Pronova BKK: 3 von 10 Beschäftigten geben an, schon einmal unter Quiet Cracking gelitten zu haben. Sie stehen unter Druck, wirken aber nach außen engagiert. Warum ist dieses Phänomen so gefährlich?
Thamm: Weil Quiet Cracking still, schleichend und oft unsichtbar verläuft. Die Betroffenen funktionieren nach außen weiter, innerlich sind sie aber bereits erschöpft oder ausgebrannt. Die Überlastung bleibt für Führungskräfte und Kolleg*innen lange unerkannt und Prävention greift zu spät. Hinzu kommt: Viele ziehen sich emotional zurück und sprechen nicht über ihre Belastung.
Pronova BKK: Warum halten viele ihre Erschöpfung geheim? Was hindert sie daran, sich Hilfe zu holen?
Thamm: Vor allem die Angst vor negativen Konsequenzen. Viele befürchten, als schwach zu gelten oder berufliche Nachteile zu erleiden. Manche möchten keine zusätzliche Belastung für das Team sein oder Konflikte vermeiden. Häufig spielt auch der Wunsch nach Kontrolle eine Rolle. Wer seine Erschöpfung verschweigt, glaubt, die Situation selbst im Griff zu behalten. Zudem wollen viele das eigene Selbstbild wahren um kompetent, belastbar und leistungsfähig zu erscheinen. Kurzfristig gibt das Sicherheit, langfristig verstärkt es aber die Isolation und verschlimmert die Belastung.
Pronova BKK: Warum ist Dauerstress zusammen mit fehlender Wertschätzung so ungesund für die Psyche?
Thamm: Weil hier 2 zentrale psychische Schutzmechanismen gleichzeitig geschwächt werden. Dauerstress raubt permanent Energie und erschöpft Körper und Geist. Fehlende Wertschätzung verhindert zugleich die Befriedigung psychologischer Grundbedürfnisse wie Sinn, Kompetenz und Zugehörigkeit. Dann entsteht ein gefährlicher Teufelskreis. Die Ressourcen werden immer knapper, das Gefühl der Entwertung wächst. Langfristig führt das zu Demotivation, innerem Rückzug, Konflikten. Und einem erhöhten Risiko für Burn-out, der lauten Schwester der leisen Überforderung.
Pronova BKK: Die Studie zeigt, dass das Führungsverhalten entscheidend ist: 52 % der Betroffenen sagen, Vorgesetzte fordern Dinge ein, die sie selbst nicht vorleben. Wie stark beeinflusst Führung die mentale Gesundheit?
Thamm: Anerkennung und Feedback der Führungskräfte sind kein „nice to have“, sondern entscheidend für psychische Stabilität und mentales Wohlbefinden. Vorgesetzte können durch ihre Art zu führen psychologische Sicherheit schaffen. Sie reduziert Stress, stärkt Engagement und fördert Vertrauen. Darüber hinaus wirken Wertschätzung, konstruktives Feedback und Lob positiv auf Motivation und Selbstwert. Fehlen dagegen Transparenz und Anerkennung entsteht Frustration und das Gefühl des Kontrollverlusts wächst – ein starker Stressfaktor im Arbeitsleben. Deshalb gilt: Wer respektvoll, fair und transparent führt, stärkt die mentale Gesundheit seines Teams.
Pronova BKK: Was hilft Betroffenen, um aus der stillen Überlastung herauszukommen?
Thamm: Eine Kombination aus Selbstreflexion, Selbstfürsorge und sozialer Unterstützung. 1. Schritt ist, regelmäßig innezuhalten und ehrlich zu reflektieren: Wie hoch ist mein Stresspegel? Habe ich noch Zugang zu meinen Bedürfnissen und Gefühlen? Dann gilt es, klare Grenzen zu setzen durch Arbeitszeiten, Pausen, Prioritäten. Hilfreich sind Gespräche mit Vorgesetzten oder Kolleg*innen, um die Belastung zu teilen. Wer über seine Erschöpfung spricht, bricht die Isolation. So wird signalisiert, dass Hilfe anzunehmen in Ordnung ist. Und schließlich: bewusste Regeneration durch Hobbys, soziale Kontakte, Achtsamkeit oder Entspannungstechniken.