Gendermedizin: Unterschiede für Gleichberechtigung

Nur ein kleiner, feiner Unterschied? Alles schreit nach Gleichberechtigung, nach Gleichbehandlung. Doch in der Medizin ist das gar nicht so sinnvoll. Denn: Der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau hat große Auswirkungen auf Krankheitsverläufe, Symptome, Arzneimittelwirkung. Und genau aus diesen Gründen ist die geschlechtssensible Medizin – die Gendermedizin – so wichtig.

(K-) ein Notfall?

Oberbauchschmerzen, Schwindel, Übelkeit. Nicht die typischen Anzeichen eines Herzinfarkts, so denkt man zumindest. Doch die Wahrheit ist: Bei Frauen kündigt sich eine solche Attacke auch mit ebendiesen Anzeichen an. Während Männer wiederum über akuten Schmerz im Brustkorb mit Ausstrahlung in den linken Arm sowie starkes Angstempfinden klagen. Die Folge: Der weibliche Infarkt wird häufig ganz übersehen – zumindest aber kommen Frauen im Schnitt erst zwei Stunden später in die Notaufnahme als Männer.

Das Maß aller medizinischen Dinge? Lange Zeit war das der Mann

Doch warum können wir die typischen, „männlichen“ Anzeichen eines Herzinfarkts wie aus dem Effeff benennen, die weiblichen jedoch eher nicht? Die Antwort ist: Bis in die 1980er Jahre diente ausschließlich der männliche Körper als medizinisches Modell. Es herrschte die Annahme, die biologischen Prozesse im Körper von Mann und Frau gleichen sich. Bis in die 1990er Jahre wurden Medikamente zudem fast ausschließlich an Männern getestet. Zwar nehmen seither auch Frauen an Medikamentenstudien teil, doch liegt ihr Anteil oft bei nur etwa 30 Prozent.

Die Gründe hierfür sind sogar nachvollziehbar. Männliche Spermien erneuern sich laufend, während die weiblichen Eizellen bereits bei der Geburt komplett vorhanden sind. Hat ein Medikament negative Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit, so wäre dies bei Frauen weitaus dramatischer. Zudem fallen bei Männern die Hormon-Schwankungen weg. Diese beeinflussen im Zweifel jedoch das Testergebnis.

Übrigens: Dass der Fokus auf Männern liegt, fängt schon beim Tierversuch an. Bevor ein Medikament zugelassen wird, vergehen im Schnitt zehn Jahre. Wirksamkeit und Sicherheit werden zunächst an Tieren getestet, etwa an Mäusen. Da der Hormonzyklus weiblicher Mäuse Testergebnisse beeinflussen kann, werden überwiegend männliche Mäuse ausgewählt. Das setzt sich dann in den klinischen Studien am Menschen fort.

Ein Kosmos an Unterschieden

Ob das sinnvoll ist? Wohl kaum. Denn Frauen und Männer unterscheidet eben nicht nur der kleine Unterschied. Sie sind – oh Wunder – gleich in vielfacher Hinsicht verschieden:

  • unterschiedlicher Körperbau
  • unterschiedliche durchschnittliche Körpergröße
  • verschiedene Sexualhormone
  • unterschiedlicher Zellaufbau (beruhend auf den Geschlechtschromosomen XY bei Männern und XX bei Frauen) sowie
  • sich unterscheidende soziokulturelle Prägung

Es gibt erwiesenermaßen Wechselwirkungen zwischen dem biologischen und dem soziokulturellen Geschlecht. Und auch diese haben Einfluss auf die Gesundheit!

Es beginnt bei der kleinsten Zelle

Schon der Aufbau der Zellen beeinflusst die Anteile an Fett- und Muskelmasse sowie die Funktionen von Herz, Kreislauf und Immunsystem. Diese Unterschiede wirken sich bis zur Verdauung aus – und damit darauf, wie Medikamente vom Körper aufgenommen und abgebaut werden. Mit diesem Wissen erscheint es geradezu fahrlässig, Männer und Frauen aus medizinischer Sicht gleich zu behandeln!

Wichtig, wichtiger, geschlechtersensible Medizin

War die Entwicklung also lange Zeit genderunabhängig, so findet gerade ein Wandel statt. Dieser Wandel ist essenziell, denn bislang weiß man relativ wenig über geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit von Medikamenten. Mittlerweile wird aber immerhin eine stärkere Beteiligung des weiblichen Geschlechts an Studien angestrebt. Weiteres Ziel: eine geschlechtsspezifische Anpassung von Dosierungen sowie Ergänzungen der Beipackzettel um Hinweise zu möglichen genderspezifischen Nebenwirkungen. Denn Männer benötigen häufig eine höhere Dosierung als Frauen und auch die Nebenwirkungen unterscheiden sich mitunter stark von jenen, die bei Frauen auftreten.

Die Männergrippe gibt es wirklich!

Hormone: Wenn ER sich beim nächsten Infekt besonders quält, sollte SIE Verständnis haben. Männer haben ein schwächeres Immunsystem als Frauen. Ihr Sexualhormon Testosteron bremst das Wachstum von Immunzellen. Deshalb erkranken sie häufiger und schwerer an Infekten und Infektionen als Frauen und sprechen auch auf Impfungen häufig nicht so gut an. Studien belegen auch die erhöhte Anfälligkeit von Männern für Infektionen mit Bakterien, Parasiten und Viren.

Frauen glänzen dagegen mit einem stärkeren Immunsystem. Es beruht auf dem weiblichen Sexualhormon Östrogen. Östrogen wiederum fördert die Vermehrung von Immunzellen.

Gleichwohl relativiert sich das nach den Wechseljahren. Dann steigt – weil der weibliche Körper weniger Östrogen produziert – das generelle Krankheitsrisiko von Frauen. Das heißt aber nicht, dass sie aus medizinischer Sicht dann wieder wie Männer behandelt werden sollten! Denn die vielen anderen biologischen Unterschiede, die zwischen Männern und Frauen existieren, bleiben ja nach wie vor bestehen.

Blut: Männer verfügen über ein größeres Blutvolumen. Die Folge: bessere Durchblutung der Organe. Aus diesen Gründen wirken Medikamente im männlichen Körper häufig besser und schneller.

Auch die Blutwerte beider Geschlechter haben verschiedene Normbereiche.

Rezeptoren: Die Andockstellen, an denen Wirkstoffe im Körper aufgenommen werden, sind je nach Geschlecht unterschiedlich. In der Folge können sich Arzneimittelwirkungen bei Männern und Frauen unterscheiden.

Vitamin- und Mineralstoffbedarf: Es sind große Schwankungen im Bedarf zwischen Frau und Mann möglich, sodass sich dies auf die Dosierung auswirkt.

Alkoholabbau: Der männliche Körper kann Alkohol schneller abbauen als der weibliche! Das spielt auch bei der Medikamenteneinnahme eine Rolle, da Alkohol zur Konservierung häufig Bestandteil ist.

Es liegt auf der Hand: Aus all diesen biologischen Unterschieden ergeben sich – natürlich! – Folgen für Erkrankungsrisiken. Und dementsprechend individuell sind auch die Symptomatiken, das Krankheitserleben und in der Folge die Medikation.

Unterschiedliche Körperfunktionen bei Frau und Mann = unterschiedliche Aufnahme und Verstoffwechselung von Medizin!

Die Einnahme von Medikamenten hat bei Männern und Frauen unterschiedliche Folgen. Ein hoher Östrogenspiegel kann die Wirkung steigern, aber auch den Abbau im Körper beschleunigen Durch die im Vergleich zum Mann längere Magen-Darm-Passage nehmen Frauen größere Substanzmengen auf als Männer. Auch der Abbau in der Leber dauert bei ihnen oftmals länger. Nicht zuletzt beeinflusst der weibliche Zyklus Aufnahme und Bindung im Blut des Medikaments.

Das männliche Hormon Testosteron wiederum wirkt entzündungshemmend und kann in der Folge Einfluss auf die therapeutische Wirkung von Arzneistoffen haben.

Männer haben generell einen geringeren Körperfettanteil als Frauen; auch, wenn diese durchtrainiert sind. Das sorgt dafür, dass fettlösliche Arzneimittel im weiblichen Körper eher gespeichert werden als im männlichen.

Frauen verfügen über weniger und kleinere Nierenkörperchen. Deswegen werden Arznei-Abbauprodukte weniger gut ausgeschieden. Was hilft? Viel trinken! Im Alter wird das übrigens noch wichtiger. Da Männer hingegen etwa zehn Prozent mehr Nierenkörperchen aufweisen, wird ihr Blut besser gefiltert als das von Frauen, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Unerwünschte Arzneimittelreaktionen treten bei Männern nur halb so oft auf wie bei Frauen.

So kann sich das Geschlecht auf die Arzneimitteleinnahme auswirken:

  • Herz-Kreislauf-Medikamente: ACE-Hemmer führen bei Frauen deutlich häufiger zu Reizhusten als Nebenwirkung. Diuretika wiederum können Muskelschwäche und Herzrhythmusstörungen hervorrufen. Betablocker können in der Regel niedriger dosiert werden als beim Mann.
  • Aspirin: Als Vorbeugung gegen Herzinfarkt oder Schlaganfall profitieren Männer stärker als Frauen.
  • Schmerzmittel: Männer benötigen eine höhere Dosis als Frauen.
  • Antivirale Therapien und Impfungen: Frauen entwickeln oft stärkere Abwehrreaktionen, aber auch stärkere Nebenwirkungen als Männer.
  • Krebstherapie: Frauen und Männer vertragen und verarbeiten Medikamente oft sehr unterschiedlich.

Wie man sieht, sollte das Augenmerk bei jeder Therapie auch auf dem Geschlecht liegen. Ebenso wichtig ist es aber auch, auf Krankheiten, Symptome und Ausprägungen zu schauen. Denn auch sie sind oft sehr unterschiedlich bei Männern und Frauen.

Gleiche Krankheit, andere Auswirkungen

Gleiche Krankheit, andere Auswirkungen
  Frau Mann
Harnwegsinfekt Kürzere Harnwege, häufiger betroffen Tritt im Alter häufiger auf aufgrund von Prostatavergrößerung
Osteoporose 5,2 Mio. Betroffene Ca. 1 Mio. Betroffene, häufig wird die Krankheit, z.B. beim Knochenbruch, nicht in Erwägung gezogen und bleibt daher oft unentdeckt
„Männerschnupfen“ Schwächere Symptome, da hormonbedingt stärkeres Immunsystem Stärkere Symptome, daher evt. andere Therapie nötig
Brustkrebs Erfahrung in Diagnostik und Therapie hoch, da in knapp 99 Prozent der Fälle betroffen Nur in ca. einem Prozent der Fälle betroffen, daher wird häufig wie bei Frauen therapiert

Rat

Wenn du – biologisch betrachtet - ein Mann bist:

Hast du in Sachen Medikation erst mal Glück gehabt. Denn du bist (noch) das Maß aller Dinge. Doch Obacht! Es gibt auch Krankheiten, bei denen du als Mann wachsam bleiben solltest, da sie erst einmal nicht als solche zugeordnet werden. Beispiel Osteoporose. Frag im Zweifel lieber einmal mehr nach beim Arzt, wenn du an dir Symptome beobachtest, die sich nicht genau einordnen lassen. Denn zwischen einem Bruch und einer Knochenerkrankung besteht ein gewaltiger Unterschied!

Bist du – biologisch gesehen – eine Frau?

Dann mach dich schlau! Frag beim nächsten Arztbesuch nach, welche geschlechtsspezifische Therapie infrage kommt!

Informiere deinen Arzt über die Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Pille). Sie können die Wirkung von Medikamenten beeinflussen.

Beobachte, wie du auf Medikamente reagierst und sprich dies im Zweifel beim Arzt an!

Nimm deine Beschwerden ernst und benenne deine Bedürfnisse klar! Keine falsche Rücksicht, denn damit ist niemandem geholfen. Am wenigsten dir selbst. Schließlich will niemand, dass ein weiblicher Herzinfarkt am Ende zu spät erkannt wird!

Foto: Universität Bielefeld

Gendersensible Medizin: Die Politik muss klare Regularien vorgeben

Interview mit Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione

Eine aktuelle repräsentative Studie der pronova BKK beschäftigt sich mit dem Thema geschlechtersensible Medizin. Die Ergebnisse zeigen, dass das grundlegende Wissen über Unterschiede bei Krankheitssymptomen oder die Wirkung von Medikamenten bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Konkrete Informationen fehlen jedoch. Wir haben Professorin Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione, Inhaberin des Lehrstuhls für gendersensible Medizin an der Universität Bielefeld und der Radboud-Universität Nijmegen um eine Einordnung gebeten.

pronova BKK: Laut unserer Studie gehen 83 Prozent der Deutschen davon aus, dass Männer und Frauen unterschiedliche Krankheitssymptome haben können. Vor allem Frauen rechnen damit. Doch worin diese Differenzen genau liegen, ist weniger bekannt. Können Sie uns aufklären?

Oertelt-Prigione: Nicht alle Frauen haben andere Symptome, aber es kann vorkommen. Das klassische Beispiel ist der Herzinfarkt, der quasi den Startschuss für die Entwicklung der geschlechtersensiblen Medizin darstellt. Die Hauptsymptomatik für beide Geschlechter sind Brustschmerzen. Vor allem bei jüngeren Frauen traten diese jedoch weniger auf, sie haben statt dessen atypische Symptome wie Übelkeit und Schwindel. Die betroffenen Frauen und auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte können häufig die Gefahr nicht richtig einschätzen, in der Vergangenheit hat dies zu Fehldiagnosen und zu mehr Todesfällen geführt. Ein weiteres Beispiel ist Asthma: Typisch ist das sogenannte Giemen, ein Pfeiffen beim Ausatmen. Doch das wird vor allem bei Jungen festgestellt, Mädchen klagen eher über trockenen Husten in der Nacht.

pronova BKK: Gibt es denn auch Krankheiten, bei denen die Symptome von Männern von der medizinischen Norm abweichen?

Oertelt-Prigione: Die gibt es genauso. Autoimmunerkrankungen treten eher bei Frauen auf, darum werden sie bei Männern schwerer diagnostiziert. Auch Osteoporose gilt als Frauenleiden. Obwohl 30 bis 40 Prozent der Männer über 70 Jahren daran leiden, werden sie nicht systematisch daraufhin untersucht. Häufig stellen Ärzte die Diagnose erst, wenn keine präventive Therapie mehr möglich ist und schon Knochen gebrochen sind.

pronova BKK: Nicht nur bei den Symptomen, auch bei Medikamenten rechnen laut Studie 78 Prozent der Befragten damit, dass die Geschlechter unterschiedlich darauf ansprechen...

Oertelt-Prigione: Frauen leiden generell mehr unter Nebenwirkungen von Pharmaprodukten. Das wurde gesellschaftlich aber lange nicht beachtet. In Studien wurden Medikamente verstärkt an Männern getestet, Geschlechtsunterschiede wurden nicht berücksichtigt. Auch zu Corona haben wir klinische Studien analysiert und festgestellt, dass das Geschlecht hier wenig beachtet wurde, obwohl gesellschaftlich bekannt war, dass Männer und Frauen unterschiedlich betroffen sind. Die geschlechterspezifische Analyse erfolgt auch heute noch zu selten, aber es zeichnet sich ein Wandel bei der Auswahl der Probandinnen und Probanden ab.

pronova BKK: 67 Prozent der Befragten klagen, dass sie von Ärzten keine Informationen zu unterschiedlichen Wirkungen von Medikamenten erhalten – vor allem Frauen vermissen dies. Und 35 Prozent wurden von Ärzten nach der Schilderung ihrer Symptome nicht ernst genommen.

Oertelt-Prigione: Der Wandel zur personengerichteten Medizin mit dem Ziel, einen kooperativen Prozess zwischen Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten zu schaffen, beginnt erst. Dafür müssen die Medizinerinnen und Mediziner ihre Deutungshoheit aufgeben, die Patienten als Experten für die eigene Gesundheit wahrnehmen und schauen, wie die Therapie individuell am besten passt. Andere Länder wie die Niederlande, Kanada oder Großbritannien sind da weiter. Aber auch die jüngere Generation treibt diesen Wandel voran.

pronova BKK: Welche weiteren Hebel gibt es, um den Wandel zur geschlechtersensiblen Medizin voranzubringen? 86 Prozent der Befragten sehen den Gesetzgeber in der Pflicht, klare Vorgaben zu machen. Welche können das sein?

Oertelt-Prigione: Eine Veränderung wird tatsächlich nur passieren, wenn es klare Regularien gibt. Ministerien, EU-Kommission und Ärzteschaft müssen tätig werden, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist da. Beispielsweise muss die Politik dafür sorgen, dass nur noch Studien finanziert werden, die Geschlecht berücksichtigen. Dort wo die Datenlage bereits gut ist, wie in der Kardiologie, können die Ergebnisse zu geschlechtsspezifischen Unterschieden aufgelistet werden. Fehlendes Datenmaterial sollte gezielt durch neue Studien beschafft werden. So können Leitlinienveränderungen angeschoben und Therapien geschlechterspezifisch angepasst werden.

pronova BKK: Was wird in diesem Gebiet in nächster Zeit passieren?

Oertelt-Prigione: Mehr Männer kommen in den Bereich der Gendermedizin und mehr Frauen beteiligen sich in der Grundlagenforschung. Die Forschung hat herausgefunden: Je mehr Frauen im Forschungsteam sind, desto eher findet eine geschlechtersensible Analyse statt. Dabei geht es um Paradigmen und um die eigene Sichtweise, die immer mit einfließt. Der Generationenwechsel wird hier noch mehr bewirken. Denn es geht ja nicht nur um „Frauenmedizin“ und eine binäre Betrachtung, sondern künftig verstärkt um alle Geschlechter.

Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione besetzt seit dem Wintersemester 2021 die deutschlandweit erste Professur für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld. Die Wissenschaftlerin forscht und lehrt in Bielefeld und an der Radboud-Universität Nijmegen in den Niederlanden zu diesem Thema. Sie gehörte in den vergangenen Jahren auch der von der Europäischen Union geförderten Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ an und vertrat dort den Gesundheitsbereich.

Pressemitteilungen

STUDIE: DEUTSCHE WÜNSCHEN SICH BEACHTUNG VON GENDERUNTERSCHIEDEN IN DER MEDIZIN

67 Prozent der Befragten erhalten von Ärzten keine Informationen über die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten auf Frauen und Männer

Leverkusen, 1. März 2022 – Geschlechterunterschiede in der Medizin – dieses Thema ist in der Mitte der Bevölkerung angekommen. Laut einer neuen repräsentativen Studie der pronova BKK wissen neun von zehn Deutschen, dass Männer für bestimmte Erkrankungen ein anderes Risiko haben als Frauen. Mehr als acht von zehn Menschen sind zudem überzeugt, dass auch Krankheitssymptome geschlechterspezifisch sind. Gleichzeitig erhalten 67 Prozent der 1.000 Befragten von Ärzten keine Informationen über unterschiedliche Wirkungen von Medikamenten auf Frauen und Männer. Aus Sicht der Befragten wird dies weder in der Forschung noch im Arztgespräch ausreichend berücksichtigt.

Abhilfe könnten mehr Informationen über geschlechterspezifische Unterschiede und ein entsprechendes Handeln der Politik schaffen. Mit 88 Prozent glauben besonders viele Frauen, dass bei ihrem Geschlecht andere Symptome auftreten. 79 Prozent der Männer sind gleicher Ansicht.

„Die medizinische Forschung orientiert sich am männlichen Normkörper“, bestätigt Prof. Dr. Oertelt-Prigione, Inhaberin von Deutschlands erster Professur für geschlechtersensible Medizin: „Frauen zeigen bei den gleichen Erkrankungen aber häufig andere Symptome. So sind bei Männern die klassischen Symptome für einen drohenden Herzinfarkt starke Brustschmerzen, junge Frauen können in dieser Situation unter Übelkeit und Schwindel leiden. Asthma zeigt sich bei Jungen durch Geräusche beim Atmen, bei Mädchen oft durch trockenen Husten.“

Bei der Diagnose von Erkrankungen, aber auch bei der Behandlung ist es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen.

Unterschiede müssen stärker berücksichtigt werden

„Frauen leiden generell öfter unter Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Gleichzeitig können Medikamente bei Frauen aufgrund von Körpergröße, Gewicht und Hormonen anders wirken als bei Männern“, so Prof. Oertelt-Prigione. „Wir haben bei klinischen Studien zu Corona festgestellt, dass das Geschlecht kaum beachtet wurde, obwohl längst bekannt war, dass Männer und Frauen unterschiedlich betroffen sind – es hatte sich einfach so etabliert und war gesellschaftlich akzeptiert. Inzwischen sehen wir bereits einen Wandel bei der Auswahl der Probanden für Studien. Die geschlechterspezifische Analyse erfolgt aber weiterhin zu selten.“

Ärzte, Pharmafirmen und der Gesetzgeber in der Pflicht

Wie die Studie zeigt, wissen viele Menschen, dass es auch bei Krankheiten und Symptomen geschlechtsspezifische Unterschiede geben kann. Doch bei der Vermittlung konkreter Fakten hapert es: 82 Prozent der Befragten erwarten generell mehr Informationen, wie sich Symptome bei Erkrankungen wie zum Beispiel beim Herzinfarkt je nach Geschlecht unterscheiden. Auch die Pharmaindustrie sollte nach Ansicht von 87 Prozent der Deutschen ihre Packungsbeilagen anpassen und dort klar auf die Unterschiede bei der Verwendung durch Männer und Frauen hinweisen. 86 Prozent der Befragten sehen den Gesetzgeber in der Pflicht, klare Vorgaben zu einer geschlechterangepassten Gesundheitsversorgung zu machen. „Hier wird sich erst etwas verändern, wenn es klare Regularien gibt. Beispielsweise muss die Politik dafür sorgen, dass nur noch Studien finanziert werden, die das Geschlecht berücksichtigen“, erklärt Oertelt-Prigione. „Dort wo die Datenlage bereits gut ist, wie in der Kardiologie, können Leitlinienveränderungen angeschoben und Therapien geschlechterspezifisch angepasst werden.“

Im Gespräch mit Ärzten wird besonders von Frauen mangelnde Transparenz beklagt: Nur 26 Prozent sagen, ihr Arzt habe sie über die unterschiedlichen Wirkungen von Medikamenten aufgeklärt – im Unterschied zu 40 Prozent der Männer. Insgesamt haben zwei Drittel der befragten Frauen und Männer keine entsprechende Auskunft bei der ärztlichen Behandlung erhalten. 83 Prozent wünschen sich deutliche Hinweise von Medizinern, wenn noch unklar ist, ob Medikamente auf Männer und Frauen unterschiedlich wirken. Nur 33 Prozent sagen, ihr Arzt habe mit ihnen darüber gesprochen. „Der Wandel zur personengerichteten Medizin mit dem Ziel, einen kooperativen Prozess zwischen Patientinnen, Patienten, Ärztinnen und Ärzten zu schaffen, beginnt erst. Dafür müssen die Medizinerinnen und Mediziner ihre Deutungshoheit aufgeben und die Expertise ihrer Patientinnen und Patienten für die eigene Gesundheit wahrnehmen“, sagt Oertelt-Prigione. „Andere Länder wie die Niederlande, Kanada oder Großbritannien sind da weiter. Die jüngere Generation treibt diesen Wandel auch bei uns in Deutschland voran.“

Zur Studie

Die Studie „Geschlechtersensible Medizin“ wurde im Februar 2022 im Auftrag der pronova BKK durchgeführt. Bundesweit wurden 1.000 Erwachsene ab 18 Jahre repräsentativ online befragt.

Über die pronova BKK

Die pronova BKK ist aus Zusammenschlüssen der Betriebskrankenkassen namhafter Weltkonzerne wie BASF, Bayer, Continental und Ford entstanden. Bundesweit für alle Interessenten geöffnet, vertrauen der Krankenkasse bereits rund 650.000 Versicherte ihre Gesundheit an. Ob über das rund um die Uhr erreichbare Servicetelefon, per Videoberatung, über die App, via E-Mail, im Chat oder in den 60 Servicecentern vor Ort – die pronova BKK kümmert sich jederzeit um die Anliegen ihrer Kundinnen und Kunden. Weitere Informationen auf pronovabkk.de.

Pressekontakt pronova BKK

Nina Remor
pronova BKK
Horst-Henning-Platz 1
51373 Leverkusen
Tel.: 0214 32296-2305
E-Mail: presse@pronovabkk.de

Weitere Studien

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  • Eine repräsentative Studie der pronova BKK beleuchtet, wie die „Generation Z“ auf das Thema Gesundheit und Vorsorge blickt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren ganz bewusst und sehr reflektiert mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen. Nach anderthalb Jahren Pandemie fühlen sie sich jedoch ausgelaugt und sind psychisch erschöpft. Sie bezeichnen sich selbst als Leidtragende der Pandemie. Wir haben die auf den Gesundheitsmarkt spezialisierte Zukunfts- und Trendforscherin Corinna Mühlhausen um eine Einordnung der Ergebnisse gebeten.

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  • Eine aktuelle Studie der pronova BKK beleuchtet die Einstellungen und Stimmungen von Familien in der Corona-Krise. Wir haben hierfür 1.000 Menschen mit mindestens einem minderjährigen Kind im Haushalt befragt. Die auf den Gesundheitsmarkt spezialisierte Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen ordnet die Ergebnisse ein.

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  • Eine aktuelle repräsentative Studie der pronova BKK beleuchtet das Seelenleben der „Generation Corona“, also der 16- bis 29-Jährigen. Die Ergebnisse zeichnen ein bedrückendes Bild: Jugendliche und junge Erwachsene leiden erheblich unter den pandemiebedingten Einschränkungen. Die Generation Corona ist traurig, einsam, voller Sorgen - und immer am Handy. Ihre sozialen Kontakte sind massiv eingeschränkt. Eine Situation, die das Wort Krise wirklich verdient. Wir haben die auf den Gesundheitsmarkt spezialisierte Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen um eine Einordnung der Ergebnisse gebeten.

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