Zwischen Techno-Stress und Zukunftsangst: Wie Beschäftigte heute gesund bleiben
Durch die Nutzung von KI verändert sich der Alltag vieler Arbeitnehmer*innen tiefgreifend. Das hat mentale Auswirkungen. Viele Beschäftigte fühlen sich überfordert, erschöpft und verlieren das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit. Andere versuchen trotz Stress und Erschöpfung weiter zu funktionieren. Die Pronova BKK hat die Herausforderungen in einer repräsentativen Befragung untersucht. Wirtschaftspsychologin Patrizia Thamm ordnet die Ergebnisse ein und sagt, wie Selbstfürsorge, Führungsverhalten und betriebliche Gesundheitsförderung dabei helfen, in einer beschleunigten Arbeitswelt gesund zu bleiben.
Pronova BKK: Patrizia, 60 % der Beschäftigten melden sich laut Studie krank, obwohl sie arbeitsfähig wären. Sie treffen damit die sogenannte Bettkantenentscheidung. Wie bewertest du dieses Verhalten aus Sicht der Prävention? Ist das eher ein Zeichen von Nachlässigkeit oder von wachsendem Gesundheitsbewusstsein?
Thamm: Wenn die Krankmeldung dazu dient, bei psychischer Überlastung oder körperlichen Beschwerden rechtzeitig zu handeln und gesund zu werden, dann ist sie ein Ausdruck wachsenden Gesundheitsbewusstseins und eine legitime und wertvolle Strategie der Selbstfürsorge. Problematisch wird es aber, wenn Krankmeldungen zur Ausweichstrategie werden. Z. B. bei jedem kleinen Problem, bei alltäglichem Stress oder nach jeder intensiven Arbeitsphase. Dann kann das auf eine geringe Frustrationstoleranz, fehlende Resilienz oder eine Überempfindlichkeit gegenüber Stress hinweisen. Fällt die Bettkantenentscheidung regelmäßig zugunsten der Krankmeldung aus, sollte man Ursachenforschung betreiben und gegebenenfalls Unterstützung suchen.
Pronova BKK: Gerade jüngere Beschäftigte melden sich deutlich häufiger krank, obwohl sie arbeitsfähig sind. Ist das auch ein Motivationsproblem?
Thamm: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Häufig steckt ein komplexes Zusammenspiel aus psychischer Belastung, Motivation und Arbeitskultur dahinter. Gerade die junge Generation legt viel Wert auf Sinn, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten. Fehlen diese Faktoren, kann das zu einem Motivationsdefizit führen. Arbeit wird dann eher als Pflicht empfunden, nicht als sinnvolle Tätigkeit. Das Ergebnis ist häufig ein stiller Rückzug weniger aus Bequemlichkeit, sondern aus fehlender Identifikation mit der Aufgabe.
Pronova BKK: Die Studie zeigt, dass viele Menschen mit Rückenschmerzen, Erkältung oder psychischen Beschwerden weiterarbeiten. Welche Risiken siehst du darin und wo verläuft die Grenze zwischen Engagement und Selbstgefährdung?
Thamm: Die Grenzen sind hier nicht klar gezogen. Wenn Engagement in Selbstaufopferung übergeht, wird die körperliche oder psychische Gesundheit ernsthaft gefährdet. Ein entscheidender Punkt ist der Verlust des Körperbewusstseins. Wer Symptome wie Schmerzen oder Erschöpfung ignoriert, riskiert langfristig eine Entkopplung von Körper und Geist. Das kann schwerwiegende Folgen haben, etwa chronische Beschwerden oder psychische Erkrankungen. Deshalb sollte man Warnsignale des Körpers ernst nehmen und ein Gespür entwickeln, wann die eigenen Belastungsgrenzen erreicht sind.