Smart Aufwachsen? Kindheit in Zeiten von Handy, Tablet & Co.

Die Smartphone-Nutzung im Kindesalter ist ein Thema, das die Gemüter von Eltern sowie von pädagogischen und medizinischen Fachkräften erhitzt. Wie unsere Studie „Smart Aufwachsen 2019?“ zeigt, beobachten etwa Kinderärztinnen und Kinderärzte häufig schon bei den Allerkleinsten deutliche Folgen der immer länger werdenden Bildschirmzeiten an Smartphone, Tablet und Co. – darunter Lernentwicklungsstörungen, Übergewicht und soziale Auffälligkeiten. Deshalb ist ein achtsamer Umgang mit den digitalen Begleitern enorm wichtig.

Unser Experte und Medienpädagoge Björn Friedrich gibt Eltern nützliche Anhaltspunkte dafür, wie der kindliche Umgang mit dem Smartphone gelingen kann:

Das erste Smartphone: Zehn Tipps für Eltern

1. Keine Panik, ein Smartphone ist kein Teufelszeug.

18:00 Uhr, Abendbrot, irgendwo in Deutschland. Das achtjährige Kind versetzt die Eltern unvermittelt in einen Schockzustand, als es fragt: „Wann bekomme ich eigentlich ein Handy?“

Machen wir uns nichts vor, diese Frage wird kommen. Vielleicht nicht im Alter von acht, vielleicht erst mit neun oder zehn Jahren, spätestens aber beim Übertritt an die weiterführende Schule. Während einige Eltern für ihre Kleinen achselzuckend die Geräte anschaffen, verfallen andere regelrecht in Panik ob der vermeintlich lauernden Gefahren und Probleme.

Was tun? Ich rate dir: Bleib gelassen, denk in Ruhe nach und besprich gemeinsam mit dem Kind, ob das wirklich eine gute Idee ist – um anschließend eine gut durchdachte Entscheidung zu fällen.

2. Das ideale Einstiegsalter gibt es nicht.

Das Beispiel mit dem achtjährigen Kind ist alltagsnah gewählt, wie auch eine Erhebung des Branchenverbands bitkom zeigt: bereits 33 Prozent der Acht- und Neunjährigen in Deutschland besitzen ein eigenes Smartphone. Uns Medienpädagoginnen und Medienpädagogen wird oftmals die Frage gestellt, wann denn das ideale Alter für das erste eigene Handy sei. Meine Antwort: Das gibt es nicht. Jedes Kind ist ein Individuum, und aus pädagogischer Sicht ist es nicht sinnvoll, alle Kinder gleichen Alters über einen Kamm zu scheren. Ratsamer ist es hingegen, auf das Kind zu schauen: Wie verantwortungsbewusst ist es? Welche Interessen hat es? Wie anfällig ist es für übermäßigen Medienkonsum? Auf dieser Basis solltet ihr als Eltern entscheiden, ob dein Kind reif für ein eigenes Smartphone ist. Aber, um nochmal in die Statistik zu blicken: Bereits 75 Prozent der Zehn- und Elfjährigen in Deutschland besitzen ein Smartphone. Dies soll kein Ratschlag sein, sondern lediglich ein Anhaltspunkt.

3. Überlege dir gut, was du dir ins Haus holst.

Die Entscheidung, ab wann ein Kind ein eigenes Smartphone erhält, ist weitreichend und will daher gut durchdacht sein. Ein onlinefähiges Handy ist schließlich mehr als ein harmloses technisches Gerät, daher ist die Anschaffung nicht mit dem früheren Fernseher im Kinderzimmer vergleichbar. Ein Smartphone ist zugleich ein Kommunikationsgerät, ein Internetzugang, eine Spielkonsole, ein multimedialer Audio- und Video-Player, eine streamingfähige Kamera und ein mobiles Zahlungsmittel. Die Vielfalt dieser Funktionen bietet unzählige Vor- und Nachteile, deshalb solltest du gut abwägen, was schwerer wiegt und was in deinen Augen ausschlaggebend ist.

4. Steck mit deinem Kind den Rahmen ab.

Früher oder später werden die meisten Kinder das eigene Smartphone erhalten. Daran führt nur selten ein Weg vorbei, und in meinen Augen ist das auch gut so. Wichtig ist, dass die Eltern mit den Kindern vorab klar regeln, in welchem Rahmen das Gerät genutzt wird. Soll das Smartphone beispielsweise nur zuhause im WLAN verwendet werden, um den Konsum von Musik und Hörspielen, Videos und Games zu ermöglichen? Oder soll eine SIM-Karte mit mobilem Internetzugang eingesetzt werden, damit dein Kind auch auf dem Schulweg erreichbar ist und sich mitteilen kann? Möchte dein Kind Messenger wie WhatsApp nutzen, um sich mit Freundinnen und Freunden auszutauschen (darauf kommen wir in Punkt 6 noch zu sprechen) oder genügt für die innerfamiliäre Kommunikation auch ein alternativer Messenger? Diese grundlegenden Fragen sollten im Voraus geklärt sein, und erst wenn ihr eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden habt, solltest du das Gerät anschaffen.

5. Leg Grenzen und Regeln fest.

Nun folgt der eigentlich komplizierte Teil der Geschichte: Wenn das Handy erst einmal da ist, eröffnet es unbegrenzte Möglichkeiten und verführt zur dauerhaften Nutzung. Daher liegt es an dir, konkrete Regeln festzulegen und deren konsequente Durchsetzung zu beachten. Dies betrifft beispielsweise den zeitlichen Umfang der Nutzung: Soll das Gerät dauerhaft in Kinderhand sein oder werden handyfreie Zeiten eingeführt? Aus meiner Sicht ist es in jedem Fall ratsam, das Gerät nachts aus dem Kinderzimmer zu holen und es z. B. zwischen 20:00 und 7:00 Uhr unter elterlicher Aufsicht zu haben. Auch die maximale Dauer der täglichen Nutzung ist einzuschränken: Die BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) empfiehlt für sechsjährige Kinder eine maximale Bildschirmmedien-Zeit von 30 Minuten pro Tag, für Zehnjährige max. 60 Minuten.

Auch der finanzielle Aspekt der Handynutzung muss geklärt sein: Darf das Kind eigenständig Apps kaufen und In-App-Käufe tätigen? Darf es das Handy gar als mobiles Zahlungsmittel nutzen, um sein Taschengeld in digitaler Form auszugeben? Wenn ja, solltest du die Kosten limitieren und im Blick behalten.

6. WhatsApp, Instagram und TikTok sind nichts für Kinder.

Ein weiterer Knackpunkt sind die derzeit populären Social-Media-Apps und Messenger wie WhatsApp, Instagram, TikTok und Co. Diese Angebote sind für Kinder und Jugendliche natürlich enorm reizvoll, und zweifellos sind sie auch unterhaltsam, informativ und für jugendkulturelle Entwicklungen bedeutsam. Doch für Kinder sind diese Apps meiner Meinung nach gänzlich ungeeignet, auch die Nutzungsbedingungen der Anbieter verdeutlichen dies: Bei Instagram und TikTok ist ein Mindestalter von 13 Jahren angegeben, bei WhatsApp liegt es sogar bei 16 Jahren. Dies erscheint angesichts der tatsächlichen Nutzung etwas unrealistisch, doch allzu früh sollten Kinder wirklich keinen Zugang zu diesen Diensten haben.

Die Installation auf Kinderhandys öffnet möglichem Missbrauch Tür und Tor: Beispielsweise könnt ihr als Eltern dann nicht mehr filtern, welche Inhalte euer Kind vorgesetzt bekommt, und wie viele nicht-jugendfreie (und schon gar nicht kindgerechte) Inhalte hier kursieren, wissen wir alle. Zudem ist die Kontaktaufnahme mit Unbekannten problemlos möglich, und die gezielte Ansprache von Kindern durch Kriminelle oder Pädophile ist eine reale Gefahr.

Eine pauschale Altersempfehlung ist auch hier schwierig, daher rate ich dir nur, diese Entscheidung gut abzuwägen und intensiv mit deinen Kindern über mögliche Gefährdungen zu reden, bevor Social-Media-Apps installiert werden. Wenn du einen Messenger nutzen möchtest, um mit deinem Kind kommunizieren zu können, wähle statt WhatsApp zunächst vielleicht lieber eine Alternative wie Threema, Signal oder Wire. Diese sind aus Sicht des Datenschutzes deutlich empfehlenswerter, zudem haben sie andere kommerzielle Hintergründe und handeln nicht mit Nutzerdaten. Dennoch solltest du auch hier im Blick haben, mit wem sich dein Kind austauscht.

7. Auch Google und YouTube sind nicht kindgerecht.

Bereits Kleinkinder wissen heute, dass im Handy Antworten auf alle denkbaren Fragen zu finden sind und dass es dort viele tolle Filmchen zu sehen gibt. Kein Wunder, dass Kinder dann sofort auch Google und YouTube nutzen möchten, sobald sie ein eigenes Handy besitzen. Doch davon kann ich ebenfalls nur abraten, denn auch hier sind zahllose Inhalte zu finden, die für Kinderaugen überaus ungeeignet sind. Dein Kind muss noch nicht einmal aktiv danach suchen, sondern wird möglicherweise aus Versehen mit schockierenden Inhalten konfrontiert, was traumatische Folgen haben kann. Wähle daher für kleinere Kinder lieber Alternativen wie die kindgerechte Suchmaschinen-App „fragFinn“ und die Video-App „KiKA-Player“. Hier sind nur ausgewählte, altersadäquate Inhalte zu finden, was in jüngeren Jahren durchaus ausreicht. Die mutmaßlich kindgerechte App „YouTube Kids“ finde ich übrigens ebenfalls nicht empfehlenswert, aus inhaltlichen und datenschutztechnischen Gründen.

8. Kinderschutzsoftware kann praktisch sein.

Um dir das Ganze zu erleichtern, kann ich jedoch den Einsatz von Kinderschutzsoftware empfehlen. Diese ermöglicht dir die Kontrolle des Kinderhandys und erlaubt den Kleinen nur eine eingeschränkte Nutzung. Du kannst damit beispielsweise die Nutzungszeit begrenzen, Sperrzeiten festlegen und die Installation von Apps kontrollieren. Je nachdem, welches Gerät und welches Betriebssystem du nutzt, gibt es hier verschiedene Angebote: Für Android-Geräte empfiehlt sich die App „Family Link“, die auf dem Handy der Eltern und der Kinder installiert werden kann. Auf iOS-Geräten ist die Funktion „Bildschirmzeit“ bereits vorinstalliert, mit der sich ebenfalls die Geräte der Kinder kontrollieren lassen. Daneben gibt es zahlreiche weitere Angebote, die du teils gratis, teils kostenpflichtig installieren kannst – wofür du dich entscheidest, überlasse ich dir. Gemeinsam ist all diesen Angeboten, dass ihre Funktionalität natürlich grenzwertig ist, weil sie mit einer strikten Überwachung der Kinder einhergeht. Für jüngere Kinder mit eigenen Smartphones finde ich das jedoch eine durchaus angebrachte Lösung.

9. Die pädagogische Begleitung ist unabdingbar.

Erziehung ist stets von Kommunikation und Austausch geprägt, idealerweise auch von Verständnis und Vertrauen. Du solltest versuchen, zu deinem Kind ein möglichst gutes Verhältnis zu haben und dieses weder durch zu strenge Verbote noch durch zu lasche Erziehung gefährden. Bei sämtlichen technischen Maßnahmen, die du ergreifen kannst, ist die Begleitung des Kindes der entscheidende Faktor. Technik ist fehleranfällig und kann daher keinen 100-prozentigen Schutz liefern, der Einsatz von Software muss daher stets mit flankierenden erzieherischen Maßnahmen einhergehen. In der Erziehung kommt es auch darauf an, Fehler zuzugeben und zuzugestehen, um in einem vertrauensvollen Miteinander gute Kompromisse und zufriedenstellende Lösungen zu finden.

10. Ein Patentrezept für Medienerziehung gibt es leider nicht.

Am Ende bleibt festzuhalten, dass es den einen „goldenen Schlüssel“ nicht gibt. Die Erziehung eines Kindes ist eine komplexe Angelegenheit und mitunter eine herausfordernde Aufgabe, und im Bereich der Medienerziehung sehen wir uns permanent neuen Herausforderungen gegenüber, die es in unserer eigenen Kindheit und Jugend schlicht noch nicht gab.

Versuche, den für dich und deine Kinder besten Weg zu finden. Überleg dir gut, welche Ziele du verfolgst und an welcher Stelle du vielleicht übers Ziel hinausschießt. Entwirf einen realisierbaren Dreiklang aus Verboten, Kontrolle und Begleitung: Jüngeren Kindern musst du vieles verbieten, ältere Kinder kannst du noch kontrollieren, im Jugendalter kannst du nur noch begleitend aktiv sein. Das Ziel der Erziehung muss es stets sein, unsere Kinder zum eigenständigen, verantwortungsbewussten Handeln zu befähigen.

Wenn du diesen Text bis zum Ende gelesen hast, zeigt das bereits, dass du interessiert und aufgeschlossen bist – das ist ein gutes Zeichen und ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg! Und nicht vergessen: Ein Smartphone ist kein Teufelszeug, Panik ist daher unbegründet.

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Björn Friedrich, Medienpädagoge

Björn Friedrich arbeitet als Medienpädagoge bei „SIN – Studio im Netz“ in München und ist als Referent für Vorträge und Fortbildungen tätig. Zusammen mit Tobias Albers-Heinemann veröffentlichte er mehrere Elternratgeber, zuletzt im August 2018 „Das Elternbuch zu WhatsApp, YouTube, Instagram & Co." (O'Reilly Verlag, Köln). Er lebt in Augsburg und hat selbst zwei Kinder, die ihm die Herausforderungen der Medienerziehung täglich vor Augen führen.

Fragen und Antworten

1. Ist mein Kind nach der Corona-Krise Social Media-süchtig?

In Zeiten der Corona-Pandemie haben viele Kinder und Jugendliche deutlich mehr Zeit mit Medien verbracht als zuvor. Das belegen Studien und die eigene Beobachtung. Müssen wir uns nun Sorgen machen, dass unsere Kinder süchtig nach Computerspielen oder Social Media geworden sind?

Der Begriff „Sucht“ ist ein großes Wort, das zu Recht stigmatisiert ist. Süchtig sind Menschen nach Alkohol, Nikotin oder Drogen, aber nur in den seltensten Fällen nach Medien. Gerade zu Zeiten eines Lockdowns, der mit sozialer Isolation einhergeht, ist es durchaus verständlich, dass Kinder und Jugendliche auf medialen Wegen den Kontakt zu ihren Freundinnen und Freunden halten – sei es mit Online-Games, die gemeinsam gespielt werden, oder über Social Media-Plattformen, die per se dem sozialen Austausch dienen. Auch viele Erwachsene haben dank der Pandemie mehr Zeit mit Medien verbracht als zuvor, sei es im beruflichen oder im privaten Kontext. Medien ermöglichen Kommunikation, und das sollte nicht verwerflich sein. Doch natürlich solltest du darauf achten, dass die Mediennutzung deiner Kinder nicht überhandnimmt und andere Aspekte des Alltags verdrängt. Wenn du tatsächlich glaubst, dass dein Kind besorgniserregend viel Zeit mit Medien verbringt, kannst du dir zum Beispiel bei einem Kinderarzt oder einer Suchtberatungsstelle Hilfe holen. Laut ICD-11, der Krankheiten-Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, ist „Gaming Disorder“ als Krankheitsbild anerkannt, eine „Social Media-Sucht“ hingegen nicht. Lass dich also nicht per se von der Panik in den Medien anstecken, sondern beobachte aufmerksam das Verhalten deiner Kinder.

2. Wie viel Bildschirmzeit ist in Zeiten von Homeschooling normal und wie behalte ich die Kontrolle?

Ich bin alleinerziehend, berufstätig und habe zwei Kinder (9 und 15 Jahre alt), die während der Corona-Pandemie größtenteils online beschult wurden. Der Spagat zwischen „Medien sind erlaubt und notwendig“ und „Medien dürfen nicht so lange genutzt werden“ ist nur schwer zu meistern, wenn die Kids stundenlang unbeaufsichtigt sind. Was tun?

In diesem Fall fällt die elterliche Kontrolle aus verständlichen Gründen schwer: Du kannst deine Kinder nicht permanent betreuen, und für den Einsatz einer Kinderschutzsoftware oder ähnlichem sind die Kinder wahrscheinlich schon zu alt. Natürlich kannst du versuchen, durch eine zeitliche Begrenzung des Internetzugangs oder ähnliche Maßnahmen die Medienzeiten zu begrenzen, doch das kann schnell zu einem Hase-Igel-Wettlauf ausarten, den deine Kinder möglicherweise für sich entscheiden. Sinnvoller wäre da der Ansatz, auf das Verständnis und die Einsicht der Kinder zu setzen. Leg mit ihnen gemeinsam Regeln fest, erkläre ihnen, warum du keinen übermäßigen Medienkonsum wünschst. Achte darauf, dass die schulischen Aufgaben erledigt werden. Wenn deine Kinder mit den Pflichtaufgaben fertig sind und Freizeit haben, kannst du in einem Ausnahmefall wie der Pandemie-Zeit durchaus auch ein Auge zudrücken und etwas mehr Mediennutzung als sonst erlauben (siehe Frage 1). Ich rate grundsätzlich, auf die gesamte Balance der Freizeitnutzung zu achten: Solange deine Kinder noch andere Hobbies pflegen, anderen Beschäftigungen nachgehen, sich mit ihren Freunden treffen, ist alles in Ordnung. Dass in Zeiten des Lockdowns die zeitliche Verteilung anders ausfällt als sonst, ist durchaus normal und verständlich.

3. Wie kann ich meinem Kind die Wichtigkeit „realer“ sozialer Kontakte wieder näherbringen?

Durch das Homeschooling und die damit verbundene Zeit vor dem Rechner war keine genaue Kontrolle der privaten Medienzeit mehr möglich, auch die Kontaktpflege mit Freunden fand online statt. Wie können wir unserem Sohn/unserer Tochter schonend, aber auch bestimmend das „Wiedererlernen“ von sozialen Kontakten im analogen Raum ermöglichen?

In meinen Augen ist es gar nicht notwendig, die analoge Kontaktpflege wieder neu zu „erlernen“, da die wenigen Wochen des Lockdowns keineswegs dazu geführt haben, dass dies „verlernt“ wurde. Die Kinder und Jugendlichen, die ich gesehen habe (im privaten wie im beruflichen Kontext) waren überaus erfreut darüber, sich endlich wieder im analogen Raum treffen zu dürfen. Bei aller Freude an digitaler Kommunikation ist das Offline-Wiedersehen und das Gespräch unter vier Augen doch ein viel höher bewertetes Gut. Vielleicht machst du dir also zu große Sorgen!? Ansonsten solltest du einfach mit einer gewissen Entschiedenheit darauf drängen, dass der analoge Alltag wiederaufgenommen wird und dass auch die Freunde, mit denen eine Zeit lang nur online kommuniziert wurde, wieder offline aufgesucht werden. Es muss uns allen bewusst sein, dass der Lockdown und die Schulschließungen eine Ausnahmesituation war, die sich möglicherweise wiederholen kann, die aber nicht zur neuen Normalität werden soll.

4. Stimmt es, dass das Internet auch für schulische Dinge benötigt wird und eine Beschränkung auch die schulischen Belange behindern würde?

Von meinem Kind wird gerne das Argument angeführt, dass das Netz ja auch für schulische Dinge benötigt wird und eine Beschränkung auch die schulischen Belange behindern würde. Ich halte das Argument (hauptsächlich) für vorgeschoben. Gibt es hier Tipps oder Handlungsempfehlungen?

Zunächst halte ich dieses Argument nicht nur für vorgeschoben, sondern zumindest teilweise tatsächlich für berechtigt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Internet für schulische Zwecke ein wichtiges Recherchewerkzeug ist. Zum anderen setzen viele Lehrkräfte heutzutage auf den Einsatz von Software, Online-Tools und digitalen Hilfsmitteln. Du musst also zunächst überprüfen, inwiefern dieses Argument Gültigkeit besitzt.

Mein Tipp wäre, dass du zusammen mit deinem Kind konkret prüfst, inwiefern das Netz benötigt wird: Welche Aufgaben werden üblicherweise gegeben, welche Websites oder Online-Tools sind dafür erforderlich und welchen zeitlichen Umfang nimmt das ungefähr ein? Wenn das deutlich ist, kannst du klare Regelungen treffen und diese notfalls auch mithilfe einer Schutzsoftware (also einer zeitlichen und inhaltlichen Beschränkung) umsetzen. Vielleicht gelingt es dir aber auch, zusammen mit deinem Kind einen Kompromiss zu finden, der für beide Seiten zufriedenstellend ist und die schulische Arbeit nicht behindert, sondern unterstützt.

5. Wie viel Online-Zeit ist angemessen für einen 16-Jährigen?

Mich würde interessieren, wie viel Online-Zeit (täglich, wöchentlich beziehungsweise am Wochenende) für einen 16-jährigen Jungen vertretbar ist und innerhalb welcher Tages-beziehungsweise Nachtzeiten diese verfügbar sein sollten.

Diese Frage kann ich einerseits nachvollziehen, andererseits kann ich sie nicht eindeutig beantworten. Ich finde pauschale Antworten in diesem Fall schwierig, auch wenn Sie von anderen Stellen teilweise gegeben werden. Die „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ empfiehlt beispielsweise täglich 5 Minuten Bildschirmzeit pro Lebensjahr, also etwa für sechsjährige Kinder maximal 30 Minuten pro Tag, allerdings gilt diese Empfehlung ausdrücklich nur für Kinder! Für deinen 16-jährigen Sohn wären das 80 Minuten täglich, was mir einigermaßen unrealistisch erscheint und was einem Jugendlichen auch nicht gerecht wird. Ich kenne deinen Sohn nicht, deshalb maße ich es mir nicht an, per Ferndiagnose eine pauschale Empfehlung abzugeben. Ich würde die Sache anders angehen: Achte, wie oben schon beschrieben, auf die sonstigen Freizeitaktivitäten deines Sohnes. Solange die schulischen Leistungen in Ordnung sind, er noch weitere Hobbies pflegt, er sich in einem sozialen Umfeld bewegt, sind Online-Medien ein ganz normaler Bestandteil des jugendlichen Alltags. Als einzige Einschränkung würde ich empfehlen, dass die Nacht frei von Online-Nutzung ist, damit dein Sohn in Ruhe schläft und dann ausgeruht in den neuen Tag starten kann.

6. Gibt es unterschiedliche Qualitäten von Bildschirmzeit?

Es gibt Aktivitäten, bei denen ich mehr Bildschirmzeit zulasse, zum Beispiel Schulsoftware oder kreatives Arbeiten am Rechner (Geschichten schreiben, Spiele programmieren).

In deiner Frage hast du im Grunde die Antwort schon mitgeliefert. Ich kann also nur noch zustimmen: Natürlich muss man die Arten der Mediennutzung und die Qualitäten von Bildschirmzeit unterscheiden. Der kreative Umgang mit Medien zählt ebenso dazu wie die Arbeit für die Schule oder der Wissenserwerb aus Eigeninteresse. Vermutlich siehst du es auch lieber, wenn deine Kinder TV-Sendungen wie „Löwenzahn“ oder „Wissen macht Ah“ ansehen statt nur Comicserien –ähnlich ist das auch im Bereich der Online-Medien und Apps zu bewerten. Es gibt tatsächlich sehr viele schöne und sinnstiftende Online-Angebote, und du kannst diese Art der Mediennutzung auch unterstützen, indem du deinen Kindern die entsprechenden Tools näherbringst. Das können neben schulischen Aktivitäten auch unterhaltsame Angebote zum Entwickeln eigener kleiner Spiele sein (beispielsweise LearningApps, GameMaker, Draw Your Game), zum Programmieren (beispielsweise Scratch, Code.org), zum Animieren (beispielsweise Toontastic, PuppetPals) oder auch einfach Apps für Stop-Motion-Filme, zur Bildbearbeitung oder zum Videoschnitt. Es gibt unzählige spannende Angebote im Netz, also such gerne gemeinsam mit deinen Kindern nach Aktivitäten, die Spaß machen und nebenbei einen pädagogischen Mehrwert liefern.

7. Wie können wir uns von anderen Familien abgrenzen, deren Kinder schon ein Handy haben?

Andere Kinder im Umfeld sind bereits Handybesitzer oder dürfen Smartphones nutzen und sind damit "Vorbilder". Wie können wir dem Druck aus der Umgebung standhalten, wenn das Kind am Handy spielen möchte oder gar ein eigenes Gerät einfordert?

Prinzipiell gilt, dass du dein Kind nach deinen Vorstellungen erziehst und nicht nach den Vorgaben von Freunden und Bekannten. Doch natürlich steigt der soziale Druck, wenn ein Großteil der befreundeten Kinder mehr darf als das eigene Kind. Hier würde ich raten, die eigenen Regeln selbstkritisch zu hinterfragen, aber sie nicht sofort über Bord zu werfen. Du kannst in der Tat nochmal in dich gehen und überlegen, ob deine Vorgaben vielleicht zu streng sind und gelockert werden sollten, doch zugleich solltest du dir und deinen Prinzipien treu bleiben. Wenn du nicht möchtest, dass dein Kind am Smartphone spielt oder gar ein eigenes Handy bekommt, dann vertrete diese Position konsequent und erkläre deinem Kind, warum du das so siehst. Du möchtest dein Kind damit ja nicht ärgern, sondern beschützen. Das musst du verständlich vermitteln, damit es nicht zu Frust und Streit kommt, sondern zu einer einvernehmlichen Lösung.

Ansonsten kann ich noch darauf hinweisen, dass es durchaus auch kindgerechte und altersadäquate Smartphone-Apps für Kinder gibt. Gute Anregungen finden Sie etwa beim „Pädagogischen Medienpreis“ oder in der „Datenbank Apps für Kinder“ des Deutschen Jugendinstituts.

8. Ist es sinnvoll, Bildschirmzeit als Belohnung zu erhöhen und als Bestrafung zu senken?

Ein Beispiel: Wenn du in der Klassenarbeit eine Zwei schreibst, darfst du eine Stunde Minecraft extra spielen, bei einer Eins zwei Stunden länger.

Nein, davon wird allgemein abgeraten. Das ist zwar ein naheliegendes Belohnungs- und Anreizsystem, doch es führt nur dazu, dass der Stellenwert von Medien übermäßig erhöht wird. Die medialen Angebote (egal ob TV, Apps oder Games) sollen einen möglichst normalen Platz im Alltag einnehmen und sich gut in das Gesamtgeschehen einfügen. Sie sollen ab und an genutzt werden dürfen, aber sie sollen keinesfalls als „Trophäe“ für eine erfolgreiche Tätigkeit eingesetzt werden. Kinder sollen in der Schule lernen, um für sich und ihr Leben etwas mitzunehmen, und nicht, um länger zocken zu dürfen. Ein derartiges Belohnungssystem würde die Prioritäten völlig umkehren und die Bedeutung der Schule auf eine Vorstufe zum längeren Spielerlebnis reduzieren – das wäre vermutlich nicht in deinem Sinn.

Auch umgekehrt sollte ein Medienverbot übrigens nicht als Bestrafung eingesetzt werden, zumindest dann nicht, wenn es keinen inhaltlichen Zusammenhang gibt. Sollte dein Kind beispielsweise zu viel Zeit mit Spielen oder Social Media verbringen und deshalb keine Zeit mehr zum Lernen und für Hausaufgaben haben, dann macht es natürlich Sinn, die Medienzeit zu reduzieren. Aber wenn beispielsweise ein Kind frech ist, ist ein Medienverbot die falsche Strafe, da dann kein Zusammenhang besteht und somit wieder die Bedeutung von Medien überhöht würde.

9. Warum durften die Kinder von Steve Jobs das iPhone nie oder nur äußerst eingeschränkt nutzen?

Warum gehen die Kids sämtlicher Silicon Valley-Protagonisten auf Waldorf- oder Montessori-Schulen? Wie kann man Kindern schon früh die Folgen vom Dopamine-Rush bewusstmachen, wie er in Smartphones quasi einprogrammiert ist, um Nutzer abhängig zu machen?

Das ist eine sehr vielschichtige Frage. Beginnen wir mit dem letzten Teil: Zweifelsohne arbeiten Smartphone-Apps, Social Media-Dienste und Online-Spiele mit psychologischen Mitteln, um die User*innen an sich zu binden. Dies ist ein altbekanntes Prinzip von Medien, das wir auch von Serien-Cliffhangern oder den Glücksversprechen der Werbung kennen und welches in den interaktiven digitalen Angeboten weiter perfektioniert wurde. Hier müssen das Bewusstsein und die Selbsterkenntnis von uns allen entsprechend geschult werden, um mit diesen Anreizsystemen umgehen zu können, und an diesem Punkt müssen wir auch in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ansetzen. Es ist wichtig, Ihnen einen möglichst selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien beizubringen und ihnen zu verdeutlichen, dass Medien ein netter Zeitvertreib sind, der aber nach einer gewissen Zeit wieder zu beenden ist. Die Aufgabe der Medienerziehung mag zwar schwierig sein, das ist aber leider eine allgemeine Eigenschaft erzieherischer Aufgaben.

Zur Erziehung von Steve Jobs oder von anderen Silicon Valley-Protagonisten kann ich leider keine Auskunft geben, da ich diese Personen nicht persönlich kenne. Ich kann nur auf meine vorherigen Antworten verweisen: Bleib dir und deinen eigenen Prinzipien treu und erziehe deine Kinder so, wie du es für richtig hältst. Es gibt keine allgemeingültigen Patentrezepte für Erziehung, sondern alle Eltern müssen (mit Blick auf Ihre Kinder) jeweils individuelle, passgenaue Maßnahmen finden, um die Kinder zu eigenverantwortlichen Erwachsenen zu erziehen.

10. Bedeutet „Medienkompetenz“ nicht auch, dass Jugendliche selbst entscheiden können, was sie nutzen möchten und wie lange?

In deiner Frage hast du im Grunde die Antwort schon mitgeliefert. Ich kann also nur noch zustimmen: Natürlich muss man die Arten der Mediennutzung und die Qualitäten von Bildschirmzeit unterscheiden. Der kreative Umgang mit Medien zählt ebenso dazu wie die Arbeit für die Schule oder der Wissenserwerb aus Eigeninteresse. Vermutlich siehst du es auch lieber, wenn deine Kinder TV-Sendungen wie „Löwenzahn“ oder „Wissen macht Ah“ ansehen statt nur Comicserien: Ähnlich ist das auch im Bereich der Online-Medien und Apps zu bewerten. Es gibt tatsächlich sehr viele schöne und sinnstiftende Online-Angebote, und du kannst diese Art der Mediennutzung auch unterstützen, indem du deinen Kindern die entsprechenden Tools näherbringst. Das können neben schulischen Aktivitäten auch unterhaltsame Angebote zum Entwickeln eigener kleiner Spiele sein (beispielsweise LearningApps, GameMaker, Draw Your Game), zum Programmieren (beispielsweise Scratch, Code.org), zum Animieren (beispielsweise Toontastic, PuppetPals) oder auch einfach Apps für Stop-Motion-Filme, zur Bildbearbeitung oder zum Videoschnitt. Es gibt unzählige spannende Angebote im Netz, also suche gerne gemeinsam mit deinen Kindern nach Aktivitäten, die Spaß machen und nebenbei einen pädagogischen Mehrwert liefern.

Studienergebnisse "Smart aufwachsen"

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Nina Remor
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