Interview mit Patrizia Thamm
Alkohol gehört für viele Menschen selbstverständlich zum privaten und beruflichen Leben dazu. Wer nicht trinkt, muss sich deshalb häufig rechtfertigen. Warum der Verzicht gerade in Gesellschaft schwerfällt, wie Eltern den Umgang mit Alkohol prägen und welche Verantwortung Führungskräfte in Unternehmen tragen, erklärt Patrizia Thamm, Referentin der Gesundheitsförderung bei der Pronova BKK sowie Trainerin für Resilienz und Achtsamkeit. Im Interview ordnet sie die Ergebnisse der Pronova BKK-Studie „Alkohol in Alltag, Familie und Beruf“ ein und gibt Tipps für einen bewussten Umgang.
Pronova BKK: Patrizia, 1/3 der Befragten hat bereits vor dem 16. Geburtstag erstmals Alkohol getrunken. Auffällig ist, dass bei 30 % der 18- bis 30-Jährigen die Eltern beim ersten Schluck Alkohol dabei waren. Welche Rolle spielen die Eltern hier?
Thamm: Eltern sind wichtige Vorbilder. Kinder und Jugendliche lernen auch viel durch Beobachtung. Dies gilt auch für den Umgang mit Alkohol. Sind die Eltern beim ersten Kontakt dabei, kann das einen geschützten Rahmen schaffen, indem sie ihren Kindern einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang vermitteln können. Es ist wichtig, dass sie den Alkoholkonsum nicht normalisieren und auch nicht den Anschein erwecken, dass Alkohol selbstverständlich zum Erwachsenwerden dazugehört. Entscheidend ist deshalb weniger, ob die Eltern beim ersten Schluck dabei sind, sondern vielmehr, welche Haltung sie vermitteln und wie sie selbst mit Alkohol umgehen.
Pronova BKK: Was brauchen Jugendliche von ihren Eltern, wenn sie beginnen, Alkohol auszuprobieren?
Thamm: Vor allem sind Orientierung und klare Grenzen wichtig. Eltern sollten offen über die Risiken von Alkohol sprechen. Dabei sollten sie weder verharmlosen noch Angst machen oder nur mit Verboten auf die Jugendlichen reagieren. Besonders wichtig ist, dass Jugendliche wissen: Wenn ich in Schwierigkeiten bin, zum Beispiel weil ich zu viel getrunken habe, kann ich meine Eltern jederzeit anrufen. Denn wer Angst vor negativen Konsequenzen hat, vertraut sich seinen Eltern oft seltener an. Das Ziel sollte nicht sein, jede negative Erfahrung zu verhindern, sondern die Jugendlichen dabei zu unterstützen, Gefahren richtig einzuschätzen und selbst verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Pronova BKK: 4 von 10 Deutschen mussten sich schon dafür rechtfertigen, keinen Alkohol zu trinken. Warum ist Alkoholverzicht noch immer erklärungsbedürftig?
Thamm: Alkohol ist in unserer Gesellschaft in bestimmten sozialen Situationen fest verankert. Ob beim Anstoßen, beim Geschäftsessen oder beim Feiern mit Freunden: Trinken wird oft nicht als bewusste Entscheidung wahrgenommen, sondern als selbstverständlich angesehen. Wer von dieser sozialen Norm abweicht, fällt auf und gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck. Dabei sollte ein Verzicht auf alkoholische Getränke nicht begründet werden müssen. Nicht der Alkoholverzicht ist fragwürdig, sondern die gesellschaftliche Erwartung, dass Trinken der Normalfall sei.
Pronova BKK: Warum fällt es gerade in geselliger Runde schwer, beim Alkohol Nein zu sagen?
Thamm: Wir Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Gemeinsames Trinken kann ein soziales Ritual sein und Verbundenheit zum Ausdruck bringen. Ein Verzicht darauf wird in einer Gruppe dann oft als Abweichung von den sozialen Erwartungen wahrgenommen. Dies zeigt, wie stark unser Verhalten vom sozialen Umfeld beeinflusst wird – oft mehr, als uns bewusst ist.
Pronova BKK: Fast 3 von 10 Befragten trinken Alkohol, um sich zu belohnen, etwa nach einem anstrengenden Tag. Wie entstehen solche Rituale?
Thamm: Vor allem durch Wiederholungen. Wer nach einem anstrengenden Tag regelmäßig Alkohol trinkt und dabei Entspannung empfindet, verbindet den Feierabend mit dieser Belohnung. Unser Gehirn lernt diese Verknüpfung, sodass irgendwann schon die gewohnte Situation den Wunsch nach Alkohol auslösen kann. Problematisch wird es, wenn alkoholische Getränke zur festen Strategie werden, um Stress oder negative Gefühle zu bewältigen.
Pronova BKK: Wie lässt sich ein solches Belohnungsmuster verändern?
Thamm: Es reicht nicht aus, den Alkohol einfach wegzulassen. Entscheidend ist, die alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen, die ein ähnliches Bedürfnis erfüllt. Das kann Sport sein, ein kreatives Hobby, ein gutes Essen oder ein anderes Feierabendritual. Wichtig ist, dass die neue Gewohnheit ebenfalls das Gefühl vermittelt: „Jetzt kann ich abschalten und mir etwas Gutes tun.“ Seine Verhaltensmuster zu verändern und neue Gewohnheiten zu etablieren geht nicht von heute auf morgen. Entscheidend ist, solche neuen Rituale regelmäßig zu wiederholen. Denn es braucht meist mehrere Wochen bis Monate, bis sich neue Gewohnheiten festigen und zunehmend selbstverständlich werden.
Pronova BKK: Wie können Menschen möglichst souverän reagieren, wenn andere sie zum Mittrinken drängen?
Thamm: Am besten mit einer klaren Antwort: Ein einfaches „Nein, danke, ich trinke heute nicht“ sollte völlig ausreichen. Je ausführlicher wir unsere Entscheidung begründen, desto mehr entsteht der Eindruck, dass noch darüber verhandelt werden kann. Es ist auch hilfreich, sich gedanklich auf solche Situationen vorzubereiten, um selbst unter sozialem Druck zu seinen Entscheidungen stehen zu können.
Pronova BKK: Sozialer Druck spielt auch im Berufsleben eine Rolle. Warum gehört Alkohol für viele Beschäftigte etwa beim Feierabendbier oder auf Betriebsfeiern selbstverständlich dazu?
Thamm: Auch im Berufsleben ist gemeinsames Trinken für viele ein festes Ritual. Das Feierabendbier kann beispielsweise den Übergang vom Arbeitstag zur Freizeit symbolisieren. Solche Rituale sind in vielen Unternehmen üblich. Dennoch sollte Gemeinschaft niemals an Alkoholkonsum gebunden sein. Eine gute Unternehmenskultur zeichnet sich dadurch aus, dass sich alle zugehörig fühlen und es ebenso selbstverständlich ist, keinen Alkohol zu trinken.
Pronova BKK: ¼ der Beschäftigten befürchtet berufliche Nachteile, wenn sie mit den Kolleg*innen keinen Alkohol mittrinken. Wie berechtigt ist diese Sorge?
Thamm: Ob tatsächlich berufliche Nachteile entstehen, geht aus unserer Befragung nicht hervor. Bemerkenswert finde ich jedoch, dass jede*r vierte befragte Berufstätige solche Konsequenzen befürchtet. Denn Menschen richten ihr Verhalten nicht nur an tatsächlichen Folgen aus, sondern auch an ihren Erwartungen oder Befürchtungen. Gerade im Berufsleben spielen informelle Netzwerke eine wichtige Rolle. Daraus darf jedoch kein Druck entstehen, Alkohol zu trinken. Unternehmen müssen eine Kultur schaffen, in der sich niemand durch Alkoholverzicht ausgeschlossen oder als Außenseiter fühlt. Jede*r sollte frei entscheiden können, ob er oder sie ein alkoholisches Getränk möchte oder nicht.
Pronova BKK: 4 von 10 Berufstätigen zwischen 18 und 30 Jahren berichten von sexueller Belästigung auf Betriebsfeiern unter Alkoholeinfluss. Welche Verantwortung tragen Unternehmen und Führungskräfte?
Patrizia Thamm: Diese Zahl ist erschreckend. Alkohol entschuldigt weder sexuelle Belästigung noch andere Grenzüberschreitungen. Eine Betriebsfeier ist kein rechtsfreier Raum. Auch wenn die Atmosphäre lockerer ist, gelten dieselben Grenzen wie im Arbeitsalltag. Die Verantwortung für übergriffiges Verhalten liegt immer bei der Person, die diese Grenzen überschreitet. Führungskräfte übernehmen dabei eine wichtige Vorbildfunktion. Dazu gehört auch, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen und ihn nicht zum Mittelpunkt einer Veranstaltung zu machen. Beschäftigte müssen außerdem wissen, an wen sie sich bei Vorfällen wenden können, und darauf vertrauen, dass Grenzverletzungen ernst genommen werden und konsequent darauf reagiert wird.
Pronova BKK: Welche Rolle sollte Alkohol auf Firmenfeiern überhaupt spielen?
Patrizia Thamm: Im Mittelpunkt sollten das Miteinander, der Austausch und gemeinsame Erlebnisse stehen, nicht der Alkohol. Beschäftigte möchten zusammenkommen, Erfolge feiern und sich abseits des Arbeitsalltags besser kennenlernen. Dafür braucht es keine alkoholischen Getränke. Unternehmen können bewusst Schwerpunkte setzen, etwa mit Familienfesten, gemeinsamen Ausflügen oder sportlichen Aktivitäten. Entscheidend ist, Rituale zu schaffen, die nicht automatisch mit Alkohol verbunden sind. Das Ziel sollte eine Kultur sein, in der Alkohol nicht die Eintrittskarte zur Geselligkeit darstellt.