationen nicht das Einhalten des Dienstwegs, sondern ein gewisser Pragmatismus gefragt ist. Man tut das, was die Situation erfordert. Dennoch bleiben die Entscheidungsstrukturen in allen für das Unternehmen lebenswichtigen Fragen bestehen. Das ist selbstverständlich auch in den großen Internetfirmen nicht anders.