Pronova BKK: Du bist Trainerin für Resilienz und Achtsamkeit. Kann KI diese Fähigkeiten stärken?
Thamm: Auf den 1. Blick klingt es natürlich attraktiv, jederzeit einen geduldigen, strukturierten und scheinbar kompetenten Ansprechpartner zu haben. KI kann dabei helfen, Gedanken zu sortieren, Orientierung zu geben, Perspektiven zu erweitern und Unsicherheit im ersten Moment zu reduzieren. Das kann emotional entlasten und Kernbestandteile von Resilienz wie Selbstwirksamkeit und kognitive Klarheit unterstützen. Entscheidend ist aber, wie wir sie nutzen. Sie kann unterstützen, aber wir sollten ihre Grenzen kennen. Gerade wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen und Erfahrungen geht.
Pronova BKK: Was sind die Risiken?
Thamm: Um Resilienz zu entwickeln, brauchen wir menschliche Beziehungen und reale Erfahrungen. In der Auseinandersetzung mit anderen Menschen erleben wir Reibungen, abweichende Perspektiven, Kritik und Unsicherheit. Genau daran wachsen wir. Resilienz entsteht nicht durch perfekte Antworten, sondern durch herausfordernde Gespräche, durch den Umgang mit Rückschlägen und durch das Aushalten von Unsicherheit. Das alles sind Lerngelegenheiten. Wenn Menschen diese Erfahrungen zu stark an KI auslagern, trainieren sie wichtige Fähigkeiten wie Frustrationstoleranz, Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit zur Selbstreflexion weniger. Hinzu kommt: KI ist darauf ausgelegt, eher bestätigend als konfrontativ zu antworten. Doch Widerspruch brauchen wir, weil er uns vor einem verzerrten Selbstbild schützt. KI kann diese komplexe menschliche Realität nur begrenzt abbilden.
Pronova BKK: KI genießt bei vielen Menschen, besonders bei den jüngeren Befragten unter 30 Jahren, ein erstaunlich hohes Vertrauen. Sie hinterfragen die Antworten selten. Woran liegt das?
Thamm: Ein wichtiger Grund ist sicher, dass jüngere Generationen mit digitalen Systemen aufgewachsen sind. Für sie ist Technologie nichts Fremdes, sie ist selbstverständlicher Teil des Alltags. Hinzu kommt, dass viele junge Menschen gerade in einer Lebensphase sind, in der sie nach Orientierung suchen und viele Entscheidungen zum 1. Mal treffen. KI passt sehr gut zu diesem Bedürfnis nach schneller Unterstützung und Einordnung.
Pronova BKK: Ist ein so großes Vertrauen in KI unbedenklich?
Thamm: Jüngere Menschen haben gelernt, dass Technologie im Alltag gut funktioniert und neigen daher eher dazu, auch KI schnell zu vertrauen. Das ist nachvollziehbar, sollte aber nicht dazu führen, dass Antworten ungeprüft übernommen werden oder dass daraus eine gewisse Technologiegläubigkeit entsteht. Im Gegenteil. Gerade bei sensiblen Fragen zu Gesundheit und Wohlbefinden ist es wichtig, die Antworten zu überprüfen.
Pronova BKK: Wie geht das am besten? Welchen Rat kannst du Nutzer*innen geben?
Thamm: Die Antworten einer KI sollten immer mit seriösen Quellen abgeglichen und vor allem bei sensiblen Gesundheitsthemen ärztlich eingeordnet werden. Sie dürfen nicht mit einer medizinischen Diagnose oder einer fachlichen Einschätzung verwechselt werden.
Pronova BKK: Rund 40 % der unter 40-Jährigen sprechen lieber mit der KI als mit den eigenen Verwandten. Welche Folgen hat das für das soziale Verhalten?
Thamm: Das kann unser soziales Verhalten verändern. KI mag für manche ein unkompliziert zugänglicher Gesprächspartner sein. Wenn wir aber seltener mit Menschen sprechen, werden wichtige soziale Fähigkeiten wie Empathie, Geduld und das flexible Reagieren auf unvorhersehbare emotionale Reaktionen oder Spannungen weniger trainiert. Langfristig kann das dazu führen, dass unser soziales Verhalten verarmt.
Pronova BKK: Wie sieht ein gesunder Umgang mit KI im Alltag aus?
Thamm: Entscheidend ist, dass wir KI bewusst und reflektiert nutzen. KI kann sehr sinnvoll sein, um Inspiration zu gewinnen, Orientierung zu schaffen oder sich im Alltag zu entlasten. Problematisch wird es dann, wenn sie zur wichtigsten Quelle für emotionale Nähe oder soziale Bestätigung wird. Beziehungen zu anderen Menschen machen uns aus und bleiben unverzichtbar. Deshalb ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen und die Balance zu halten zwischen digitaler Unterstützung, realen Kontakten und der eigenen Intuition. Ich spreche da gern von einer hybriden Entscheidungskompetenz. Das heißt: Wir nutzen KI als Werkzeug, verlassen uns aber weiterhin vor allem auch auf unser eigenes inneres Navigationssystem. Genau dieser Mix ist aus meiner Sicht der gesunde Weg.