Pronova BKK: Anke, 46 % der Deutschen haben sich schon mal vor einem Arztbesuch eine Diagnose von KI-Systemen wie ChatGPT eingeholt. Wie bewertest du das?
Dr. med. Anke Hurst: Das ist erst einmal nachvollziehbar. Menschen haben schon immer versucht, sich selbst zu informieren, wenn sie Beschwerden hatten. Früher vielleicht in Büchern, bei Angehörigen oder mithilfe von Suchmaschinen. Heute fragen viele Menschen die KI, weil sie leicht verfügbar ist und schnell verständliche Antworten liefert. Die ausformulierten Erklärungen klingen oft sehr überzeugend. Dadurch kann der Eindruck entstehen, die Antworten seien auch verlässlich. Zusätzlich tendiert der Mensch dazu, Ergebnissen von Maschinen zu vertrauen. Dieser sogenannte „Automation Bias“ ist aus der Forschung belegt. Die überzeugend klingenden Antworten der KI können aber auch täuschen.
Pronova BKK: Warum?
Hurst: KI-Antworten sind nicht automatisch medizinisch verlässlich. Man kann nie wissen, aus welchen Quellen die Informationen stammen, die die KI liefert, und ob es sich dabei nicht sogar um Halluzinationen der KI handelt. Allgemein verfügbare KI-Angebote arbeiten nicht zwingend mit aktuellen Leitlinien oder geprüften medizinischen Quellen. Zur Veranschaulichung: Forscher*innen erfanden das Krankheitsbild „Bixonimania“, ein angebliches Haut- und Augenleiden, um zu prüfen, ob und wie KI Fehlinformationen aufnimmt. Sie stellten zwei Artikel online und kurz darauf lieferten KI-Systeme Informationen über die erfundene Krankheit als vermeintlich reale Fakten. Das Beispiel zeigt: KI kann veraltete, unvollständige und schlicht falsche Informationen geben. Ein weiterer entscheidender Punkt ist der Prompt, also die Anfrage und Dateneingabe durch die Nutzer*innen. Die KI hat nur die von den Patient*innen eingegebenen Daten. Wenn wichtige Angaben fehlen, beispielsweise weil die Nutzer*innen sie nicht als relevant erachten, kann auch die Antwort nicht zuverlässig sein.
Pronova BKK: Trotzdem ist das Vertrauen in die KI hoch. 31 % der Befragten haben nach einer KI-Recherche bereits auf einen Arztbesuch verzichtet. Wie riskant ist das?
Hurst: Das lässt sich nicht pauschal sagen, weil Krankheitsbilder und Patient*innen sehr unterschiedlich sind. Bloße Befindlichkeitsstörungen und leichte Erkrankungen, die mit oder ohne Arztbesuch vorübergehen, sind eher unkritisch zu sehen. Es sollte auch nicht wegen jeder leichten Beschwerde ärztlicher Rat eingeholt werden. Junge, gesunde Menschen mit leichtem Husten und etwas Abgeschlagenheit können in der Regel erst einmal abwarten, bevor ein Praxisbesuch nötig wird. Bei Kindern, älteren Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen ist jedoch mehr Vorsicht geboten. Starke Schmerzen und Einschränkungen, sehr ungewöhnliche Beschwerden oder Symptome, die sich nicht wie erwartet bessern oder sich sogar verschlimmern, sollten ärztlich abgeklärt werden. Generell gilt: Nicht blind auf die KI vertrauen und im Zweifel lieber einmal mehr ärztlichen Rat einholen als einmal zu wenig.
Pronova BKK: Viele Patient*innen kommen inzwischen mit einer KI-Einschätzung in die Praxis. Hilft das im Gespräch weiter?
Hurst: Sich vorab zu informieren, ist grundsätzlich nichts Verwerfliches und nachvollziehbar. Schwierig wird es jedoch, wenn Patient*innen nach der Nutzung einer KI mit einer festen Ansicht in die Praxis kommen und lediglich erwarten, dass eine bestimmte Untersuchung angeordnet oder ein bestimmtes Medikament verschrieben wird. Wenn die Informationen, die die Person von der KI erhalten hat, sich von der ärztlichen Einschätzung unterscheiden, kann dies aber gegebenenfalls Anlass für Nachfragen oder ein Gespräch sein, in dem Unklarheiten oder Sorgen sichtbar werden, auf die die Ärztin oder der Arzt eingehen kann.
Pronova BKK: Warum ist es wichtig, die von einer KI generierten Informationen im Arztgespräch offen anzusprechen?
Hurst: Ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis ist wichtig. So können Patient*innen bei Zweifeln offen ansprechen, dass sie zuvor eine KI befragt haben. Bedenken sollten Patient*innen: In eine ärztliche Diagnose und Behandlung fließen sehr viele Informationen ein, die den Patient*innen vielleicht nicht bewusst sind. Dazu gehören die gesundheitliche Vorgeschichte, Vorerkrankungen, Lebensumstände, eingenommene Medikamente sowie die ärztliche Einschätzung im persönlichen Kontakt und anhand der Untersuchung. Vieles davon geben Patient*innen gar nicht in die KI ein, da sie nicht wissen, welche Informationen medizinisch relevant sein könnten. Liefert die KI eine abweichende Einschätzung, lässt sich gemeinsam klären, was zutrifft und was im konkreten Fall nicht passt. Mein Rat deshalb: Wenn KI genutzt wird und Unklarheiten bestehen bleiben, sollten diese offen angesprochen werden.
Pronova BKK: Woran erkennen Nutzer*innen, dass sie ärztlichen Rat brauchen?
Hurst: Wie bereits erwähnt, ist das sehr individuell. Wer unsicher ist, sollte sich nicht allein auf einen KI-Chatbot verlassen, sondern medizinisch geprüfte Anlaufstellen nutzen. Bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden kann rund um die Uhr der bundesweite Patientenservice unter der Telefonnummer 116117 dabei helfen, die Symptome einzuordnen. Auf der zugehörigen Website www.116117.de besteht sogar die Möglichkeit, die Symptome anonym und unverbindlich in das „Patientennavi“ einzugeben, Folgefragen zu beantworten und eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen zu erhalten. Dort wird eingeordnet, ob sofortige Hilfe nötig ist, ein Praxisbesuch ausreicht oder ob zunächst abgewartet werden kann. Man kann das auch einfach mal ausprobieren, um es im Bedarfsfall dann schon zu kennen. Bei akuten Notfällen gilt immer: 112 wählen!
Pronova BKK: Gerade junge Menschen nutzen KI häufig für Gesundheitsfragen. Wird KI zur neuen ersten Anlaufstelle?
Hurst: Es ist davon auszugehen, dass die Nutzung weiter zunehmen wird. So wie Google früher für viele die erste Anlaufstelle war, weil die Suchmaschine leicht zugänglich ist, wenden sich heute immer mehr Menschen an KI. Entscheidend ist jedoch, welches Angebot genutzt wird. Wünschenswert wären medizinisch geprüfte KI-Angebote, die auf Leitlinien, wissenschaftlichen Quellen und verlässlichen medizinischen Informationen beruhen. Die Nutzer*innen müssen die Antworten der KI trotzdem immer kritisch hinterfragen und die Fakten checken. Dabei gibt es aus meiner Sicht ein Dilemma: KI-Systeme funktionieren einerseits umso besser, je mehr Informationen und Kontext mit dem Prompt eingegeben werden. Andererseits sollten sich Patient*innen gut überlegen, ob sie der KI wirklich umfassende persönliche und gesundheitliche Daten geben möchten, von denen unklar ist, wofür sie am Ende verwendet werden. Ärzt*innen unterliegen hingegen der Schweigepflicht.
Pronova BKK: Wo kann KI im Gesundheitsbereich sinnvoll unterstützen?
Hurst: Verantwortungsvoll eingesetzt, hat KI großes Potenzial und wird auch definitiv immer mehr Einzug in die Medizin halten. Beispielsweise kann medizinisches Personal bei patientenfernen Aufgaben wie der Organisation, Dokumentation oder auch Routinetätigkeiten entlastet werden. Auch als Werkzeug bei der Diagnosefindung und Behandlungsplanung wird KI schon teilweise eingesetzt und entwickelt. Dabei muss betont werden, dass die Letztverantwortung immer bei einem Menschen – hier bei der Ärztin oder dem Arzt – liegen muss. Wenn durch den Einsatz von KI wieder mehr Zeit für den ärztlichen Kontakt mit Patient*innen frei würde, wäre das ein echter Gewinn.
Pronova BKK: Wo könnte KI Patient*innen im Umgang mit einer Erkrankung unterstützen?
Hurst: Die KI könnte auch Patient*innen direkt helfen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Denkbar wären verlässliche, medizinische KI-Chatbots, die geprüfte Daten verwenden. Sie könnten nach einer ärztlich gestellten Diagnose dabei helfen, die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten besser zu verstehen, und Nachfragen beantworten. Eine Hoffnung wäre, dass medizinisch verlässliche KI-Angebote die Gesundheitskompetenz der Menschen stärken und zu einer gesünderen Lebensweise beitragen können. Nicht zuletzt hat KI viel Potenzial, die Versorgung von Menschen in Ländern mit weniger umfassenden Gesundheitssystemen zu unterstützen.
Pronova BKK: Laut unserer Studie nutzen auch ältere Menschen KI zunehmend für Gesundheitsfragen. Wie erklärst du dir das?
Hurst: Ältere Menschen haben oft mehrere chronische Erkrankungen. Nicht alle sind geübt darin, in Arztgesprächen nachzufragen und Unklarheiten anzusprechen, oder sie trauen sich nicht. Es fällt auch vielen schwer, sich die zahlreichen Details des Gesprächs in der Aufregung zu merken – das ist bei jüngeren Patient*innen nicht anders. Ein medizinisch geprüfter KI-Chatbot, der vielleicht sogar in Arztpraxen eingesetzt wird, könnte hier unterstützen. Er könnte Begriffe erklären, Informationen wiederholen und dabei helfen, Wissen zu vertiefen. Trotzdem sollten Patient*innen die wichtigsten Fragen direkt mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt klären. Denn nur sie können einschätzen, welche Informationen für die jeweilige Person in ihrer Situation relevant sind. Ein Tipp noch ganz klassisch ohne KI: Fragen aufschreiben, zum nächsten Arztbesuch mitnehmen und auch die Antworten notieren, damit man sie zu Hause noch einmal durchgehen kann. Und wer die Möglichkeit hat, sollte eine vertraute Person zum Termin mitnehmen.