Pronova BKK: Nina, unsere Studie zeigt, dass KI inzwischen in vielen Familien als Ratgeber für Erziehungsfragen angekommen ist. Doch wie gut ist der Rat einer KI und welche Werte stecken dahinter?
Nina Grimm: Es geht nicht darum, ob wir KI nutzen, sondern wie. Daher sollten wir uns die Grenzen der Technik vor Augen führen: Sie sammelt Daten aus dem Internet und gibt Antworten, die auf Wahrscheinlichkeiten beruhen. Sie kann unterstützen beim Lernen und als Informationsquelle für Rezepte oder Spielideen dienen - aber nicht denken oder empathisch sein. Zudem ist die KI so programmiert, dass sie uns gefallen will. Aber gerade in Erziehungsfragen müssen wir uns manchmal unbequemen Wahrheiten stellen. Gute Beratung gibt keine Tipps, sondern stellt kluge Fragen.
Pronova BKK: Wie können Eltern die KI sinnvoll nutzen?
Grimm: Wichtig ist immer das richtige Briefing, also ein guter Prompt. Beispielsweise, dass nur wissenschaftliche Quellen durchsucht werden sollen. Oder Angaben zum Hintergrund wie Alter des Kindes oder die Vorgeschichte, denn die KI kann diese nicht kennen. Für schnelle Tipps und Tricks zum Erziehungsalltag kann sie dann ein wertvoller Ratgeber sein. Etwa 20 % aller Herausforderungen im Familienalltag lassen sich so lösen oder können eine Inspiration bieten. Die restlichen 80 % haben zumeist mit emotionalen Themen zu tun, dafür braucht es zwischenmenschliche Skills wie Empathie und die Fähigkeit, auch nonverbale Signale lesen zu können. Wann immer ich denke, für dieses Thema braucht es Denken und Fühlen, sollte ich die KI nicht nutzen.
Pronova BKK: Wie unsere Studie zeigt, trauen 41 % der Eltern der KI zu, gerade Empathie, Respekt und Fairness besser vermitteln zu können als sie selbst oder Freunde. Was sagt das über die heutige Elterngeneration aus?
Grimm: Immer mehr Eltern verlieren den Kontakt zu ihrer inneren Souveränität und sind unsicher, zweifelnd, überlastet - was auch daran liegt, dass die Ansprüche und die Welt komplexer geworden sind. Dazu kommt das Selbstbild der Generation: viele haben besonders hohe Ansprüche an ihre Erziehung, Angst etwas falsch zu machen oder zu ungeduldig zu sein. Mütter und Väter vertrauen oft nicht mehr in ihre Kompetenzen. Sie zweifeln an sich selbst und stützen sich daher auf die KI mit vermeintlich fundierten Quellen aus dem Internet. Sie glauben, die KI könne sachlicher erklären, weil sie selbst zu emotional an die Sache herangehen.
Pronova BKK: Liegen Eltern damit richtig? Ist die rationale Herangehensweise der KI denn besser?
Grimm: Es ist einfacher zu sagen, ich frage die KI nach einer Antwort, als sich selbst damit intensiv zu befassen. Eltern glauben, zu emotional zu reagieren. Doch damit überbetonen Eltern die Relevanz einer perfekten Kommunikation und unterschätzen Modell- und Bindungsverhalten. Denn Werte werden mehr über Beziehung und Kontakt vermittelt als durch Worte. Was ich vorlebe, ist ohnehin viel relevanter, als was ich sage. Die Aussagen sind eine krasse Fehleinschätzung dessen, was KI leisten kann und bedeuten, Verantwortung abzugeben.
Pronova BKK: Verschlimmert die häufige Nutzung von KI nicht noch die Unsicherheit der Eltern?
Grimm: Ja, im Grunde genommen ist das auch eine Form von Konditionierung. Wenn ich immer wieder die Erfahrung mache, dass ich mich selbst unsicher fühle und die KI fragen muss, verfestigt sich dieses Gefühl und die Selbstwirksamkeit wird langfristig reduziert. Ich verliere den Glauben an mich selbst und verlasse mich auf externe Fragesysteme. In der Erziehungsberatung geht es zumeist darum, das Gegenüber dabei zu unterstützen, eigene Antworten zu finden und eben nicht in einen Abhängigkeitsprozess hereinzugeraten.
Pronova BKK: Wie können Eltern diesen Prozess durchbrechen und lernen, sich selbst zu vertrauen?
Grimm: Sie können sich die Zweifel, Unsicherheiten oder Frustrationen als einen schlechten Film vorstellen, der anspringt, wenn ein Piepsen ihres Kindes sie unter Druck setzt. Doch dabei handelt es sich zumeist um Muster, die wir in der Kindheit gelernt haben. Jetzt können wir aber die Fernbedienung in die Hand nehmen und auf ein Programm umschalten, in dem wir ein guter Vater oder eine gute Mutter sein können, selbst wenn wir nicht fehlerfrei sind. Das gelingt, in dem wir uns distanzieren von Vergleichen mit vermeintlich perfekten Eltern auf sozialen Medien oder den Tipps einer KI. Und den Fokus stattdessen auf Menschlichkeit und Kontakt legen.
Pronova BKK: Die Studie zeigt: 58 % der Befragten mit Minderjährigen im Haushalt nutzen KI als Ratgeber – vor allem mit Kindern unter 6 Jahren. Warum gerade die?
Grimm: Das ist die Phase der größten Verunsicherung, in der die Eltern ein sehr hohes Maß an Verantwortung und Belastung tragen. Oft zeigen sich in dieser Phase destruktive Glaubenssätze wie „ich muss alles richtig machen“ oder „bei einem Fehler schade ich dem Kind“. Das stresst und wirft viele Fragen auf. Es ist nachvollziehbar, dass dann eine überall und jederzeit verfügbare KI als Ratgeber genutzt wird, auch weil die Beratungsstelle eine viel größere Hürde darstellt. Die Antwort einer KI klingt auch plausibel und gut – aber bei genauerem Hinsehen offenbaren sich eben doch Schwächen. Eltern sollten die Antworten überprüfen und hinterfragen bevor sie die Ratschläge ausprobieren. Wir müssen alle die Kompetenzen im Umgang mit der KI noch lernen.
Pronova BKK: Viele Eltern haben laut Studie Angst, dass sich ihre Kinder mehr auf den Rat der KI verlassen, als sie zu fragen. Ist die Sorge berechtigt?
Grimm: Die Sorge ist verständlich und ein Stück weit berechtigt. KI ist immer erreichbar und liefert eine schnelle Antwort ohne Bewertung, wo es bei Eltern vielleicht eine hochgezogene Augenbraue oder einen moralischen Appell gibt. Dass unsere Kinder KI nutzen werden, ist garantiert. Doch wie sie die Technologie verwenden, haben wir jetzt in der Hand. Medien- und KI Kompetenz ist eine der größten Erziehungsaufgaben dieser Zeit und nicht zuletzt deswegen oft eine Herausforderung, die uns vor Fragen stellt, die wir selbst noch nicht lösen können.
Auch dafür ist es wichtig, dass wir als Eltern eine stabile und sichere Bindung zum Kind aufbauen und aufrechterhalten. Dazu gehört, eine verlässliche Ansprechperson zu sein und eigenen emotionalen Reaktionen selbstkritisch zu überprüfen und zu regulieren. Wir treten nicht in Konkurrenz zur KI.
Pronova BKK: Was heißt das konkret? Sollte es Altersgrenzen für KI geben?
Grimm: Mit dem Eintritt in die Grundschule stellen Kinder ohnehin sehr viele Fragen. Das ist ein schöner Anlass, ihnen zu zeigen, wie KI den natürlichen Wissensdurst unterstützen kann. Gerade ein früher Kontakt mit der KI sollte aber immer zusammen mit den Eltern passieren. Dahinter setze ich fünf Ausrufezeichen. Sie kann als Informationsquelle dienen. Bei Nutzung der KI sollten Eltern ihre Kinder dabei anleiten, immer zuerst selbst nach der Antwort ihrer Frage oder einer Aufgabe zu suchen und dann erst zur Überprüfung die KI zu fragen. Gemeinsam mit den Eltern können Kinder die Antworten hinterfragen. Die 3 wichtigsten Regeln, die Eltern ihren Kindern zu KI vermitteln sollten sind: 1. erst denken, dann fragen, 2. gute Fragen formulieren, 3. Antworten mit neuen Fragen überprüfen
Pronova BKK: Welche Risiken birgt die KI für unsere Kinder?
Grimm: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir Kinder zu passiven Konsument*innen der Technologie heranziehen. Sie dürfen nicht bei Langeweile den Impuls haben, sich von der KI berieseln zu lassen. Sie darf nicht das eigene Denken abnehmen. KI sollte auch niemals Ersatz für eine reale Gesprächsperson, eine Freundschaft oder Beziehung sein.