Pronova BKK: Knapp jede*r 5. Beschäftigte stuft das eigene Burn-out-Risiko aktuell als hoch ein. 2/3 haben bereits Burn-out-Fälle beobachtet oder waren selbst betroffen. Aber auch Unterforderung (Bore-out) tritt immer häufiger auf, vor allem bei jungen Beschäftigten. Klingt erst mal gegensätzlich. Wie passt das zusammen?
Thamm: Beide Phänomene sind Ausdruck derselben Dynamik. Einer Arbeitswelt, die extreme Anforderungen stellt und gleichzeitig an vielen Stellen Sinn entzieht. Einerseits führen Leistungsdruck, Flexibilisierung und Digitalisierung zu permanenter Überforderung. Andererseits erleben viele Beschäftigte Monotonie, fehlende Sinnhaftigkeit und Unterforderung. Sowohl bei Dauerstress als auch bei Langeweile handelt es sich letztlich um ein Missverhältnis zwischen Anforderungen, Ressourcen und Sinn, das Burn-out und Bore-out begünstigt.
Pronova BKK: Woran erkenne ich, dass ich Burn-out-gefährdet bin?
Thamm: Typische Anzeichen sind anhaltende körperliche und emotionale Erschöpfung selbst nach Ruhephasen oder verminderte Leistungsfähigkeit. Innere Distanzierung und Gleichgültigkeit gegenüber Arbeit oder Mitmenschen können ebenfalls ein Warnsignal sein. Körperlich zeigen sich oft chronische Müdigkeit, Schlafstörungen, Kopf- oder Rückenschmerzen und ein dauerhaft geschwächtes Immunsystem – ohne medizinische Ursache. Weil Burn-out schleichend entsteht, ist es so gefährlich. Wer über Wochen oder Monate mehrere dieser Signale bemerkt, sollte daher frühzeitig gegensteuern.
Pronova BKK: Wie kann ich einem Burn-out vorbeugen?
Thamm: Wer regelmäßig den eigenen Stresspegel, die Energie und Stimmung reflektiert, erkennt Warnsignale früher. Ebenso wichtig sind klare Grenzen. Pausen einhalten, Überstunden vermeiden, „Nein“ sagen können. Auch soziale Unterstützung ist entscheidend. Gespräche mit Kolleg*innen, Freunden oder Familie helfen, Belastungen einzuordnen. Und schließlich: bewusste Regeneration. Für jeden Menschen sind andere Ressourcen wertvoll, ob Sport, Musik, Natur, sozialer Austausch oder Achtsamkeit. Wichtig ist, diese Energieinseln regelmäßig zu aktivieren, um Erholung und innere Balance zu sichern.
Pronova BKK: Was kann ich als Führungskraft tun, damit es in meinem Team gar nicht erst dazu kommt?
Thamm: Ein positives, respektvolles Betriebsklima ist eine der besten Burn-out-Präventionen. Ein Umfeld, in dem Belastung offen angesprochen werden darf, sorgt für psychologische Sicherheit. Zudem braucht es Aufmerksamkeit für Arbeitsorganisation, realistische Zielsetzungen und faire Aufgabenverteilung. Wer erkennt, dass Mitarbeitende überlastet sind, sollte aktiv Ressourcen bereitstellen oder entlastende Maßnahmen ermöglichen. Außerdem ist der Zugang zu betrieblichen Unterstützungsangeboten, wie EAP-Programmen wertvoll, die vertrauliche Beratung und Hilfestellung bei persönlichen, beruflichen oder psychischen Problemen bietet. Ebenso wichtig ist das Angebot für regelmäßige Gespräche über Arbeitszufriedenheit, Stress und Herausforderungen.
Pronova BKK: Vor allem die Generation X, also die aktuell Mitte-40-Jährigen, sind von Burn-out betroffen. Was würden Sie sagen, sind die Hintergründe?
Thamm: Diese Generation ist in einer Zeit groß geworden, in der Leistungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Selbstoptimierung zentrale Werte waren. Viele tragen hohe Erwartungen an sich selbst. Sie haben gelernt, Belastung eher zu verdrängen als Grenzen zu setzen. Selbstfürsorge war früher kaum ein Thema, Regeneration galt als Schwäche. Das kann sich rächen und zu chronischem Stress führen. Hinzu kommt die Doppelbelastung für Kinder und gleichzeitig für alternde Eltern. Das erzeugt dauerhafte Beanspruchung und verhindert Erholungsphasen.